Spiritualität in der Pflege

Spiritualität? Das geht auch im Pflegealltag

Weihnachten ist ein idealer Startpunkt - gerade für Pflegekräfte

Inhaltsverzeichnis

Viele pflegebedürftige Menschen, ob in Altenheim oder Krankenhaus, brauchen gerade in der emotional aufgeladenen Weihnachtszeit ein besonderes Maß an Zuwendung. Für Pflegekräfte ist das oft eine anspruchsvolle Aufgabe. Wie – bei all dem Stress, all dem Zeitdruck – sollen sie für jeden einzelnen Bewohner mit den nun aufkommenden Erinnerungen, der vielleicht aufkommenden Wehmut, da sein, wo soll – bei aller Liebe zur Pflege, bei aller Überzeugung für den Beruf – nun auch noch dieses letzte Mehr an Kraft und Muße herkommen?

Nicht nur für religiöse Menschen: Spiritualität

Spiritualität kann ein Schlüssel sein, sagt Holger Böckel, Privatdozent für Praktische Theologie an der Universität Heidelberg. Sie müsse noch nicht einmal zwingend religiös geprägt sein. In erster Linie zielt Spiritualität auf das „innere, existenzielle Bewegtsein“ eines Menschen. Sie kann, ja, bei einem Gebet erfahren werden, „aber auch beim Betrachten eines Gemäldes von Monet oder dem Singen einer Fußballhymne im Stadion“, erklärt Böckel, der dem Agaplesion-Institut für Theologie, Diakonie und Ethik vorsteht.

Welcher Spiritualitätstyp sind Sie?

Bei Spiritualität gehe um Rückkopplung und Resonanz mit anderen, um eine Sehnsucht danach, gehört und gesehen zu werden, führte Böckel vor einiger Zeit auf einem Kongress des Agaplesion-Konzerns zum Thema Spiritualität aus. In einem Begleitheft, das unlängst dazu erschienen ist, beschreibt er drei Arten von Spiritualität:

1. Die nicht-religiöse Variante

Spirituelle Gefühle entstehen über Erlebnisse und Situationen, die einen im tiefsten Innern berühren, oft außerhalb des Alltäglichen. Plötzlich tritt das Gefühl ein, alles sei im Fluss, man fühlt sich eins mit dem Geschehen, mit den Menschen in nächster Nähe.

2. Die distanziert-religiöse Variante

Ja, das gibt es: Spiritualität, die Anleihen bei der Religion nimmt, dabei aber durchaus etwas Abstand hält: Etwas Höheres wird es wohl geben, sagen die so geprägten Menschen, das, was wir hier sehen, kann nicht alles sein. Oft schätzen diese Menschen Bräuche und Traditionen, christliche Feste sind ihnen mit all ihren Ritualen eine Heimat.

3. Die religiöse Variante

Spezifisch religiöse Menschen leben ihren Glauben. Spiritualität ist für sie gleichbedeutend mit ihrer konfessionellen Orientierung. So sind für Christen beispielsweise Werte wie Nächstenliebe nicht nur Lebenseinstellung oder eine „moralische Aufforderung“, wie Böckel es formuliert, sondern „Folge der zuvor erfahrenen Liebe und Barmherzigkeit Gottes“.

Was heißt Spiritualität für den Arbeitsalltag in der Pflege?

Spiritualität braucht Raum. In christlichen Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen wird oft eine ganzheitliche Gebetskultur gelebt, treffen sich Mitarbeiter vor oder nach der Mittagspause, um gemeinsam ein Gebet zu sprechen oder zu singen. „Gemeinschaftsstiftender Gott“, heißt es dann hier etwa, „aus der Unruhe des Vormittags kommen wir zu dir. Wir möchten innehalten und uns auf dich besinnen.“

Abendmahl im Patientenzimmer bei Agaplesion

Im evangelischen Agaplesion-Klinikum Schaumburg ist es zudem Brauch, zweimal im Jahr das Abendmahl zu zelebrieren. Mit einem kleinen festlich gedeckten Tisch, mit Kerzen und Kreuz ziehen Pflegekräfte und Seelsorger von Zimmer zu Zimmer. Die Kerzen, die Gebete, der Zuspruch fördern eine besondere Stimmung. „Neben allen Diagnosen und Behandlungen, neben aller Sachlichkeit kommt so Hoffnung in die Zimmer hinein“, sagt die Krankenhausseelsorgerin Elisabeth Garner-Lischka.

Spiritualität auch in konfessionsfreien Häusern möglich

Doch auch in konfessionsfreien Häusern lässt sich Spiritualität leben, betont Böckel. Wichtig sei, dass in den Menschen etwas „ins Schwingen“ gerate. Dafür benötigen sie eine Unterbrechung vom Alltag, Entschleunigung. „Wir brauchen Zeiten der Regeneration, in denen wir innerlich wieder auftanken können.“

Achtsamkeitsübung in der Teamsitzung

Gemeinsam lässt sich das in einer Achtsamkeitsübung umsetzen, etwa zu Beginn eines Teamgesprächs: Jedem Anwesenden werden drei Minuten Zeit gegeben, über Fragen nachzudenken wie:

  • Mit welchen Herausforderungen muss ich zurzeit umgehen?
  • Was macht mir Freude?
  • Woraus schöpfe ich Kraft und Energie?

„Wer dann möchte, kann seine Antworten in der Gruppe veröffentlichen“, so Böckel. Dabei gilt aber: Es geht nicht um ein langes Gespräch, auch gar nicht darum, was auf Station verbessert werden könnte. Sondern allein um Mitgefühl, Akzeptanz, und darum, darauf zu horchen, was in einem selbst – und durch das Sprechen vielleicht auch in den anderen – ins Schwingen gerät.

Vor oder nach der Arbeit meditieren (eine Abfolge in 7 Schritten)

Wer lieber für sich bleibt, dem rät Böckle zu einer Meditationsübung.

Zum Beispiel so:

  • bequem und aufrecht hinsetzen
  • auf den Atem achten, der bald schon tiefer und langsamer wird
  • Gedanken kommen und gehen lassen – bis Ruhe einkehrt
  • sich auf ein Wort oder ein Zitat konzentrieren, das für einen besondere Bedeutung hat, vielleicht „Liebe“ oder „Freude“
  • sich erheben, die Arme nach oben ausbreiten
  • den Atem und einströmende Kraft spüren
  • die Arme senken und die Welt um sich herum begrüßen

Raum der Stille im Krankenhaus zum Beten und Sorgen aufschreiben

Zuletzt noch eine Anregung aus dem Hamburger Agaplesion-Diakonieklinikum: Hier gibt es einen Raum der Stille mit einer Gebetswand. Besucher können Gedanken, Sorgen, vielleicht auch Danksagungen auf bunte Zettel schreiben und in Nischen stecken.

Beten und das Aufschreiben von Gedanken beruhigen Patienten

Mitarbeiter des Hauses finden sich freiwillig und regelmäßig in Gebetskreisen zusammen und beten für die so festgehaltenen Anliegen. Patienten, so heißt es aus dem Haus, glauben an die schöpferische Kraft des Gebets, werden ruhiger, entwickeln mehr Vertrauen in die Behandlung. Auch jedes nicht-konfessionelle Haus kann eine ähnliche Wand einrichten, eine „Sorgenwand“ vielleicht oder einfach eine „Wand der Gedanken“. Das Aufschreiben führt Menschen automatisch zum Innehalten, zum Nachdenken, zur Reflexion ihrer selbst. Nichts anderes heißt Spiritualität.

Die Weihnachtszeit ist ideal, um innezuhalten und nach Sinn zu suchen

Also ja, dieser Monat mag grau sein und kalt. Der Weihnachtsstress erdrückend, die Pflege vor allem einsamer Bewohner besonders belastend. Doch vielleicht sind es gerade diese vier Wochen, die uns dazu auffordern, innezuhalten, nach dem Sinn zu spüren – und ihn zu finden. Vielleicht ist der Dezember am Ende – doch gar nicht so übel.

Autorin: Romy König

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