Willkommensprämien

„Stoppt die Kopfgeldjagd!“

Manche Krankenhäuser zahlen inzwischen Willkommensprämien bis zu 10.000 Euro. Jetzt hagelt es Kritik aus den eigenen Reihen: Pflegeanbieter aus dem Ruhrgebiet sprechen von „Turbokapitalismus“

Inhaltsverzeichnis

Nicht besetzte Stellen, geschlossene Stationen, Überstunden: Der Fachkräftemangel ist unübersehbar. Während Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Ausland nach Alternativen sucht, gehen viele Kliniken und Pflegeheime eigene Wege. Sie locken potenzielle Bewerber mit hohen Willkommensprämien oder stellen eigenen Mitarbeitern Werbeprämie für die Vermittlung neuer Fachkräfte in Aussicht.

8 Prämien-Beispiele

Hier eine Liste mit kleine Auswahl an Beispielen, die sich beliebig verlängern ließe:

  • 10.000 Euro erhalten examinierte Vollzeitkräfte im Diakoniekrankenhaus Bremen als Willkommensprämie, wenn Sie wenigstens 18 Monate bleiben.
  • 8.000 Euro Willkommensprämie versprach das Herzzentrum Leipzig bis September 2019 Bewerbern mit Berufserfahrung und Fachweiterbildung.
  • 4.000 Euro für die neueingestellte Pflegefachkraft und noch einmal 4.000 Euro Werbeprämie für den Mitarbeiter, der die neue Kraft empfohlen hat, zahlt der städtische Klinikverbund, die München Klinik.
  • 2.000 Euro Prämie erhalten Gesundheits- und Krankenpfleger, die am Haus Curanum am Wendeberg (Bad Hersfeld) anfangen.
  • 1.800 Euro Willkommensprämie zahlt die Lebenshilfe Bonn für Altenpfleger und Gesundheits- und Krankenpfleger.
  • 2.000 Euro erhalten Pflegefachkräfte, die in den Flexpool der Vitanas GmbH in Berlin einsteigen.
  • 2.000 Euro Prämie für Mitarbeiter, die eine neue Pflegefachkraft vermitteln, gab es im Frühjahr 2018 an der Universitätsklinik Schleswig-Holstein.
  • einen Reisegutschein im Wert von 500 Euro erhalten Mitarbeiter am Klinikum Region Hannover, wenn sie erfolgreich einen neuen Kollegen werben.

München Klinik erfolgreich mit 4.000-Euro-Prämie

Die Krankenhäuser oder Pflegeheime, die Pflegekräfte dringend benötigen, sehen in den Prämien eine gute Möglichkeit, offene Stellen zu besetzen. So konnte die München Klinik seit Beginn der Aktion 100 neue Pflegekräfte gewinnen. Die Werbeprämie sei dabei eine Teilmaßnahme unter einer Vielzahl von anderen Maßnahmen, um für Bewerber attraktiv zu sein, sagt eine Kliniksprecherin. Man sei zudem überzeugt, dass eigene Mitarbeiter sehr gut einschätzen können, wer sich gut in ein bestehendes Team einfügt.

Klinikum Region Hannover punktet mit Reise-Gutscheinen

Auch das Klinikum Region Hannover zieht bisher eine positive Bilanz. Die im Juni 2019 gestartete Reisegutschein-Aktion sei gut angelaufen. Man habe bereits 14 der insgesamt 50 ausgelobten Gutscheine für eine erfolgreiche Vermittlung verteilen können, erklärt das Klinikum.

Die Alternative: Für gute Zwecke spenden

Aber die Prämien stoßen auch auf Kritik. „Der Prämienwahnsinn“ müsse aufhören, hat gerade die Ruhrgebietskonferenz Pflege gefordert. Die Ruhrgebietskonferenz Pflege ist eine unabhängige Initiative von Pflegeanbietern mit Sitz in Gelsenkirchen. Statt „Turbokapitalismus“ zu praktizieren, wollen die Mitglieder der Initiative mehr Pflegeunternehmen dafür gewinnen, in Zukunft für jeden neuen Mitarbeiter eine Summe für gute Zwecke zu spenden – sei es für finanzielle Notfallhilfen über den eigenen Sozialfonds oder die Unterstützung gemeinnütziger Hilfsorganisationen vor Ort.

Besser als Fangprämien: Kollegen in Not helfen

Die Sprecher der Organisation, Silke Gehrling (Diakoniewerk Essen), Claudius Hasenau (APD Ambulante Pflegedienste Gelsenkirchen) und Ulrich Christofczik (Ev. Christophoruswerk Duisburg) gehen in ihren Einrichtungen tatsächlich einen anderen Weg. „Nicht Tankgutscheine binden Mitarbeitende an Unternehmen, sondern die Unternehmenskultur, gute Führung, Mitmenschlichkeit, Wertschätzung und gelebte soziale Verantwortung für die, die in Not sind“, sagt Claudius Hasenau vom APD.

Hauseigener Solidatitätsfonds im Diakoniewerk Essen

„Es kann und darf nicht sein, dass wir uns in der Pflege gegenseitig überbieten“, meint Silke Gehrling vom Diakoniewerk. Statt Kopfprämien zu zahlen, speist das Diakoniewerk regelmäßig Geld in einen hauseigenen Solidaritätsfonds ein, der Diakonie-Mitarbeiter in Notfällen unbürokratisch unterstützt.

Prämien peitschen Erwartungshaltung hoch

Ulrich Christofczik, Vorstand des Ev. Christophoruswerkes Duisburg erinnert die momentane Situation an „eine Kopfgeldjagd wie im wilden Westen“. Es ist sich sicher: „Wenn es uns nicht gelingt, den Teufelskreis des Immer-Mehr zu durchbrechen, wird die Erwartungshaltung bei beruflich Pflegenden ins Unermessliche wachsen.“

Ruhrgebietskonferenz sucht Mitstreiter

Es gebe aber kein Patentrezept, das für jedes Unternehmen passe. Die Ruhrgebietskonferenz will verschiedene Modelle sammeln und ihren Trägern vorstellen, um weitere Mitstreiter für diese Ideen zu gewinnen.

Johanna Knüppel (DBfK): Fangprämien sollten skeptisch machen

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) sieht in den Prämien für Pflegefachkräfte erstmal „ein denkbares Instrument, um sich im Wettbewerb um gute Pflegefachpersonen in Stellung zu bringen.“ Johanna Knüppel, Referentin für Presse beim DBfK hat allerdings ihre Zweifel, ob sie tatsächlich die gewünschten und vor allem nachhaltigen Effekte erzielen: „Pflegefachpersonen wissen sehr gut, wie schnell dieses Geld verbraucht ist und was man sich antut, wenn man sich von solchen Angeboten blenden lässt und nicht sehr kritisch auf das schaut, was der Arbeitgeber tagtäglich bietet. Die Arbeitsbedingungen nämlich.“

„Fangprämien“ gab und gäbe es ja vor allem dort, wo Rahmenbedingungen schwierig seien, so Knüppel. Hohe Mieten in Ballungsräumen, Mangel an bezahlbarem Wohnraum, private Träger ohne Tarifbindung sowie große Erwartungen des Arbeitgebers an Kompetenz, Einsatzbereitschaft und Flexibilität.

Autorin: Evelyn Griep

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