Foto: Maren Schlenker

Corona-Pandemie

Stress: Wo Pflegekräfte sich gegenseitig beraten 

Das Evangelische Krankenhaus Göttingen-Weende macht gerade gute Erfahrungen mit dem moderierten Teamgespräch. Doch wie funktioniert diese Mischung aus Supervision, kollegialer Beratung und „einfach mal reden“?

Kein Nachname. Einfach "Brigitte". Wenn sie ans Telefon geht, meldet sie sich mit ihrem Vornamen. Unkonventionell für eine Pflege-Bereichsleiterin. Brigitte Gwisdorf-Menanteau arbeitet am Evangelisches Krankenhaus Göttingen-Weende. Ihr langer Nachname sei für Anrufer oft schwer zu verstehen, erklärt sie. "Brigitte" macht es ihnen leichter.

Welche Pflegekraft kann nach zehn Aufnahmen abends noch abschalten?

Die Situation leichter machen – dies trieb die Bereichsleiterin auch an, als sie die Pflegekräfte auf der Corona-Station fragte, was ihnen helfen könne, die Belastungen besser zu verkraften. Die Ausnahmesituation war längst zum Dauerzustand geworden. Mit jeder Corona-Welle wogte eine neue Patienten-Welle ins Haus. Manchmal musste die Station vier bis fünf Patienten gleichzeitig aufnehmen, bis zu zehn Aufnahmen an einem Tag. Ständige Unvorhersehbarkeit, oftmals Ringen um Leben und Tod. Dazu Lockdown, Besuchsverbot für Angehörige und Homeschooling. „Wir haben gemerkt, dass wir an unsere Grenzen kommen", sagt Brigitte Gwisdorf-Menanteau. Die Folge: „Man schaltet zu Hause nicht mehr ab." Dabei ist Regeneration für Corona-Pflegekräfte besonders wichtig, um emotional gut belastbar zu bleiben.

45-minütige Gesprächsrunde während der Arbeitszeit

Im Austausch mit der Personalabteilung entstand die Idee für eine strukturierte Gesprächsrunde. Das sei eine "Mischung aus Supervision, kollegialer Beratung und einfach mal reden", erläutert Brigitte Gwisdorf-Menanteau. Moderiert wird die Gesprächsrunde von Anne-Marie Heller, Referentin für Personalentwicklung im Evangelischen Krankenhaus Göttingen-Weende und ausgebildete Supervisorin, Mediatorin und Coach.

Nach einer dreimonatigen Testphase wurde die kollegiale Beratung zu einer festen Einrichtung. Inzwischen kommt das Pflegepersonal der Corona-Station einmal im Monat für 45 Minuten zusammen. Im Normalfall nehmen zehn bis zwölf Pflegekräfte an dem Treffen teil. Wenn die Corona-Vorschriften nur eine kleine Runde erlauben, reduziert sich die Teilnehmerzahl entsprechend. Bereichsleiterin Gwisdorf-Menanteau und Moderatorin Heller sind immer dabei, die Teilnehmer wechseln.

Pflegeteam der Corona-Station lernt sich besser kennen

"Die Gesprächsrunde ist freiwillig und findet in der Arbeitszeit statt", sagt Brigitte Gwisdorf-Menanteau. "Das ist mir wichtig." Was in der Beratung gesprochen wird, ist vertraulich und bleibt im Raum. Zu den Themen, die zur Sprache kommen, zählen Arbeitsorganisation, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Selbstfürsorge und teamorientierte Kommunikation, berichtet Gesprächsleiterin Anne-Marie Heller.

Das Pflegeteam auf der Corona-Station kennt sich seit Jahren. Trotzdem hat die regelmäßige Gesprächsrunde eine neue Vertrautheit geschaffen. Die Pflegekräfte haben unbekannte Seiten an ihren Kolleginnen und Kollegen kennengelernt. Moderatorin Heller hat dies bewusst befördert. Beim ersten Treffen bat sie alle Teilnehmer, sich mit etwas vorzustellen, was die Kollegen bisher nicht wussten. „Bei mir war es, dass ich jahrelang Standard getanzt habe", erzählt Bereichsleiterin Gwisdorf-Menanteau lachend. „Das hat die anderen überrascht." Manche Pflegekräfte erzählten etwas Privates, andere was Berufliches – es war jedem freigestellt.

Die Pflegekräfte wissen jetzt besser, wie ihre Kollegen „ticken“

Die Resonanz auf die kollegiale Beratung ist positiv. "Das tut mir gut", hört Brigitte Gwisdorf-Menanteau von ihren Mitarbeitern. Sie beobachtet, dass die Teilnehmer "mit einem Lächeln auf dem Gesicht" aus der Beratungsstunde gehen.

Außerdem sei die Zusammenarbeit offener geworden ist. Die Gesprächsrunde schaffe ein Bewusstsein dafür, dass Menschen unterschiedlich reagieren. Vielleicht wirkt der Kollege nur abweisend, weil er mal zwei Minuten Pause braucht? Die Pflegekräfte wüssten durch die regelmäßigen Gesprächsrunden besser, wie ihre Kollegen "ticken" und könnten sich darauf einstellen.

Viele Pflegekräfte trauen sich jetzt eher, Heikles anzusprechen 

Es herrsche ein größeres Vertrauen, sich dem Team zu öffnen und auch heikle Situationen anzusprechen. Brigitte Gwisdorf-Menanteau nennt ein Beispiel: "Wenn ein Patient stirbt, hat man manchmal das Gefühl, nicht genug getan zu haben, obwohl man alles richtig gemacht hat." Dieses Gefühl verschwinde nicht von selbst. "Man kann besser abschließen, wenn man die Situation hinterher bespricht." Das gemeinsame Aufarbeiten entlaste die einzelne Pflegekraft.

Der ausgeprägte Teamgeist auf der Corona-Station fällt auch Außenstehenden auf. Als im Februar wieder viele Covid-19-Patienten gleichzeitig ins Krankenhaus kamen, habe es großes Lob von Arztseite über "das geniale Zusammenspiel" des Pflegeteams gegeben, berichtet Bereichsleiterin Gwisdorf-Menanteau.

Kollegiale Beratung soll auch Mitarbeiter binden

Noch ist ungewiss, ob die kollegiale Beratung nach der Corona-Pandemie fortbesteht. „Mir ist wichtig, dass es nicht mein Programm, sondern ein Teamprojekt ist“, sagt Brigitte Gwisdorf-Menanteau. Sie möchte so lange weitermachen, "wie das Team sagt: Wir wollen das".

Personalreferentin Anne-Marie Heller erhält inzwischen auch Beratungsanfragen von anderen Stationen. Sie sieht die kollegiale Beratung auch als ein Instrument, um Mitarbeiter zu binden. Eine gute Vergütung reiche heutzutage nicht aus, um Pflegekräften zu halten. Heller: „Wir wissen, dass unsere Mitarbeiter zwei Beine haben und gehen können, wenn es ihnen bei uns nicht gefällt."

Martina Janning

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