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Umfrage Bremer Angestelltenkammer

Tausende Ex-Pflegekräfte würden wieder einsteigen … 

… wenn sich bloß die Arbeitsbedingungen änderten. Dies ist längst nicht die einzige gute Nachricht der bisher wohl größten Stimmungsumfrage (13.000 Teilnehmer) unter Pflegekräften

Bremen ist das kleinste Bundesland, dazu noch arm, doch in puncto Gesundheit und Pflege sticht es gerade hervor: Erst durch seine erfolgreiche Impfkampagne, jetzt durch eine Mammut-Befragung „Ich pflege wieder, wenn …“von Pflegekräften. Initiator der Umfrage ist die Arbeitnehmerkammer Bremen: Sie hatte zunächst im Jahr 2020 rund 1.000 Teilzeitpflegekräfte und Pflegeaussteiger aus Bremen und Bremerhaven gefragt, was sich verändern müsste, damit diese mehr Stunden arbeiten beziehungsweise wieder in ihren erlernten Beruf zurückkehren würden.

Fast alle Pflegekräfte mögen ihren Beruf 

Das Ergebnis erstaunte im Frühjahr 2021: 60 Prozent der Ausgeschiedenen und 50 Prozent der Teilzeitbeschäftigten waren bereit, über eine Stundenerhöhung oder einen Wiedereinstieg nachzudenken – unter einer wesentlichen Voraussetzung: Die Arbeitsbedingungen müssten sich ändern. „Wir wollten dann wissen, ob das eine Bremer Besonderheit war oder für das ganze Bundesgebiet gilt“, sagt die Geschäftsführerin der Arbeitnehmerkammer Bremen Elke Heyduck.

So machte sich die Arbeitnehmerkammer Bremen auf die Suche nach Kooperationspartnern, denn eine Befragung in der Größenordnung war nicht allein zu stemmen. Zusammen mit der Arbeitskammer Saarland sowie dem Institut Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen, gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung, befragte die Bremer Arbeitnehmerkammer im Herbst fast 13.000 Pflegekräfte deutschlandweit, was sie motivieren würde, ihre Stunden zu erhöhen oder wieder in die Pflege einzusteigen. Die Ergebnisse der Online-Befragung „Ich pflege wieder, wenn …“ sind auch deutschlandweit vergleichbar mit denen aus Bremen.

5 ermutigende Ergebnisse der Bremer Befragung

Erstmals wurde auch das Potenzial für Beschäftigte in der Pflege hochgerechnet, die ihrem Beruf abgeschworen haben, sich aber unter verbesserten Arbeitsbedingungen eine Rückkehr vorstellen können. Die herausragenden Ergebnisse und Hochrechnungen der Befragung:

  • Knapp die Hälfte der befragten Teilzeitkräfte wäre bereit, ihre wöchentliche Arbeitszeit im Mittel um 10 Stunden zu erhöhen.
  • Gut 60 Prozent der „ausgeschiedenen“ Pflegekräfte wäre bereit, mit einem Stundenumfang von durchschnittlich 30 Stunden wieder in der Pflege zu arbeiten.
  • 300.000 bis 660.000 Vollzeit Pflegekräfte könnten nur durch Rückkehr in den Pflegeberuf und Aufstockung von Stunden bei Teilzeitkräften gewonnen werden.
  • Aus der Gruppe der „ausgestiegenen Pflegefachkräfte“ ergibt sich ein Potenzial von 263.000 Vollzeitäquivalenten nach konservativer Hochrechnung, optimistisch sogar bis zu 583.000.
  • 39.000 Vollzeitstellen kommen konservativ gerechnet zusammen, wenn Teilzeitbeschäftigte in der Pflege bereit sind, ihre Stundenzahl aufzustocken. Bei optimistischen Rechenmodellen würden sogar bis zu 78.000 Vollzeitäquivalente möglich sein – nur durch Aufstockung der Stunden.

Arbeitsbedingungen: Was Pflegekräften am wichtigsten ist

Viele der Dinge, die sich die Befragten wünschen, hängen mit der Personalbesetzung zusammen, ber längst nicht alle. Die 5 wichtigsten Aspekte sind für sie:

  1. mehr Zeit für eine qualitativ hochwertige Pflege durch eine bedarfsgerechte Personalbemessung
  2. Kollegialität und Umgang auf Augenhöhe mit der Ärzteschaft sind den Befragten genauso wichtig wie ein wertschätzender Umgang seitens der Vorgesetzten.
  3. verbindliche Dienstpläne
  4. vereinfachte Dokumentation

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Die zentrale Frage lautet nun: Werden sich die Arbeitsbedingungen schnell genug ändern? Die Arbeitnehmerkammer habe mit Hoffnung den neuen Koalitionsvertrag gelesen und gute Ansätze, wie die interimsweise Einführung der PPR 2.0, entdeckt, sagte Elke Heyduck bei der Präsentation der Ergebnisse. „Aber ich muss sagen, wir sind jetzt doch sehr skeptisch und befürchten, dass der Bereich Pflege angesichts anderer aktueller Herausforderungen, wie der Pandemie oder auch des Krieges in der Ukraine, nun wieder auf die lange Bank gerät. Das wäre aber verheerend.“

Die Forderungen der Arbeitnehmerkammer Bremen

Wichtig seien, so die Geschäftsführerin der Arbeitnehmerkammer Bremen, eine verlässliche, wissenschaftlich fundierte Personalbemessung in den Krankenhäusern sowie die rasche Umsetzung des angekündigten Personalbemessungsverfahrens (PeBeM). Eine angemessene Bezahlung gehörte ebenso auf die Agenda: Tarifbindung in der Altenpflege ohne Schlupfloch und Aufweichungen wäre ein erster Schritt. Pflegeboni oder Steuerbefreiungen für alle Pflegekräfte ein nächster. Politik und Arbeitgeber müssten, das hat auch die Befragung ergeben, aufhören, fachlich qualifizierte Pflege „am Ende doch wieder als Kostenfaktor“ zu sehen.

Moderner Führungsstil in Klinik und Heim verzweifelt gesucht

Auch für die Arbeitgeber gebe es viel zu tun: Pflegekräfte fühlten sich – das hat die Umfrage deutlich gemacht – oft immer noch als Handlanger der Ärzte. Gerade in Kliniken müsste das Management den gut ausgebildeten Pflegefachkräften eine ihrer Fachlichkeit entsprechende Rolle einzuräumen. Die Arbeitszufriedenheit ließe sich teilweise auch ohne mehr Personal erreichen, wenn Vorgesetzte wertschätzend und respektvoll mit Pflegekräften und anderen Mitarbeitern umgehen. Arbeitgeber würden das Problem inzwischen häufiger thematisieren, aber die Befragung habe gezeigt, dass hier noch Luft nach oben ist. Leitungskräfte müssten fortbilden, um ihre Führungsaufgaben besser wahrzunehmen. Auch könnten Arbeitgeber durch transparente und individuelle Dienstplangestaltung den Beruf attraktiver machen. Flex- und Ausfallpools sowie andere Modelle helfen dabei, dass freie Zeiten für die Pflegekräfte auch wirklich frei blieben.

Die Studienergebnisse im Detail sowie die Kurz- und Langfassung des Berichtes finden Sie hier

Info: Wer wurde gefragt?

Die Befragten hatten überwiegend eine mindestens dreijährige Ausbildung in der Pflege (84 Prozent in der Krankenpflege, 69 Prozent in der Langzeitpflege), Pflegekräfte mit ein- oder zweijährige Abschlüssen waren deutlich seltener vertreten (1,4 Prozent in der Krankenpflege, 15,9 Prozent in der stationären Langzeitpflege, 8,1 Prozent in der ambulanten Langzeitpflege). Die Potenzialberechnungen beziehen sich jedoch ausschließlich auf Fachkräfte mit dreijähriger Ausbildung.

Autorin: Alexandra Heeser

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