Es kann deprimierend sein, auf Facebook und Co. über den Pflegeberuf zu lesen: Arbeit wie in der Fabrik, reine Satt-und-sauber-Pflege, absoluter Frust – diesen Eindruck vermitteln viele Pflegende, die hier aktiv sind. Doch was macht das mit ihnen? Was macht das mit dem Pflegeberuf? Kritik an den Arbeitsverhältnissen ist gerechtfertigt und wünschenswert, doch es kommt auf das Wie an: Wenn sie in Verachtung für die Pflegebedürftigen, die Angehörigen und die eigene Profession umschlägt, ist eine Grenze überschritten. Dann haben alle ihre Würde verloren: der Kritiker selbst und die Objekte seiner Kritik.
John Victor Lopez dreht kurze, witzige Filme (Reels)
Doch es ist gerade Gegenwind zu spüren. „Einige Pflegekräfte meinen, dass man mit diesem Anprangern auch Druck auf die Politik machen kann. Dieses ewige Jammern hilft uns aber nicht“, sagt John Victor Lopes, Pflegefachperson bei der Residenz-Gruppe in Hammah (Niedersachsen). Der 35-Jährige wünscht sich einen positiveren Aufritt der Pflege-Profession und ist selbst aktiv geworden: Als er 2021 regionaler Praxisanleiter wurde, hat er seinen Instagram-Account (@johnfit_praxisanleiter), der sich bis dahin vor allem um seine Sportarten Krafttraining und Laufen drehte, neu ausgerichtet: John Victor Lopez präsentiert jetzt seinen beruflichen Alltag auf Instagram, positiv, beschwingt und oft auch witzig. In einer Videosequenz (Reel) holt er zwei Auszubildende, die versunken in einem Lehrbuch lesen, zum Praxiseinsatz ab und lässt sie Blutdruck messen; in einer anderen Sequenz, im Stile einer Autowerbung (Froschperspektive, Sonnenaufgang, dynamische Musik), ist er morgens in seinem Pkw auf dem Weg zur Arbeit zu sehen.
Praxisanleiterin Florence Harzheim schreibt täglich Praxistipps
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Auch Florence Harzheim präsentiert auf ihrem Instagram- und TikTok-Account (@frau_praxisanleiter) ein frisches, zukunftsgewandtes Bild des Pflegeberufs. Ihre Beiträge strotzen vor Fachlichkeit, es geht um Inhalte und Struktur der generalistischen Ausbildung, außerdem postet die 37-Jährige Tipps für Praxisanleiter und erzählt Auszubildenden, worauf es in den Prüfungen ankommt. Das alles macht sie seit rund einem Jahr täglich, ein bis zwei Stunden nach ihrer Arbeit in der Marienborn Fachklinik für Psychiatrie in Zülpich (Nordrhein-Westfalen). Niemand bezahlt sie dafür oder stellt sie von der Arbeit frei. Aber zu sehen, dass ihr Angebot dringend gebraucht wird, das treibt sie an: Auf TikTok hat sie 41.200 Follower, auf Instagram 8.900.
Poetry Slammerin Leah Weigand mischt Talkshows auf
Während Florence Harzheim und John Victor Lopes sowie viele andere, die wie sie eine würde- und anspruchsvolle Pflege in den sozialen Medien propagieren, vor allem Insider erreichen, hat Leah Weigand, Pflegefachperson und Poetry Slammerin, mit ihrem Video „Ungepflegt“ mehr als 2,6 Millionen Menschen erreicht. In der NDR-Talkshow „3nach9“ erntete die 26-Jährige Ende Januar frenetischen Applaus, nachdem sie ihr Gedicht über den Pflegeberuf in voller Länge vorgetragen und so manchen der Zuschauer mit den Tränen ringen lassen hat. Auch bei Pflegekräften trifft sie einen Nerv, in einem Kommentar in den sozialen Medien schreibt Sarah S. schreibt: „Da kommt man grad vom Nachtdienst und hört diesen tollen Slam, der die Nacht wunderbar beschreibt. Und man muss weinen.“ Gerti G. kommentiert: „Mir hat es Tränen in meine Pflegeaugen gedrückt, voll aus der Seele.“
„Mal hörte ich den allerersten Lebensschrei und mal war ich beim letzten Atemzug dabei …“
Leah Weigands Gedicht „Ungepflegt“ ist aufrüttelnde Kritik an den Arbeitsbedingungen in der Pflege und zugleich eine warmherzige Hommage an den Pflegeberuf. Da heißt es etwa:
„Wir werden geduzt, belästigt und gnadenlos ausgenutzt. Nicht nur einmal habe ich mir gewünscht, dass der Tag nie begonnen hätte ...“
Aber auch:
„Aber ich hab auch schon 100 Jahre alte Hände gehalten (…), Hab in erleichterte Gesichter und dankbare Augen geschaut (…). Mal hörte ich den allerersten Lebensschrei und mal war ich beim letzten Atemzug dabei …“
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Pflegefachpersonen wie John Victor Lopes, Florence Harzheim und Leah Weigand kritisieren in ihren Beiträgen auch die Verhältnisse in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Aber im Unterschied zu den destruktiven Facebook-Nörglern glauben sie an eine bessere Zukunft. Deshalb engagieren sie sich, deshalb werden sie nie destruktiv. John Victor Lopez: „Wir wollen doch junge Leute für den Beruf begeistern. Das schaffen wir halt nicht, wenn wir immer nur sagen: „Dieses ist doof und jenes ist doof.“
Autorin: Kirsten Gaede