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Christoph Springer (Mitte) auf einer Demonstration in Berlin im Oktober 2021  

Protest in der Pflege

Streiken als Pflegekraft – wie geht das eigentlich? 

Was macht man statt arbeiten? Wie reagieren die Kollegen? Wie die Chefin? Wir haben mit Christoph Springer, Auszubildender an der Charité, gesprochen 

An der Charité und an den zehn kommunalen Vivantes Krankenhäusern in Berlin ist der Streik der Pflegekräfte gerade zu Ende gegangen. Schon startet beim Asklepios-Konzern in Brandenburg der nächste Streik – an den Krankenhäusern in der Stadt Havel, in Teupitz und in Lübben sowie an zehn Tageskliniken. Das lässt leicht vergessen, dass Pflegekräfte in Deutschland gerade einmal vor sechs Jahren in größerem Rahmen erstmals gestreikt haben – ganz anders als Metaller und Eisenbahner, die schon seit Jahrzehnten dabei sind – selbst Ärzte haben bereits vor 15 Jahren republikweit die Aufmerksamkeit durch Streiks auf sich gezogen.

Weniger als jede zehnte Pflegekraft ist Gewerkschaftsmitglied   

Nach wie vor ist es nur eine recht kleine Gruppe von Pflegekräften, die in Deutschland in den Streik geht. Das hängt mit dem notorisch geringen Organisationsgrad der Pflegekräfte zusammen: Meistens ist weniger als jede zehnte Pflegekraft Gewerkschaftsmitglied. Punktuell – vor allem Großstädten – kann es auch schon mal jede Siebte sein. Zum Vergleich: Gut 60 Prozent der Krankenhausärzte sind Mitglied beim Marburger Bund. In Großbritannien ist es übrigens auch für Pflegekräfte gang und gäbe, in die Gewerkschaft einzutreten: Dort sind 465,000 - gut 63 Prozent - der examinierten Pflegekräfte Mitglied in der fast 100 Jahre alten Spartengewerkschaft Royal College of Nursing. Kein Wunder also, dass Pflegekräfte-Streiks in Großbritannien schon seit Jahrzehnten üblich sind.

Weil der Arbeitskampf den meisten Pflegekräften in Deutschland fremd ist, haben wir den 21-Jährigen Christoph Springer (auf dem Foto oben in der Mitte), der kürzlich in Berlin dabei war, nach seinen Erfahrungen gefragt.

pflegen-online: Warum haben Sie gestreikt?

Christoph Springer:  Ich bin seit April dieses Jahres Auszubildender, kenne die Arbeit im Krankenhaus aber schon länger, weil ich zunächst ein Pflegestudium angefangen hatte, das mir aber zu theorielastig war. Wie auch immer: Bei meinen Einsätze im Krankenhaus konnte ich schon Impressionen sammeln. Was ich häufig hörte: Das Gehalt mag vielleicht sogar ganz gut sein, aber was nützt es einem, wenn man die ganze Zeit das Gefühl hat, die Patienten nicht richtig versorgen zu können, wenn man auf ein Burnout zusteuert. Auch als Auszubildender wird man einfach mit reingeschmissen, es gibt wenig Praxisanleitung. Die ist ja nur möglich, wenn das Team gut aufgestellt ist. Bei Personalknappheit bleibt der Praxisanleiterin keine Zeit. 

Haben Ihre Kurskollegen auch gestreikt?

In meinem Kurs waren es nur ganz wenige, die ich aktivieren konnte. Ich bin mit einer Auszubildenden aus dem dritten Jahr noch zu Streikbeginn durch die Klassen gegangen, aber wir konnten leider nur vereinzelt Auszubildende motivieren. Aus meinem Kurs waren vielleicht zwei Leute auf der Demo, aber gestreikt hat niemand.

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Wie erklären Sie sich das?

Es gibt sicherlich Auszubildende, die die Probleme noch nicht so wahrgenommen haben, die ihren ersten Einsatz in einem relativ ruhigen Bereich# hatten. Einige sagen auch, dass sie sich nicht trauen als Auszubildende – was in gewisser Weise auch nachvollziehbar ist – und dann gibt es diejenigen, die schlichtweg kein Interesse haben.

Wie haben Ihre Kollegen auf Station darauf reagiert, dass sie streiken?

Ich war während der Zeit nicht in der Charité, ich hatte einen externen Einsatz in einer Tagespflege in Berlin-Reinickendorf. Dort gab es positive und negative Reaktionen. Einige Examinierte dort fanden es gut, dass ich mich trotz Ausbildungsstatus‘ engagiert habe. Ihr Eindruck war, dass es in den Krankenhäusern schon viele Defizite gibt.

Leider hatte ich viele Probleme mit der Chefin, der Pflegedienstleitung, der es natürlich lieber gewesen wäre, ich hätte normal gearbeitet. Mit ihr gab es Konflikte, die sich negativ auf die Arbeitsatmosphäre auswirkten. Das fand ich vor allem dahingehend Schade, da dies meine erste Erfahrung in der Altenpflege war, die dadurch leider einen negativen Beigeschmack hatte.

Wie viele Tage haben Sie wegen des Streiks gefehlt in der Tagespflege?

Mein Einsatz umfasste offiziell 30 Tage. 16 Tage davon war ich vor Ort , 8 Tage habe ich gestreikt, 6 Tage hatte ich Urlaub. Allerdings war ich auch während meines Urlaubs bei den Streikaktionen dabei.

Wie sieht eigentlich so ein Streiktag aus?

Man geht früh zum Streikposten vor der Klinik – das war bei mir der Campus Virchow. Das ist eine Art Lager mit Transparenten, Fahnen und Verpflegung für alle die an besagtem Standort gerade streiken: Man erscheint zu Dienstbeginn, vernetzt sich mit Kolleginnen und Kollegen und redet mit Leuten, die vorbeikommen, und sich wundern, was es mit dem Protest auf sich hat. Und natürlich ist man auch dort, weil für einen Teil des Personals – das, welches eigentlich arbeiten müsste - die Notdienstverordnung gibt. Das heißt, wenn es hart auf hart kommt, muss man einsatzbereit sein.

Am Nachmittag geht man dann meistens zu den zentralen Kundgebungen und abends ging es dann häufig noch ins Verdi-Haus, um Aktionen zu planen oder Abstimmungen über den Streikverlauf abzuhalten. Am Wochenende heißt es meistens auch: demonstrieren. Da kann dann schon einmal eine 6-Tage-Woche mit über 50 Stunden bei herauskommen (lacht). Das Ganze ging ja über 30 Tage – da habe ich mich schon oft gefragt: Wie wird das nur ausgehen? Wir waren als Delegierte ja auch bei den Verhandlungen der Tarifkommission dabei … und wenn man dann merkt, es geht nicht vor und zurück …

Sie waren bei den Tarifverhandlungen dabei?

Ich war dort als einer der Delegierten aus den Kursen. Wir saßen im Nebenzimmer, damit wir schnell befragt werden konnten, wenn es etwas zu entscheiden gab. Dass ging oft bis spät in die Nacht.

Ist es als Auszubildender nicht ein wenig heikel zu streiken?

Sicherlich, wegen der Fehltage. Es gab auch viel Diskussion darum, ob die Streiktage nun Fehltage sind so wie Krankheitstage. Einzelne Lehrer meinten sogar, die Streiktage gelten als unentschuldigte Fehltage. Die gesetzliche Grundlage dazu scheint relativ schwammig. Fest steht zumindest, dass wir für die Fehltage nicht bezahlt werden. Und: Man darf als insgesamt nur 10 Prozent in der Praxis und 10 Prozent in der Theorie fehlen.

Es scheint für mich gut ausgegangen zu sein: Ich habe von der Personalabteilung die Nachricht erhalten, dass die Tage als offizielle Streiktage und nicht als Fehltage eingetragen werden. Ob das das letzte Wort dazu ist, weiß ich nicht …

Freuen Sie sich über den Abschluss?

Nach bereits 30 Streiktagen war streckenweise wenig Hoffnung, dass sich etwas bewegen würde. Dass der Abschluss dann so positiv ausgeht - das hat viele überrascht. Aber letztlich ist die Zusage der Charité das Mindestmaß von dem, was gewährleistet sein muss. Mit weniger als dem zugesagten Personal ist eine adäquate Versorgung nicht zu gewährleisten.

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