Corona

So schön können 6 Monate im Heim sein, Herr Palmer!

Es lohne sich nicht gebrechliche Menschen vor Corona zu schützen, die würden eh bald sterben, meint der Tübinger Oberbürgermeister. Blödsinn! Wie viel die letzten Monate wert sein können, hat unsere Autorin mit ihrem Vater erfahren

Inhaltsverzeichnis

Ein Kommentar von Birgitta vom Lehn

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer wird als ein „Urgestein der baden-württembergischen Grünen“, „überzeugter Ökologe“ und „manchmal rebellischer Freigeist“ charakterisiert. Das klingt alles recht sympathisch, denn von ökologisch denkenden und – noch besser – handelnden, gern auch bisweilen unkonventionell agierenden Menschen darf man annehmen, dass sie auch empathisch sind und ein jegliches Menschenleben mindestens so hochschätzen wie das Leben des vom Aussterben Birkhuhns, des Fischotters oder der Brockenanemone.

Boris Palmers ist frei von Geist und Empathie

In einem Interview mit Sat.1 über Corona-Tote hat der grüne Rebell derweil dem Begriff „Freigeist“ noch eine erschreckend andere Bedeutung hinzugefügt. So sagte er, immerhin mit dem Zusatz „mal ganz brutal“, wörtlich: „Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen.“ Diese Aussage mag faktisch stimmen – immerhin dürfte nach bisherigen Erkenntnissen fast jeder zweite Corona-Tote ein Pflegeheimbewohner sein, das Durchschnittsalter der Corona-Todesopfer liegt bei 80 Jahren. Und ja, die Aussage ist auch „freigeistig“, aber in einem sehr speziellen Sinn: frei von Geist, frei von Besonnenheit, frei von Empathie.

Boris Palmer stellt eine perfide Rechnung auf

Mich persönlich erschreckt die Gedanken- und Würdelosigkeit, mit der hier das Menschenleben einer bestimmten, in diesem Fall höchsten Altersgruppe für völlig wertlos erachtet wird. Palmer stellt hier nämlich unausgesprochen folgende Rechnung auf: die letzten Lebensjahre oder gar -monate sind im Grunde überflüssig. Sie zählen nichts mehr im Vergleich zu den Jahren davor, wo man noch fit, gesund und leistungsstark ist. Eher kosten sie die Solidargemeinschaft nur viel Geld, und vielleicht wäre es ja sogar ganz praktisch, wenn wir „dank“ Corona ein paar freie Plätze in Pflegeheimen bekämen. Und dann, so seine perfide, natürlich unausgesprochene Logik, sei es letztlich auch nicht mehr wert und nicht mehr nötig, sich für Menschen in diesen letzten unnützen Lebensjahren oder -monaten einzusetzen, also hochbetagte Menschen vor für sie tödlichen Corona-Viren zu schützen.

Kennt Boris Palmer die Freude von alten Menschen?

Ich würde Herrn Palmer gern fragen: Haben Sie noch nie mit Menschen in ihren letzten Lebensjahren zu tun gehabt? Haben Sie noch nie deren leuchtenden Augen gesehen, wenn sie sich über die erwachende Natur im Frühling, über Geranien vor ihrem Pflegeheimfenster, über Kindheitserinnerungen, Musik, Besuch oder ein Gespräch mit Angehörigen oder Pflegekräften freuen? Kennt Herr Palmer, der sich gern als radelnder, körperlich aktiver Politiker präsentiert, die Freude von Menschen, die im Rollstuhl nachmittags eine Stunde durch den Park spazieren geschoben werden?

Wie mein Vater mit 94 ins Heim kam

Natürlich, als mein Vater ins Pflegeheim kam, war er zunächst sehr verunsichert und ängstlich. Es war auch keine wirklich freiwillige Entscheidung gewesen, sondern den plötzlich trostlos gewordenen Umständen geschuldet. Allein in seinem Häuschen konnte er sich mit seinen 94 Jahren nach dem Tod meiner Mutter nicht mehr versorgen, ich als einzige Tochter wohnte 200 Kilometer entfernt. So hatte ich ihn in ein Heim geholt, das nur zehn Minuten vom Wohnhaus meiner Familie in Norddeutschland entfernt lag und das ich bislang nur vom Vorbeiradeln kannte.

In seinen letzten Lebensmonate tat sich noch einmal richtig viel

Gern hätte ich Herrn Palmer erzählt, dass die letzten zehn Monate im Leben meines Vaters für uns beide – für ihn wie für mich – zu den schönsten und innigsten Zeiten gehörten und wohl wichtiger waren als die letzten zehn, ach was 20 oder 30 Jahre zuvor. Wir hatten uns früher nur selten gesehen, waren oft weit auseinander, regional und auch sonst. Mit dem Einzug ins Pflegeheim änderte sich das schlagartig. Unsere Beziehung entwickelte sich noch einmal vollkommen neu, wir sahen uns nun nahezu täglich, wuchsen förmlich noch einmal familiär zusammen, tauschten uns täglich und leibhaftig aus, lernten uns noch einmal auf eine wundersame und wundervolle, ganz unerwartete Weise neu kennen. Welch ein Geschenk!

Die Pflegekräfte waren wunderbar tolerant meinem Vater gegenüber

Andererseits: wie traurig, wie schade, wenn uns diese letzten zehn Monate nicht vergönnt gewesen wären. Dieses Geschenk verdanke ich – das ist mir klar und dafür bin ich immer wieder besonders dankbar – auch den wunderbaren Mitarbeitern im Pflegeheim. Sie haben sich rührend gekümmert, haben alles gegeben, obwohl personell immer knapp besetzt. Obendrein war mein Vater auch nicht ganz pflegeleicht, in gewisser Weise war auch er ein „Rebell“, wenn auch anders als Herr Palmer. So wie viele alte Menschen mit den Jahren „schwierig“ werden. Mit diesem „Rebell“ verstanden die Pflegekräfte aber prima umzugehen, sie haben sich kein einziges Mal darüber beschwert, obwohl seine Art gewiss einige Nerven gekostet hat. Es war einfach nur große Klasse, was da geleistet wurde – in menschlicher und professioneller Hinsicht.

Mein Vater ist im Pflegeheim regelrecht aufgeblüht

Mein Vater – das war das Erstaunlichste für mich überhaupt – ist im Pflegeheim nach kurzer Eingewöhnungszeit sogar regelrecht aufgeblüht. Als Lehrer war er früher eigentlich sehr gesellig gewesen. Mit meiner Mutter hatte er zuletzt aber sehr zurückgezogen gelebt, einerseits weil beide körperlich zunehmend eingeschränkt waren, und andererseits, weil Bekannte und Freunde um sie herum fast alle verstorben waren. Im Heim nun aber, wo er sich bald recht sicher und gut aufgehoben fühlte, was er immer wieder betonte, begann er wieder mit seinem geliebten Klavierspiel.

Im Pflegeheim konnte mein Vater wieder Klavier spielen

In den zehn Jahren zuvor hatte er es nicht mehr in den Keller der eigenen vier Wände zu seinem Instrument geschafft. Aber im Heim stand ein Klavier auf seiner Etage und eines im Speisesaal, und beide nutzte er fleißig. Und wie er es genoss, dass sein Musizieren die Mitbewohner und Pflegekräfte erfreute und belebte! Sein Leben – auch als Pflegebedürftiger – machte plötzlich wieder Freude und erhielt einen Sinn.

Plötzlich, im Pflegeheim, haben wir uns richtig gut verstanden

Die jahrelangen Dissonanzen, die zwischen meinem Vater und mir geschwelt hatten, lösten sich in den letzten zehn Monaten, die er im Pflegeheim verbrachte, ganz unerwartet quasi in Luft aus und wichen einer innigen Verbundenheit, die ich persönlich so nie für möglich gehalten hätte. Für diese Erfahrung bin ich als Tochter unendlich dankbar. Wäre mein Vater zehn Monate früher gestorben, vielleicht an dem Corona-Virus, das es damals noch nicht gab, hätte ich auf diese wichtige, einzigartige Erfahrung verzichten müssen. Und mein Vater auch.

Die letzte Lebensphase ist nicth überflüssig, Herr Palmer!

Sicher, ich hätte gar nicht gewusst, was ich dann verpasst hätte. Wie auch? Jetzt aber weiß ich: das Beste kommt - auch im Leben - bisweilen erst zum Schluss. Die letzte Lebensphase eines Menschen, und sei sie noch so kurz, als überflüssig zu betrachten, wie Boris Palmer dies getan hat, ist aufgrund der geschilderten persönlichen Erfahrungen jedenfalls schlicht unerklärlich und auch unverzeihlich.

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