Kommentar

Stones und Rammstein im Pflegeheim

Pflegeheime müssen sich auf eine neue Bewohner-Generation einstellen. Mit Volksliedern, Abzählversen und Häkeldecken sind längst nicht mehr alle zu locken, meint unsere Autorin Anja Töller.

Inhaltsverzeichnis

„Suche für meinen Opa zu Weihnachten Rammstein-Platten“, las ich gerade zu meinem Erstaunen in einer Facebook-Flohmarkt-Gruppe. Jemand stolperte wohl ebenso wie ich über das Gesuch und erhielt auf die Frage, wie alt der coole Opa denn sei, die Antwort: 63!

Piercing statt Perlonstrümpfe

63? Schlagartig spielten sich in meinem Kopf Szenarien ab. Ein Pflegeheim im Jahr 2030, eine Demenzstation. Die Bewohner schlummern in Ohrenbackensesseln, nesteln gedankenverloren an Gegenständen herum oder laufen auf der Station im Kreis. Jemand vom Pflegepersonal macht Musik an, um die Bewohner zu erfreuen und sie ein wenig aus ihrer Lethargie zu holen. Und tatsächlich, von einem Moment auf den anderen sind viele hellwach.

Einige wippen im Takt der Musik, andere singen mit, denn sie können noch jede Zeile auswendig, und wieder andere rufen begeistert: „Oh, klasse, Rammstein! Die hab ich immer so gern gehört damals!“

Headbangende Senioren

Rammstein? Ist das die Zukunft der Demenzstationen? Werden die Bewohner mit Dauerwelle und Perlonstrumpfhosen abgelöst von Bewohnern mit Tattoos und Piercings? Noch heute gibt es viele Aktivierungen, bei denen zu alten Schlagern oder Wanderliedern geschunkelt und in die Hände geklatscht wird. Bei jemandem, dessen liebste musikalische Erinnerungen jedoch Rammstein oder Marilyn Manson, die Rolling Stones oder AC/DC sind, kann man sich das kaum mehr vorstellen.

Natürlich kennen viele 80-Jährige Discos

Die Vision von headbangenden Senioren auf der Demenzstation hat etwas, finde ich. Und vielleicht ist sie tatsächlich gar nicht so weit weg. Ich könnte mir vorstellen, dass der Musikgeschmack dieser Senioren sie gerade den jungen Pflegekräften näherbringt. Vielleicht hat man sogar die eine oder andere gemeinsame Lieblingsband?

Warum läuft im Pflegeheim keine Musik?

Auch meine an Demenz erkrankte Oma ist in mittleren Jahren schon mal mit ihrem Sohn in die Disco gegangen, und wenn sie als alte Dame beim Kochen Elvis im Radio hörte, gab es kein Halten mehr: Wer im Raum war, musste dran glauben und mit meiner glücklich lachenden Oma das Tanzbein schwingen. Doch später im Pflegeheim wurden diese Erinnerungen nicht mehr ins Leben gerufen. Musik lief normalerweise nicht, um die Bewohner nicht zu sehr aufzuregen oder mit Reizen zu überfluten. Und wenn es Aktivierungen in dieser Richtung gab, orientierten sie sich an Kinderliedern oder -reimen. Sicher, einige Bewohner fühlten sich davon angesprochen, weil sie diese Lieder alle noch kannten. Ganze Bücher mit Tipps zur Aktivierung Demenzbetroffener sind gefüllt damit. Von „Backe, backe, Kuchen“ bis „Das Wandern ist des Müllers Lust“.

Her mit Elvis!

Schade eigentlich, dass auf der Demenzstation meiner Oma nicht auch einmal Elvis lief. Ich stelle mir gerade vor, wie sie dann doch noch einmal mit der Frau verschmolzen wäre, die so gern dazu getanzt hatte.

Die musikalischen Erinnerungen der künftigen Bewohner, werden die Alltag auf der Demenzstation verändern, denke ich. Manch einer bringt vielleicht auch seine Plattensammlung mit, die dann von den jüngeren Pflegekräften ehrfürchtig bestaunt wird. Und ihnen einmal mehr klar macht, dass ihre Bewohner einmal für etwas gebrannt haben, so wie sie selbst auch … und vielleicht in ihrem Inneren immer noch brennen – wer weiß das schon so genau?

Autorin: Anja Töller

Illustration: Götz Wiedenroth

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