Pflege und Politik

Streiken? Rebellieren? Das geht auch in der Pflege

Ärzte, Metaller und Piloten machen es vor. Jetzt regt sich auch die Pflege. Oft sogar erfolgreich. Lesen Sie den Auftakt zu unserer Porträtserie über Pflegekräfte, die sich getraut haben.

Inhaltsverzeichnis

Vor etwa zwei Jahren ist es so richtig losgegangen, erinnert sich Altenpfleger Enrico Sinkwitz. Sie haben mehrere aktive Pausen organisiert, mit der Presse geredet, ihre Forderungen in den sozialen Medien gepostet – und am 31. Mai 2017 ernst gemacht: Zwölf Stunden wurde die Frühschicht des DRK-Pflege- und Seniorenheims in der Dresdner Johannstadt bestreikt.

Frühschicht im Streik im DRK in Dresden

Abgesehen von der Notdienstbesetzung ging fast der gesamte Frühdienst auf die Straße, insgesamt waren es 70 Kollegen. „Das hat so gesessen, dass der Arbeitgeber noch immer Angst hat, dass wir wieder rausgehen“, sagt Sinkwitz. Der 33-Jährige arbeitet seit 2007 als Pflegefachkraft, mittlerweile ist er als Wohnbereichsleiter Chef einer Station mit 37 Bewohnern.

Der Erfolg: Bonus fürs Einspringen, verlässliche Pausen

Der Streik hat den Pflegekräften Respekt verschafft. „Die Heimleitung ist jetzt gesprächsbereit“, sagt Sinkwitz, der erst vor kurzem wieder in den Betriebsrat gewählt wurde und auch in der Tarifkommission sitzt. Nach mehrfachen Hinweisen und Vorschlägen des Betriebsrats hat die Heimleitung Anfang des Jahres ein Bonussystem fürs Einspringen eingeführt. Die Mitarbeiter haben außerdem erreicht, dass jetzt über einen Tarifvertrag mit der Gewerkschaft Verdi verhandelt wird. Mittlerweile pochen sie auch stärker darauf, dass der Dienstplan eingehalten wird und ebenso die Ruhezeiten.

„Endlich ein Pflegeheim mit Mut zum Streik“

Durch den Streik sei „ein ungeheurer Zusammenhalt entstanden“, betont Sinkwitz. „Endlich mal ein Pflegeheim, das sich traut zu streiken“, hat er seitdem oft gehört. Doch die Kollegen immer wieder zu motivieren, sei eine Herkulesaufgabe. „Es wird viel gemeckert, aber Pflegekräfte zu organisieren, ist schwierig.“

Meckern allein reicht nicht

Ähnliches hat auch Kathrin Lichtenecker im sächsischen Stollberg beobachtet. „Ganz viele sind sehr bequem, wollen nur nach Hause und die Beine hochlegen“, sagt die 48-jährige, die die interdisziplinäre Intensivstation eines kleinen Krankenhauses mit 235 Betten leitet: „Verantwortung mittragen können ganz wenige. Die meisten wollen geführt werden.“ Allerdings wüssten viele Mitarbeiter auch gar nicht, „was genau ihre Rechte sind“.

Verhärtete Fronten zwischen Pflege und Ärzten?

Die Stationsleiterin sitzt wie Enrico Sinkwitz in Dresden auch in der Tarifkommission. Derzeit erlebt sie ihre dritten Tarifverhandlungen und stellt fest, dass sich die Fronten zwischen den Berufsgruppen im Krankenhaus immer mehr verhärten. „Früher war das Miteinander besser, heute vertritt jeder nur die eigenen Interessen – und das wirkt sich auch auf den Umgang aus.“ Umso wichtiger sei es „für seine eigene Sache zu kämpfen und sich für unseren Berufsstand einzusetzen“, sagt Lichtenecker: „Immer mehr verstehen, dass sie etwas tun müssen.“

Mehr Mitglieder bei Verdi

Bei der Gewerkschaft Verdi in Berlin registriert man das mit Wohlwollen. „Unser Fachbereich Gesundheit und Soziale Dienste, in dem die Pflege einen großen Teil ausmacht, wächst“, sagt Sylvia Bühler vom Verdi-Bundesvorstand: „Die Pflege steht auf und wehrt sich, und dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen.“ Aktionen wie der „Nachtdienstcheck“ oder der „Tag der Händedesinfektion“ hätten die Personalnot öffentlich gemacht. „Keiner kann mehr behaupten, nicht zu wissen, was in den Krankenhäusern und Altenpflegeeinrichtungen los ist“, betont Bühler.

Teams stellen Arbeitgebern Ultimatum

Aktuell ermitteln Teams in Kliniken im ganzen Land mit dem „Soll-ist-voll-Rechner“ der Gewerkschaft, bis zu welchem Tag im Monat das vorhandene Personal bei einer angemessenen Personalausstattung reicht. Und immer wieder, so Bühler, „wenden Beschäftigte das Mittel des Ultimatums an“.

Aus dem Frei einspringen? Die Bereitschaft sinkt

Gemeinsam stelle das Team eine Forderung auf, etwa drei zusätzliche Stellen für eine Station, und setze dem Arbeitgeber eine Frist, der Forderung nachzukommen. „Sollte er diese Frist tatenlos verstreichen lassen, droht das Team mit der Verweigerung freiwilliger Leistungen“, erklärt Bühler: „Sie springen nicht mehr spontan ein, sie achten auf ihre Pausen und machen pünktlich Feierabend.“

Motiviert von solchen Aktionen - beispielsweise auch auf einer Krebsstation an der Uniklinik des Saarlandes - und dem viel beachteten Streik an der Berliner Charité im vergangenen Jahr, regt sich überall im Land Widerstand. Sich auch abseits vom Patientenbett für den Beruf zu engagieren, ist offenbar kein Tabu mehr.

Streik erstmals auch in Stollberg

Im Januar haben sie auch in Stollberg zum ersten Mal gestreikt. Das sei eigentlich nicht das erste Mittel der Wahl, sagt Kathrin Lichtenecker, „doch wir haben kein anderes Mittel mehr, um unseren Forderungen Nachdruck zu verleihen“. Weder Vorgesetzte noch die Politik würdigten die Verdichtung der Arbeit: „Die Wertschätzung ist sehr weit unten oder gar nicht vorhanden.“ Stattdessen werde die soziale Freundlichkeit der Kollegen immer wieder ausgenutzt, „und die Freizeit, die uns zusteht, wird beschnitten“.

Sackgasse Teilzeit

Auch deshalb gewinnt das Thema Teilzeit zunehmend an Bedeutung. „Das ist seit Jahren ein Fluchtweg, den ganz viele wählen“, sagt Johanna Knüppel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) – und oftmals ist es ein Abschied vom Pflegeberuf auf Raten. Die Allerwenigsten seien später bereit, ihre Stundenzahl wieder aufzustocken.

Lehrer in Altenpflege-Schulen gefordert

Hinzu komme gerade in der Altenpflege zunehmend eine Klientel mit geringerem Bildungsniveau und mangelndem Selbstbewusstsein: „Die meisten sind es gar nicht gewohnt, für sich selbst zu sprechen und nach außen aktiv zu werden.“ Ob sich trotzdem Interesse an berufspolitischer Arbeit zeige, hänge beispielsweise auch stark vom Engagement der Lehrer in den Pflegeschulen ab.

Johanna Knüppel (DBfK): Altenpflege rührt sich nicht

Von einer Aufbruchstimmung im Land mag Knüppel denn auch nicht sprechen. Ihre Kollegen in den vier Regionalverbänden berichten eher vom Gegenteil, sagt die DBfK-Sprecherin: „Von einer berufspolitischen Trendwende an der Pflegebasis sind wir weit entfernt – vor allem in der Altenpflege bewegt sich da seit Jahren fast nichts.“

„Politik hat Glaubwürdigkeit verloren“

Statt neuem Schwung überwiege inzwischen die Enttäuschung, ist Knüppel überzeugt. „Immer wenn sich etwas entwickelte, etwa durch Grassroots-Bewegungen, an denen sich auch Pflegende mit vielen kreativen Aktionen beteiligt haben, oder auch die Initiative ‚Pflege am Boden‘, wurde die Euphorie erstickt, weil sich letztlich doch nichts verändert hat.“ Da sei viel Motivation verbrannt worden, „die jetzt nicht mehr leicht zu wecken ist“, sagt Knüppel. Viele Kollegen wollten nur noch in Ruhe gelassen werden. „Die Glaubwürdigkeit politischer Absichtserklärungen ist heute gleich Null.“

„Die Teams sind erschöpft“

Auch deshalb scheint es zumindest kein Tabu mehr zu sein, nein zu sagen. „Wir hören immer öfter, dass Pflegende Zusatzarbeit konsequent ablehnen und in ihrer Freizeit auch nicht mehr ans Telefon gehen“, erklärt die DBfK-Sprecherin: „Die Teams sind erschöpft und verschlissen. Ihre Loyalität ist ausgereizt.“ Knüppel sieht Arbeitgeber und Politik in der Pflicht, für eine spürbare Verbesserung in der Pflege zu sorgen: „Sie müssen jetzt in Vorleistung gehen – in der Hoffnung, dass die Pflegenden dann nachziehen.“

Lesen Sie in den nächsten drei Wochen unsere Porträts über drei Pflegekräften, die sich erfolgreich für ihren Berufsstand engagieren…

… Kathrin Lichtenecker (erscheint am 26. Juni)

… Enrico Sinkwitz (erscheint am 3. Juli)

… Melanie Hentschel (erscheint am 10. Juli)

Autor: Jens Kohrs

Illustration: Götz Wiedenroth

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