Pflegemanagement

Tattoos - Coolness-Faktor in Klinik und Heim

In vielen Branchen sind Tattoos ein Tabu. Nicht so in der Pflege. Mancher meint, Tätowierte seien gar die besseren Mitarbeiter …

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In Foren wird lebhaft diskutiert, ob Tattoos zum Pflegeberuf passen oder nicht. Die Uniklinik Schleswig-Holstein (UKSH) beantwortet die Frage positiv: In einem offiziellen UKSH-Werbevideo sind die präsentierten Krankenschwestern in der Neurologie an beiden Unterarmen mit deutlichen Tätowierungen zu sehen. In ihrer Freizeit trägt die Krankenschwester zudem – auch das zeigt der kurze Film - ein Nasenpiercing. Die Toleranz der Uniklinik mit Standorten in Kiel und Lübeck spiegelt einen Trend: Kaum ein Personalchef in Kranken- und Altenpflege kann es sich wohl noch leisten – auch und gerade wegen des Fachkräftemangels – gegen Tattoos zu wettern.

Ganz entspannt: Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene

Klar ist: Was jemand mit seinem Körper anstellt, ist zunächst einmal seine persönliche Entscheidung. Ob er sich eine modische Glatze rasiert, ob sie ihre Beine unrasiert lässt, ob ein Piercing am Bauchnabel existiert, ob sich jemand die Haare knallrot oder tiefschwarz färbt – alles reine Privatsache. Auch die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene sieht es nüchtern: „Tattoos stellen kein hygienisches Risiko für Patienten dar, außer wenn das betroffene Hautareal entzündet ist.“

Bild-Zeitung: Kundenkontakt problematisch

Eine andere Frage ist, ob diese privaten Vorlieben im Berufsleben ankommen oder eher verpönt sind. So belehrte uns die Bild-Zeitung schon vor drei Jahren: „Offiziell gibt es kaum jemand zu, aber in besonderen Positionen mit Kundenkontakt sind sichtbar Tätowierte in vielen Fällen ein Problem. Denn Tattoos mögen inzwischen zwar in der Mitte der Gesellschaft angekommen sein, aber längst nicht in allen Unternehmen und bei deren Kundschaft.“

Ein Heimleiter spricht von Unterschichtenphänomen

Ein Heimleiter, der hier lieber anonym bleiben möchte, glaubt zudem bei Ganzkörpertätowierungen einen Zusammenhang zur „kognitiven Mittel- und Unterschicht“ erkannt zu haben. Akademiker würden so etwas nicht machen, sagt er. Die Vermutung liegt nahe, dass gerade Branchen mit hohen Akademikerquoten deshalb Wert auf Tattoo-freie Zonen legen. Und umgekehrt akademikerfreie Branchen Tattoos zulassen?

Weniger Toleranz bei Polizei, Feuerwehr und Banken

Ganz eindeutig verläuft diese Trennlinie aber dann doch nicht. Dort, wo es eine große Öffentlichkeit gibt wie bei der Polizei, der Feuerwehr, auf Ämtern, bei Banken und in der Luftfahrt, scheint die Toleranz gegenüber Tattoos nicht grenzenlos. Es gibt dort zum Teil besondere Richtlinien, die auch auf die entsprechende Körperstelle zielen, an der das Tattoo platziert ist (sichtbar/unsichtbar) und auf das Motiv – rassistische, sexistische, religiöse oder politische Motive sind auf jeden Fall tabu.

„Bewohner loben Tattoos“

Dass man in Pflegeberufen hingegen relativ häufig auf Tattoos trifft, stellt auch die Bild-Zeitung fest. Während in der hauseigenen Chefetage Tätowierungen auf Kritik stießen, seien sie „für viele Patienten eine willkommene Abwechslung“. Das Blatt zitiert eine Wohnbereichsleiterin im Caritas-Altenheim, die von den Bewohnern „anstelle kritischer Blicke Lob und viele Fragen ernte“ für ihre Tattoos. Den älteren Damen habe es besonders „meine Strickliesel am Bein angetan“. Tattoos seien „in diesem Beruf oft ein schöner Eisbrecher“, berichtete die Mitarbeiterin. „Wir sprechen dann häufig über Handarbeit und Hobbys.“

„Tabu: Totenkopf und nackte Frau“

Aber auch hier kommt es aufs Motiv an, findet Dennis Zöphel. Der examinierte Altenpfleger und Blogger trägt selbst zwar kein Tattoo, überlegt aber, ob er sich noch eines stechen lassen solle. „Ein großer Totenkopf etwa auf dem Arm ist gerade in der Altenpflege aber ganz sicher unangebracht. Auch eine nackte Frau als Motiv hat dort meiner Ansicht nach nichts zu suchen.“ Grundsätzlich hätte er keine beruflichen Nachteile zu befürchten, da ist sich Zöphel ganz sicher.

„Tätowierte mit Herz und Seele dabei“

Er bestätigt, dass Tätowierungen bei Pflegekräften sehr verbreitet sind. Und noch etwas meint er beobachtet zu haben: „Gerade Pfleger mit Tätowierungen sind mit Herz und Seele dabei. Sie haben eine Meinung, zeigen Haltung und lassen sich in ihrem Beruf nicht alles gefallen.“ Auch in der Bloggerszene habe er diese Beobachtung gemacht, gerade bei Frauen, sagt Zöphel.

„Es ist offensichtlich, dass tätowierte Pfleger keine beruflichen Probleme bekommen durch die Tattoos, im Gegenteil. Sie zeichnen sich oft durch besondere Qualität und hohes Engagement in ihrem Beruf aus.“ Auch die hochbetagten Bewohner neigten nicht zu negativen Reaktionen, meint Zöphel, der in einem Altenpflegeheim der Diakonie in Düsseldorf arbeitet. „Wenn einige Chefs sich an den Tattoos stören, dann liegt das wohl meist daran, dass diese Chefs dann wohl auch selbst etwas seltsam drauf sind.“

„Kein Problem mit tätowierten Mitarbeitern“

Für Ugur Cetinkaya, Leiter der Seniorenresidenz SenVital in Ruhpolding, sind die Tattoos seiner Mitarbeiter „grundsätzlich gar kein Problem“. Wenn Bewohner sich daran stören sollten, müssten diese sich ein neues Heim suchen, nicht der tätowierte Pfleger, so die Devise des Pflegemanagers, der kürzlich vom Bundesverband Pflegemanagement zum Nachwuchs-Pflegemanager 2017 gekürt wurde. In der Praxis sei dies allerdings noch nicht vorgekommen. Cetinkaya, selbst mag allerdings keine Tattoos und würde sich auch keines stechen lassen, „weil es bislang keine einzige Langzeitstudie gibt, die deren Unbedenklichkeit bescheinigt“.

Autorin: Birgitta vom Lehn

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