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Pflegeheime neu denken

Thomas Klie: Schirmt Menschen mit Demenz nicht ab!

Freunde, Nachbarn, Arbeitgeber – alle sind gefragt. Demenzkranke müssen viel mehr Teil der Gesellschaft werden, fordert der Gerontologe und Rechtswissenschaftler Thomas Klie. Ein Gespräch

Der Schauspieler Clemens Schick erzählte vor einigen Wochen im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, er habe seine demenzkranke Mutter fast immer allein im Pflegeheim besucht; er bedauere, dass nie Freunde mitgekommen seien (er aber auch nie danach gefragt habe). Dem Gerontologen und Rechtswissenschaftler Thomas Klie („Recht auf Demenz“, Hirzel-Verlag, 2021) ist dieses Bedauern Teil seines Anliegens: In seinem Buch „Recht auf Demenz“ (Hirzel-Verlag, 2021) plädiert er für ein gemeinschaftliches Sorgen statt der Abwälzung der Pflege auf Familie und Heime. Deutschland stehe an einer Wende in der Versorgung und Betrachtung von Menschen mit Demenz. Was es brauche, seien Empathie statt Kälte, Solidarität statt Gier. Wir fragten Thomas Klie, wie dieser neue Umgang mit Demenz genau aussehen könnte.

pflegen-online: Herr Professor Klie, wenn wir Demenz nicht heilen können, so schreiben Sie in Ihrem Buch, müssen wir mit Demenz leben lernen. Eine solidarische und empathische Gesellschaft müsse, so Ihr Appell, Menschen mit Demenz ein Recht auf diese Lebensform, ein Recht auf Demenz also, einräumen. Tut unsere Gesellschaft das denn nicht? Oder: nicht genug?

Thomas Klie: Zunächst einmal: Es ist von einer Gesellschaft nicht gerade wenig verlangt, Menschen mit Demenz zu begegnen, denn: Eigentlich passen sie ja nicht richtig hinein. Unser Leben, unsere Welt ist geprägt von Rationalität, von einem bestimmten Verständnis von Autonomie, zunehmend auch von Algorithmen. Menschen, die an der Supermarktkasse stehen und nicht mehr wissen, was sie aufs Band gelegt haben, passen da einfach nicht, erscheinen uns gar bedrohlich. Wir sind hier in unserem Menschenbild herausgefordert.

Und doch sagen Sie: Wir müssen damit umgehen lernen. Wie kann das gelingen?

Wir müssen uns anthropologisch aufschließen. Damit meine ich, dass wir als weltoffene Menschen unsere Haltung erweitern müssen. Das gilt für uns als Individuen, aber auch für Pflegeheime. Die Corona-Pandemie hat eine gewisse Charakterstruktur unserer Gesellschaft offenbart, die vorher ganz gut verborgen lag: Nämlich, dass wir schnell bereit sind, Menschen mit Demenz und alle anderen, die nicht so funktionieren, wie wir uns das vorstellen, paternalistisch zu begegnen, sie abzuriegeln. Es kommt aber darauf an, dass wir uns den Menschen mit Demenz öffnen, sie als Boten einer anderen Realität sehen, sie mit ihren Emotionen, ihrer besonderen Wahrnehmungsfähigkeit anerkennen, vielleicht gar von ihnen und den Glücksmomenten, die sie ja durchaus erleben, lernen.

Das ist aus philanthropischer Sicht sicher ein erstrebenswerter Ansatz – aber wie sähe das in der Praxis aus, was schwebt Ihnen vor?

Wir müssen hin zu einer Caring Community, also zu einer Gemeinschaft, die zusammen Sorge trägt, Sorge teilt, um faire Bedingungen in der Sorge ringt. Denn uns muss klar werden: Wir können die würdevolle Begleitung von Menschen mit Demenz nicht delegieren. Nicht an den Markt, nicht an den Staat, nicht allein an die Familie oder Pflegeheime. Das ist aber das, was gerade und schon seit Jahren passiert: Zum einen beteiligen sich immer mehr Investoren an der Pflege. Das ist insofern gut, als sich die Infrastruktur entwickeln kann. Dabei stehen hier allerdings häufig Gewinnmaximierung und Kosteneinsparungen im Vordergrund. Nicht selten wird versucht, diese Ziele über eine Reduzierung des Personals zu erreichen.

Zum anderen wurden im Zuge der Einführung der Pflegeversicherung industrieähnliche Strukturen entwickelt, wurden Qualitätsstandards für die Betreuung eingeführt. Hier wird mit Kontrollmechanismen gearbeitet, die mittlerweile eine problematische Selbstreferenzialität entwickelt haben. Das heißt, hier geht es häufig eher darum, dem Kontrolleuren gerecht zu werden als den Bewohnern. Es wird antizipiert, was die Kontrollbehörden, Medizinischer Dienst oder Heimaufsicht von einem erwarten. Das sorgt sicher nicht für eine Souveränität der Pflegenden, für Empathie und Eigenverantwortung. Im Gegenteil: Gefördert wird hier das Autoritäre, gar eine polizeiliche Vorstellung von Qualität. 

Zu Ihrem Konzept der „Caring Community“: Wie könnte das aussehen, wer würde hier in die Pflicht genommen?

Ich plädiere für ein gemeinschaftliches Ringen um gute Bedingungen, für einen Hilfe-Mix: Zum einen braucht es eine Rückverlagerung von Verantwortung auf die kommunale Ebene. Städten und Gemeinden sollten mehr Gestaltungsmöglichkeit und Ressourcen gegeben werden, um vor Ort Lösungen für die Versorgung ihrer Bürger mit Demenz zu finden. Es braucht Rahmenbedingungen, die Menschen mit Demenz ein gutes Leben eröffnen. Zusätzlich müssen die Bedingungen jener Menschen, die sich professionell um die Hilfsbedürftigen kümmern, verbessert werden. Aber, und nun kommt es: Es können Sorgeaufgaben neu und anders auf die Nachbarschaft, die Familie, den Freundeskreis der Menschen mit Demenz verteilt werden.

Das werden viele nicht gern hören: Sind die Menschen, gerade in der Mitte ihres Lebens, nicht ohnehin schon sehr belastet? Den Lebensunterhalt verdienen bei steigenden Mietpreisen und Unterhaltskosten, die eigenen Kinder versorgen und betreuen – da ist die On-Top-Pflege älterer Angehöriger viel verlangt.

Unterschätzen Sie die Menschen nicht. Gerade in Deutschland, das erlebe ich immer wieder, gibt es eine große Bereitschaft zur Pflege, die Deutschen sind pflegeerfahren. Sie sind offen für neue Pflegearrangements. Aus meiner Sicht sind auch die Arbeitgeber gefragt: Sie müssen dafür sorgen, dass die Pflege eines Angehörigen mit dem Beruf zu vereinen ist.

Welche Rolle käme aus Ihrer Sicht den Pflegeheimen zu?

Heime können gute Orte für Menschen mit Demenz sein. Sehr viele Heime leisten wunderbare Arbeit, vor allem, wenn sie von der Führung, von der Haltung her den richtigen Weg eingeschlagen haben. Doch ich erlebe auch Heime, die sich nachgerade hermetisch abriegeln, die sich nicht stören lassen wollen von Angehörigen und Besuchern, denen die Abschottung durch Corona gerade recht kam. Doch das ist der falsche Weg.

Sie sollten sich also öffnen statt abschotten?

Genau! Denn es wird doch immer offensichtlicher: Heime sind – mit ihrem immensen Verbrauch an Personalressourcen – kein Modell für die Versorgung insgesamt. Einfaches Gedankenspiel: Wenn alle Menschen in Heime kämen, würde das Personal nicht reichen, könnten die Einrichtungen gar nicht betrieben werden.

Richtig wäre es zu sagen: Wir als Heim sind nicht nur gut mit unserem Personal und unseren Dienstleistungsangeboten, sondern wir laden auch Bürger zu uns ein, ebenso die Angehören und Zugehörigen, mit ihren Begabungen, mit ihrer Empathie und Kreativität und Humor, den Alltag mitzugestalten, mitzuschwingen. Mehr noch: Heime könnten als örtliche Kompetenzzentren all ihr Wissen, all ihre Fertigkeiten im Umgang mit Demenz auch anderen vermitteln. Wer das schon gut löst, und zwar in besonderer Weise, sind ambulant betreute Wohngemeinschaften, die im Modus der geteilten Verantwortung bewirtschaftet werden. So kann eine gute Versorgung aus meiner Sicht künftig – vor allem in post-pandemischen Zeiten – gelingen: in einer Co-Produktion.

Interview: Romy König

 

 

 

 

 

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Foto: Marc Doradzillo Der Gerontologe und Rechtswissenschaftler Thomas Klie
Foto: Natalia Y/Unplash

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