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Krankenpflege

Ständig unterbesetzt? Zum Ausgleich einen freien Tag!

Immer mehr Unikliniken geben Pflegekräften Entlastungspunkte, wenn sie in einer unterbesetzten Schicht arbeiten. Das bedeutet für manche einen Tag extra frei im Monat

Ellen Ost sammelt Punkte. Die Fachkrankenschwester für Nephrologie arbeitet in der Uniklinik Jena. Im Frühdienst betreut sie normalerweise bis zu neun Patienten. Wenn es mehr werden, etwa weil Kolleginnen sich krankmelden, erhält sie einen Belastungspunkt. Ebenso, wenn Ellen Ost an ihren freien Tagen einspringen muss. Für sechs Belastungspunkte wird ihr ein freier Tag gutgeschrieben. Den kann sie im übernächsten Monat nehmen.

18 Unikliniken haben inzwischen einen „Tarifvertrag zur Entlastung“

Unter dem Label „Tarifvertrag zur Entlastung“ verhandelte die Gewerkschaft Verdi für mittlerweile 18 Unikliniken Tarifverträge und schuldrechtliche Vereinbarungen. Diese sollen Pflegekräfte entlasten, indem etwa Personaluntergrenzen festgelegt und zusätzliche Stellen geschaffen werden. Die Berliner Charité schloss 2015 als erste einen derartigen Vertrag ab, es folgten unter anderem Hannover, Augsburg, Essen, Jena, Gießen-Marburg und Mainz. Die Verträge wurden von Mal zu Mal ausgefeilter. Einen Belastungsausgleich wie in Jena gab es anfangs noch nicht. Die Charité und Vivantes-Mitarbeiter, die jetzt in Berlin auf die Straße gegangen sind, haben auch dafür gestreikt.

[Worum ist es beim Streik bei Vivantes und an der Charité gegangen? Unter welchen Bedingungen ist Streiken in der Pflege überhaupt möglich? Lesen Sie dazu unsere 10 FAQs!]    

Uniklinik Augsburg: 1.000 unterbesetzte Schichten in sechs Monaten

Das Uniklinikum Augsburg hat ein solches System im Herbst 2018 als eine der ersten eingeführt. Hier kriegen Pflegende nach sieben unterbesetzten Schichten einen freien Tag. Auch anders als in Jena: Diese Schichten müssen innerhalb von 30 Tagen anfallen. Kommt man in dieser Zeit auf nur sechs solcher Dienste, verfallen diese, und man muss wieder von vorne anfangen. Michael Wetterich vom Augsburger Personalrat sieht das als Manko, beurteilt das System aber trotzdem positiv.

In der ersten Jahreshälfte von 2021 seien insgesamt 80 Ausgleichstage genehmigt worden. Es könnten noch wesentlich mehr sein, sagt Wetterich, denn es wurden fast 1.000 unterbesetzte Schichten gemeldet. Der Knackpunkt: Viele Mitarbeitende nutzen diese Möglichkeit nicht. Manche seien nicht gut informiert, anderen sei es schlicht zu mühsam. Denn man muss sich selbst kümmern, die einzelnen Schichten in einem Formular vermerken und dieses, wenn es voll ist, der Stationsleitung übergeben.

Belastungspunkte: In Augsburg zögern viele Pflegekräfte noch

Nach der Einführung 2018 lief es schleppend an, sagt Wetterich, dann setzte es sich zumindest in einigen Stationen durch, in der Pandemie stockte es wieder. Das Augsburger Uniklinikum wurde zu einem Zentrum für Covid-Patienten, und die Pflegekräfte sprangen von Station zu Station. Nun will Wetterich wieder dafür werben, den Ausgleich zu beantragen.

In Jena kommen die Belastungspunkte automatisch aufs Zeitkonto

In der Uniklinik Jena wurde der Vertrag im Herbst 2019, also ein Jahr später als in Augsburg abgeschlossen. Hier ist Zettelwirtschaft nicht mehr das Problem. Krankenschwester Ellen Ost muss die Punkte auch nicht selbst beantragen. Sie werden digital erfasst, wenn die Stationsleitung die Besetzungen in den Computer eingibt. Ost liest dann auf ihrem Gehaltszettel, wie viele Punkte sie gesammelt hat. Sobald es sechs Punkte sind, werden diese automatisch im übernächsten Dienstplan berücksichtigt. Das ist bequem und sorge auch dafür, dass keine Punkte verfallen, sagt Ost.

Worauf Pflegekräfte achten sollten 

Die Kolleginnen müssen trotzdem auf ihr Recht pochen, mitzubestimmen, wann sie den freien Tag nehmen. Denn manche Stationsleitungen geben diesen gerne einfach dann, wenn es gerade in den Dienstplan passt. Und: Die Pflegekräfte sollten kontrollieren, ob alle Unterbesetzungen auch erfasst sind. „Wenn eine Kollegin fehlt, kommt es vor, dass sich die Stationsleitung mit als Pflegekraft einträgt, obwohl sie gar nicht mit am Bett arbeitet.“ Ost bemängelt, dass die Pflegekräfte die Eintragung nicht sofort einsehen können. In Kliniken mit späteren Verträgen wie Mainz sei das möglich.

Für echte Entlastung sorgen in Jena die Personalvorgaben

Ellen Ost kommt auf durchschnittlich einen freien Tag extra pro Monat. Bringt ihr das wirklich genug Entlastung? Die freien Tage seien angenehm, aber nicht die Umstände, die zu den Entlastungspunkten geführt haben, sagt die Jenaerin: „Mich entlasten vor allem unsere Personalvorgaben.“ Wie im Tarifvertrag festgelegt, wurde für jede Station einzeln ermittelt, wie viel Personal auf wie viele Patienten kommen muss. Ost, die morgens maximal neun Patienten betreuen darf, sagt: „Vor dem Tarifabschluss war ich oft für 13 bis 14 Leute zuständig. Und in Notfällen auch mal für 19.“

Uniklinik Jena beschäftigt jetzt mehr Pflegekräfte  

Sie spüre deutlich, dass die Arbeit nicht mehr so stressig ist, sagt Ost. Trotzdem brauche es den Belastungsausgleich. Damit es Konsequenzen hat, wenn es doch mal zu Lücken kommt. Denn die Gefahr ist groß, dass man schnell wieder in die alten Quoten rutscht. „Im Juli waren zwei Kolleginnen schwanger, da habe ich dann wieder zehnmal in unterbesetzten Schichten gearbeitet.“ Für Ost ist sichtbar, dass das Belastungspunkte-System auch Wirkung auf die Klinikleitung hat. Sie bemüht sich, Unterbesetzungen zu vermeiden, sperrt etwa Betten und stellt neues Personal ein. Denn wenn Mitarbeiter andauernd im Entlastungs-Frei verschwinden, ist das auch nicht rentabel.

Autorin: Hanna Lucassen

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