Menschen mit Demenz reagieren oft sehr empfindlich auf Ortswechsel – es kann sogar zu einem Delir kommen. 
Foto: Adobe Stock
Menschen mit Demenz reagieren oft sehr empfindlich auf Ortswechsel – es kann sogar zu einem Delir kommen. 

Umgang mit Demenz

Stimmungswechsel bei Demenz: Ist es ein Delir?

Menschen mit Demenz haben ein erhöhtes Risiko, an einem Delir zu erkranken – auch ohne vorangegangene Operation. Die Aufmerksamkeit der Pflegekräfte ist gefordert

Lange ging die medizinische Fachwelt davon aus, dass ein Delir vor allem nach Operationen auftritt: Das Gehirn gerät wegen des Eingriffs aus dem Gleichgewicht, ist in seiner Funktion gestört, Verwirrung oder Apathie sind die Folge. Doch auch wenn die konkrete Pathophysiologie des Delirs noch weitgehend ungeklärt ist, ist die Forschung heute dennoch einen großen Schritt weiter: „Wir wissen mittlerweile, dass eine Demenz ein enormer Risikofaktor für ein Delir ist”, sagt Ellen Panke, Delirmanagerin am St. Josephs Krankenhaus in Berlin-Tempelhof. Der Grund: Die Demenz steigert die Empfindlichkeit des Gehirns für äußere Belastungen und Stressfaktoren, die Betroffenen sind anfälliger für kognitive Veränderungen.

Postoperativ ist das Delir-Risiko bei Demenz besonders hoch

Dennoch sind nach wie vor auch bei Demenzkranken operative Eingriffe – und hier vor allem die Anästhesie – der häufigste Anlass für ein Delir. Während bereits gesunde Menschen ein gewisses Risiko haben, nach einer OP ein Delir zu erleiden, sind Menschen mit Demenz noch stärker gefährdet; die Demenz gilt als eigener, hoher prädisponierender Faktor. Die Medizin reagiert bereits darauf: Aktuell wird in Studien mittels EEG-Messungen untersucht, inwieweit bei OP-Patienten mit Demenz ein Narkosemittel geringer dosiert und das Delir-Risiko so minimiert werden kann.

Verdächtig: Erst hoch agitiert, dann antriebsarm – und wieder agitiert

Jobportal pflegen-online.de empfiehlt:

Doch auch ohne vorherige Operation können Menschen mit Demenz an einem Delir erkranken, mahnt Panke, etwa aufgrund eines Ortswechsels, einer Infektion oder eines Nährstoffmangels. Es sei daher wichtig, auf mögliche Anzeichen zu achten. Panke: „Ein Delir kann sich ganz unterschiedlich äußern.” Charakteristisch ist etwa, dass die Veränderungen, die auf ein Delir hinweisen, innerhalb kürzester Zeit auftreten: Besonders aufmerksam sollten Pflegekräfte etwa sein, wenn ein Patient über eine Weile lang hoch agitiert ist, anschließend über einige Stunden antriebsarm in seinem Bett liegt, sich weder mobilisieren lässt noch essen möchte, und sich schließlich wieder hyperaktiv zeigt. „Solche Wechsel sind immer ein Alarmzeichen”, so Panke „Ein Mensch mit Demenz hat sich im Verlauf seiner Krankheit ja meist bereits in eine bestimmte Richtung verändert, ist also beispielsweise eher ruhig, stumm, in sich gekehrt oder aber agil oder auch ablehnend-aggressiv. Weicht sein Verhalten plötzlich davon ab, deutet dies oft schon auf ein Delir hin.”

Das A und O: sorgfältiges Überleitungsmanagement

Demenz, Delir, Depression

Nicht hinter jedem auffälligen Verhalten steht eine "Demenz“.
Artikel lesen

In der Praxis sind daher eine gute Beobachtung und im Falle einer Überweisung in eine (andere) Einrichtung ein sorgfältiges Überleitungsmanagement wichtig. Panke macht dies an einem Beispiel deutlich: „Nehmen wir an, eine Heimbewohnerin hat bereits seit sieben Jahren die Diagnose Demenz, die sich bei ihr in großer Unruhe und hoher körperlicher Agitation zeigt. Nun kommt sie aber ins Krankenhaus, wo sie seit der Aufnahme antriebsarm und immobil zehn Stunden im Bett liegt.“ Wissen die Pflegekräfte von ihrer speziellen Demenzcharakteristik, können sie ihr verändertes Verhalten als solches erkennen, schneller auf ein Delir schließen – und entsprechend reagieren.

Demenz: Bei Krankenhaus-Aufnahme auf Stimmungswechsel achten

Im St. Josephs Krankenhaus prüfen die Pflegekräfte bei einem neu aufgenommen Patienten grundsätzlich, wie orientiert er ist: Weiß er, wo er ist, welchen Tag, welches Jahr wir haben? Kennt er seinen eigenen Namen? „Wir schauen also, ob er eine Verwirrung zeigt, die vielleicht vorher, in der Einrichtung oder in seinem Zuhause, nicht da war.”

[Sie legen Wert auf Exklusiv-Interviews und fundierte Recherche aus der Pflegebranche? Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter, damit Sie keinen neuen Beitrag auf pflegen-online mehr verpassen!]  

Auch auf das Verhalten achten die Pflegekräfte und gleichen dieses mit dem Überleitungsbogen ab: „Wenn ein Demenzpatient, der vorher kaum typische demenzielle Symptome zeigte, sich immer sehr kooperativ und freundlich verhalten hat, im Krankenhaus plötzlich ablehnend, aggressiv ist oder unter Wahnvorstellungen leidet, dann können wir das häufig einer deliranten Symptomatik zuordnen.“

Text: Nina Sickinger/Romy König

Wir haben noch mehr für Sie!

Antworten und Impulse für die Pflegeprofession gibt es auch direkt ins Postfach: praxisnah, übersichtlich und auf den Punkt.
Melden Sie sich jetzt für den pflegebrief an - schnell und kostenlos!
Wir geben Ihre Daten nicht an Dritte weiter. Die Übermittlung erfolgt verschlüsselt. Zu statistischen Zwecken führen wir ein anonymisiertes Link-Tracking durch.

#jensrennt

OP-Pfleger läuft 429 Kilometer durch Gebirge und Moor

Die Feiertage sind für Jens Wackerhagen aus Hannover Arbeitszeit. Einerseits steht der Pfleger an den Festtagen im Operationssaal, andererseits bereitet er sich auf den Montane® Spine® Race quer durch das winterliches England vor - einen Ultralauf, den er nicht allein aus Fitness-Gründen absolviert.

    • Pflegefachleute, Pflege als Beruf, Veranstaltung, Niedersachsen

Pflege und Praxis

Schmerztherapie bei Demenz: Studienreise nach Norwegen

Die Hamburger Bloggerin Kati Borngräber begleitet Fachkräfte auf die internationale Studienreise „Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus“ nach Norwegen. Ihre täglichen Berichte gibt es hier auf pflegen-online.de. Heute: Tag 4.

    • Pflege und Praxis, Pflege und Management, Demenz, Krankenpflege, Aktivierende Pflege, Altenpflege
AdobeStock_51133323.jpeg

Demenz: Tipps für 5  typische heikle Situationen

Mit fleckiger Bluse zum Arzttermin? Selbstbefriedigung auf dem Flur? Wie reagieren Pflegekräfte und Angehörige am besten, ohne die Selbstbestimmung der Bewohnerin oder des Bewohners infrage zu stellen? 

illu-dorothee_lee.jpeg

Recht

Was tun, wenn ich (sexuelle) Gewalt beobachte?

Der Anwalt für Medizinrecht Hubert Klein rät Pflegekräften dringend, die Augen vor sexueller Belästigung und Gewalt nicht zu verschließen. Ein Überblick über die heikelsten Situationen  

    • Kommunikation, Heimaufsicht, Pflegefachleute, Pflege als Beruf, Pflegeeinrichtung, Pflegedokumentation, Patient, Bewohner, Pflegequalität, Recht