Aktivieren und Beschäftigen

So aktivieren Sie erfolgreich Senioren

Leidet der Bewohner an einer Demenz? Oder ist er kognitiv eher stark? Worauf routinierte Betreuer außerdem achten, erfahren Sie im Interview mit Birgit Henze, Autorin des Ratgebers „Ganzheitlich aktivieren“

Inhaltsverzeichnis

pflegen-online: Ihr Buch präsentiert eine Fülle von Ideen, mit denen eine Pflege- oder Betreuungskraft eine Nachmittagsrunde in einer Pflegeeinrichtung gestalten kann. Welche dieser Tipps zur Aktivierung liegen Ihnen besonders am Herzen? Welches sind Ihre Top 3?

Birgit Henze: Zu meinen klaren Favoriten gehören unbedingt kleine themenorientierte Bewegungs-Aktivitäten. Außerdem eignen sich Sprichwörter hervorragend als Impulse zur sinnvollen Aktivierung, gern auch als Einstieg in ein Thema.

Einen weiteren Spitzenplatz belegen bei mir solche kreative Arbeiten, die unkompliziert sind, aber dennoch ordentlich was hermachen, mit Resultaten, auf die die Bewohner stolz sein können. Ich rege die Senioren sehr gerne dazu an, aus Materialien etwas kreativ zu gestalten, beispielsweise eine Glückwunschkarte zum Aufklappen. Kürzlich hat eine Gruppe schöne Lesezeichen gestaltet, die wir dann laminiert haben. Anschießend haben wir sie als Geschenk einem Chor überreicht, der unentgeltlich bei uns im Seniorenheim aufgetreten ist.

Können Sie uns denn eine Bewegungs-Aktivität nennen, die einfach, aber ungewöhnlich ist?

Ja, ich habe eine Bewegungseinheit zum Thema Begrüßungsarten erstellt, eingebettet in das Oberthema Bräuche, zu finden im Band 1, „Rund ums Jahr“. Ich habe aufgegriffen, dass die neuseeländischen Maori sich mit den Nasenspitzen berühren, wenn sie sich begrüßen. Die Teilnehmer dagegen sollen ihre eigene Nasenspitze nacheinander mit den Fingern berühren.

Damit möchte ich deutlich machen, wie wichtig es ist, alle Bewegungsrunden unter ein Thema zu stellen, damit die Teilnehmer gedanklich folgen können. Die Menschen, mit denen wir arbeiten, möchten nicht nur um der Bewegung willen aktiv werden. Es hilft gar nichts, ihnen zu erklären, wie wichtig es ist, die Beweglichkeit zu erhalten oder das Herz-Kreislauf-System zu stärken. Sie sind motivierter, wenn ich die Bewegungen in eine „Geschichte“ verpacke. Wenn ich sage: Bitte den rechten Arm nach rechts ausstrecken, bitte den linken Arm nach links austrecken, bitte den linken Arm nach oben strecken, werden die Teilnehmer nicht mit so viel Freude und Elan folgen, als wenn ich die Bewegung unter das Thema Straßenverkehr stelle, und wir alle gemeinsam so tun, als wären wir ein Verkehrspolizist, der der mit seinen Gesten den Verkehr regelt.

Was ist besonders wichtig bei der Auswahl einer Aktivität?

Wir Betreuungskräfte müssen unbedingt darauf achten, welche Klientel wir jeweils aktivieren möchten. Flexibilität gehört bei uns zum Tagesgeschäft. Einige Aktivitäten aus dem Buch sind beispielsweise eher für kognitiv stärkere Senioren geeignet, andere richten sich eher an demenzkranke Bewohner.

Mit „Natur erleben“ ist jetzt der dritte Band Ihrer Buchreihe „Ganzheitlich aktivieren“ erschienen. Können Sie kurz das Konzept erklären?

Jedes der Bücher hat ein Leitthema, wie etwa „Natur erleben“. So können die Nutzer des Buches einerseits eine komplette Aktivierungsrunde unter ein spezielles Oberthema stellen und somit bis zu 60 Minuten Spiele und andere Aktivitäten anbieten, die alle unter dem gemeinsamen Motto „Natur erleben“ stehen. Dies gibt gerade demenzkranken Bewohnern eher die Chance, die Aktivitäten besser zu verinnerlichen. Oder die Betreuungskraft entscheidet sich für einen bunten Strauß aus Aktivitäten und stellt verschiedene Angebote aus allen vier Büchern zusammen, wenn ihr dies passender erscheint.

Mit welcher Aktivität kann denn eine ungeübte Betreuungskraft, eine Anfängerin, auf jeden Fall einen Treffer landen?

Es kommt weniger auf die einzelne Aktivität an, sondern auf ein paar Grundregeln, die wesentlich zum Erfolg beitragen: immer authentisch bleiben, nur Aktivitäten anbieten, die man auch selbst gut findet, und die Teilnehmer sehr genau wahrnehmen und beobachten.

Es nützt nichts, wenn ich mir vorher ein tolles Aktivitäten-Paket zusammenstelle, dann aber in der Situation völlig über die anwesenden Teilnehmer hinweggehe. Wenn ich aber genau registriere, wie sich die Senioren gerade fühlen und nach was ihnen zumute sein könnte, dann werde ich ganz sicher mit meinen Angeboten Erfolg haben. Wenn ich die Gruppe schon kenne, geht sowieso alles leichter. Sinnvoll ist es auch, eine Notfallkiste mit Spielen bereitzustellen.

Wie viele Aktivitäten nacheinander sind überhaupt ratsam?

Mit körperlich oder geistig schwächeren Teilnehmern reichen 15 bis 20 Minuten. Sind die Teilnehmer noch relativ fit, darf es bis zu einer voller Stunde sein. Das ist dann aber auch das Limit. Wenn wir allerdings kreativ sind und zum Beispiel Karten oder Lesezeichen gestalten, kann sich das auch über zwei oder drei Nachmittage mit jeweils einer Stunde erstrecken.

Was sind die größten Fehler? Was wird häufig falsch gemacht?

Es ist ein eklatanter Fehler, wenn Betreuungskräfte die Bewohner mit ihren Wünschen und Fähigkeiten nicht ernst nehmen, sondern einfach ihr Programm durchziehen. Aktivierung nach meinem Verständnis soll eine Begegnung zwischen Menschen sein, die den Bewohnern Teilhabe ermöglicht. Zum anderen fehlt es bei den Pflegekräften in einer Einrichtung immer mal wieder an Wertschätzung gegenüber den Betreuungskräften, was wohl daran liegen mag, dass sie diese Arbeit unterschätzen.

Interview: Michael Handwerk

Über Birgit Henze

Die Autorin ist Krankenschwester, Ergotherapeutin sowie Fachkraft für Gerontopsychiatrie. Sie leitet den Bereich der Sozialen Betreuung in einer Berliner Pflegeresidenz. Für die Schlütersche hat sie bereits die Titel „Aktivieren mit Handgymnastik“ (Band 1 bis 3) und die Spiele-Sammlung „Bunte Mischung“ (Band 1 und 2) und „366 Tage – Aktivierungsarbeit mit älteren Menschen“ verfasst.

Das Buch „Ganzheitlich aktivieren – Natur erleben“

Der Titel ist Teil einer vierteiligen Buchreihe. Bereits erschienen sind die Titel “Rund ums Jahr” und “Alltägliches”. Noch folgen wird der Titel “Freizeit und Vergnügen”.

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