Foto: Maren Schlenker

Pflege und Management

So motivieren Sie Betreuungskräfte – 10 Tipps

Viele Betreuungskräfte sind unzufrieden. Sie erleben sich oft als Mädchen für alles und nicht wirklich eingebunden. Dabei ist es für Träger und Leitungskräfte gar nicht so schwer, es besser zu machen   

Monika Hammerla-Claassen ist Fachpflegekraft für Gerontopsychiatrie und Geriatrische Rehabilitation. Sie schult Betreuungskräfte und und die erzählen ihr, dass sie oft für hauswirtschaftliche Tätigkeiten herangezogen werden und gelegentlich Einkäufe ohne Bewohner übernehmen sollen. Eine bekam sogar einmal den Auftrag, das Auto des Chefs zu waschen. Um einen genaueren Eindruck zu erhalten, startete Hammerla-Claassen eine kleine Zufriedenheitsbefragung unter den Kursteilnehmern. Es zeigte sich, dass lediglich zwei von 26 Betreuungskräften, mit ihrer Arbeitssituation zufrieden sind. Einer der Hauptgründe: Sie werden oft nicht in den Bereichen eingesetzt, für die sie eigentlich ausgebildet und zuständig sind. Wir fragten die Fachpflegekraft, wie sich die Situation ändern lässt.

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pflegen-online: Frau Hammerla-Claassen, an welchen Schrauben muss man ganz grundsätzlich drehen, um die Verhältnisse für Betreuungskräfte erträglicher zu machen?

Die Hauptaufgabe liegt in den Händen der großen Träger – und untergeordnet bei den Heimleitungen, die in der Praxis am meisten gefordert sind. Das grundsätzliche Problem ist, dass das Modell der Betreuungskräfte noch immer nicht überall angekommen zu sein scheint.

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Die Leitungen müssten sich zunächst mit den Tätigkeitsbereichen der Betreuungskräfte auseinandersetzen, sie genau kennenlernen und sich klar machen, worin sie sich von pflegerischen Aufgaben unterscheiden. In einem weiteren Schritt ist zu analysieren, wie die Bereiche Pflege und Betreuung in ihrer Einrichtung konkret beschaffen sind. Sind die Tätigkeiten nicht klar strukturiert und festgelegt, werden die Betreuungskräfte beim momentanen Personalnotstand nur hin und her geschoben. Sie werden zu Sonderaufgaben, hauswirtschaftlichen Tätigkeiten oder ähnlichem verdonnert.

Das Hauptproblem ist aber, dass es kaum gute Konzepte für die soziale Betreuung gibt. Manchmal werden Konzepte aus dem Internet heruntergeladen. Die sind meiner Meinung nach aber nicht zu gebrauchen, denn sie sind nicht individuell auf das jeweilige Haus zugeschnitten.

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Wo sehen Sie momentan die größten Schwierigkeiten?

Leider haben die Leitungen – anfangen bei der Pflegedienstleitungen – zu oft zu wenige Kenntnisse von den komplexen Aufgaben der Betreuung, etwa dem segregativen Arbeiten. Gerade diejenigen, die die Betreuung leiten, sollten als Geronto-Fachkraft ausgebildet sein, damit sie spezifische Angebote entwickeln können für die Fitten, für die relativ fitten Bewohner und die Schwachen. Die Differenzierung muss bei Demenz auch noch weiter gehen: Wichtig sind auch Angebote für Bewohner mit speziellen Demenerkrankungen wie Fronto-Temporal-Demenz und Lewy-Körperchen-Demenz.

Auch extern sollten sie im Sinne der Bewohner agieren können: Als Leitung der Betreuung muss ich zu meinem Quartier Verbindung haben, überlegen, welche Chöre ich einlade, welche Ausflüge wir unternehmen, welche Ehrenamtlichen mir zur Verfügung stehen. Ich muss den Kontakt suchen zu Ärzten, zur Kirchengemeinde, zu Rettungshunde-Organisationen und zum Kindergarten – nicht zuletzt auch zu den Angehörigen. Da ist Netzwerken gefragt, ich muss mich überall vorstellen in der Gemeinde.

Optimal ist, wenn die Leitung der sozialen Betreuung im ganzen Betrieb regelmäßig Aufgaben übernimmt. So erhält sie am besten Einblick in die Nöte und Sorgen von Betreuung und Pflege. Das ist im Qualitätsmerkmal Beziehungsgestaltung nach dem neuesten Expertenstandard auch so fest geschrieben.

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Warum ist es Ihnen so wichtig, dass eine gerontopsychiatrische Fachkraft die Betreuung leitet? Warum können das nicht Ergotherapeuten übernehmen?

Ergotherapeuten haben einen anderen Ansatz. Sie sind immer bemüht, neurophysiologisch aufzubauen. Bei Menschen mit Demenz geht das aber nicht mehr. Zwei Beispiele: Haben Menschen mit Demenz eine Apraxie wird die kreative Bastelstunde sehr unangenehm für sie, denn sie können nicht mehr mit einer Schere umgehen – sie erkennen viele Gegenstände nicht richtig und können ihre Hände nicht nutzen. Bei einer Aphasie wird das beliebte Plauderstündchen zur Qual.

Auch Krankenschwestern oder Sozialpädagogen leiten häufig Betreuungen – ganz ohne gerontopsychiatrische Ausbildung und sind deshalb häufig nicht mit den vielen verschiedenen Demenzformen vertraut. Sie wissen nicht, was in bestimmten Situationen oder speziellen Phasen einer Demenz zu tun ist, sie haben zum Beispiel  mit der integrativen Validation keine Erfahrung, dabei handelt es sich um eine Kommunikationstechnik, die sehr gut wirkt bei Menschen mit Demenz.

Der Leitung der sozialen Betreuung muss bewusst sein, dass Betreuungskräfte Schwerstarbeit leisten. Sie stehen täglich in der Brandung und sind gefordert, mit den Bewohnern individuell umzugehen. Wenn es dann auf der anderen Seite an Anerkennung mangelt, sind Desinteresse und Frustration die Folge.

Was lässt sich gegen das Desinteresse unternehmen?

Das lässt sich nur ändern, wenn ein Wahrnehmen auf Augenhöhe stattfindet. Außerdem braucht es Wertschätzung. Hier ist die Leitung gefragt, sie muss die Wertschätzung vorleben und über die wertvolle Arbeit der Betreuungskräfte aufklären. Die Pflegekräfte sollten das Curriculum der Betreuung kennen und wissen, was genau sie im Unterricht lernen und was ihre Aufgaben sind.

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Man kann es nicht oft genug sagen: Malen, handwerkliche Arbeiten, Fotobücher anlegen, Alben anschauen, Gottesdienste mit Bewohnern besuchen – das sind originäre Tätigkeiten der Betreuungskräfte. Und das muss die Leitung der sozialen Betreuung immer wieder kommunizieren. Sie muss immer wieder gegen das Vorurteil angehen, dass die „Betreuungskräfte nur rumsitzen“. Im Curriculum steht nichts von Spülmaschine aufräumen, Toilettengängen und Essen anreichen. Das kann etwas anders aussehen, wenn die Betreuungskraft zuvor als Pflegehelfer gearbeitet hat.

Welche konkreten Maßnahmen helfen, die Vorurteile abzubauen?

Eine unterstützende Maßnahme wäre beispielsweise: Die Pflege läuft mal eine Woche in der Betreuung mit. Ein sicherer Hallo-wach-Moment. In meiner Tätigkeit als soziale Betreuung in einer Altenpflegeeinrichtung veranstalteten wir damals einmal pro Woche einen sogenannten Blitz. Das war eine Art Brainstorming, circa 30 Minuten mit Kaffee und Kuchen: Was liegt an, was müssen wir beachten oder verändern? Darum ging es.

Das Ganze fand statt vor der Übergabe mit der Pflege, in der ich die gesammelten Punkte aus dem Blitz vorgestellt habe und wiederum erfuhr, was pflegetechnisch läuft. Nach dieser großen Übergabe habe ich mein Protokoll geschrieben und es im Verteiler an Heimleitung, Pflege, Hauswirtschaft und auch an die soziale Betreuung geschickt. So wusste jeder, was vereinbart worden war: Die Fehlerquote sank und alle waren zufriedener.

Als soziale Betreuung muss man schon deutlich machen, dass man dazu gehört. Ich habe eine Pflegeausbildung für Palliativ, geriatrische Reha und Gerontopsychiatrie zweieinhalb Jahre in einer großen Weiterbildung mit absolviert – das hilft, um in der Einrichtung akzeptiert zu werden.

Interview: Nina Sickinger/kig

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Tipps, wie sich die Betreuung stärken und Betreuungskräfte motivieren lassen

  • Das Zusammengehörigkeitsgefühl von Pflege und Betreuung stärken etwa durch Feste und regelmäßige Kommunikationsrunden
  • Betreuungskräfte in den gemeinsamen Alltag einbinden, etwa durch gemeinsame Pausen (miteinander reden statt übereinander reden!)
  • Bei der Zuteilung der Tätigkeiten individuelle Begabungen und Talente berücksichtigen. Wenn eine Betreuungskraft musikalisch ist: gemeinsames Singen mit ins Konzept schreiben. Vielleicht den Hausmeister mit einbinden, wenn es um das Arbeiten mit Männern geht; Monika Hammerla hat erlebt, wie ein im Umgang mit Demenz geschulter Hausmeister zusammen mit Demenzkranken den Hof gekehrt und den Müll weggefahren hat – oder wie eine evangelische Pfarrerin in der Einzelbetreuung Seelsorge übernommen hat. „Wer nicht gut im Validieren ist, kann Aufgaben mit fitten Bewohnern übernehmen. Wer gut validieren kann, übernimmt die schwache Gruppe. Man muss einfach sehr genau schauen, welche Betreuungskraft für welche Aufgabe geeignet ist. Es lohnt sich dabei, auf das zu schauen, was die Betreuungskräfte bisher in ihrem Leben gemacht haben.“
  • Betreuungskräften die gleichen Vorzüge gewähren wie Pflegekräften, beispielsweise Firmenrabatte
  • Betreuungskräften, die regelmäßig einspringen, zusätzliche freie Tage gewähren
  • Individuelle Arbeitszeit-Wünsche ermöglichen, auch Vollzeitstellen und Wochenendarbeit anbieten, Schichten am späten Nachmittag, die vielleicht auch mal, etwa im Sommer, bis 21 Uhr gehen
  • Als Leitung Wertschätzung und Respekt leben: Gute Arbeit hervorheben, ausdrücklich erwähnen, gern auch in den Übergaben vor Publikum
  • Betreuungskräften und Pflegekräften Möglichkeiten zur Entspannung bieten: Tanzkurs im Haus, Yoga, Zugang zu Snoezelen-Räumen (sofern vorhanden), Gutscheine für Massagesessel in der Einrichtung

Über Monika Hammerla

Die Fachkraft für Gerontopsychiatrie und Geriatrische Rehabilitation unterrichtet Betreuungskräfte. Sie ist Auditorin der FQA (Fachstelle für Pflege- und Behinderteneinrichtungen – die alte „Heimaufsicht“) a.D. und hat lange in der stationären und ambulanten Altenpflege sowie in der Tagespflege gearbeitet. Sie ist Autorin des Buches Qualitätsmerkmal Beziehungsgestaltung (mit Rainer Klein), Außerdem ist sie Mitglied der Deutschen Expertengruppe für Demenzbetreuung (DED). 

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