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Pflegedokumentation

SIS: Wie zufrieden sind die Pflegeheime?

Vor acht Jahren starteten die ersten Praxistests mit der SIS (Strukturierte Informationssammlung). Das Ziel: die Pflegedokumentation vereinfachen. Ist das geglückt? Wir sprachen mit Pflegedienstleitungen und zeigen aktuelle Studienergebnisse

Im Jahr 2013 wurden im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit Empfehlungen zur Effizienzsteigerung der Pflegedokumentation entwickelt. In diesem Projekt startete auch die SIS als ein Baustein des Strukturmodells. SIS ist ein wissenschaftsbasierter Ansatz zum Einstieg in den Pflegeprozess und zur Entbürokratisierung der Pflege. Wichtigste Bestandteile sind:

  • der personenzentrierte Ansatz
  • das Vertrauen in die Fachlichkeit der Pflegenden
  • die schnelle Orientierung
  • die bessere Übersichtlichkeit
  • weniger Zeitaufwand

Bis Ende Oktober 2017 hatten sich bereits bundesweit über 10.550 Pflegeeinrichtungen für die Einführung des neuen Dokumentationssystems registriert, also fast jede zweite Einrichtung in Deutschland.

Über die Hälfte der Pflegefachkräfte sind mit SIS sehr zufrieden 

Doch wie läuft es aktuell? Haben sich die Hoffnungen in das neue System erfüllt? Und was sagen diejenigen, die täglich damit arbeiten? Konkrete Zahlen, beispielsweise zur Kosteneinsparung existieren noch nicht. Doch das Projektbüro Ein-Step hat im Auftrag des Pflegebeauftragten der vorigen Bundesregierung Andreas Westerfellhaus die SIS evaluiert. Es zeigte sich, dass 58,6 Prozent  der verantwortlichen Pflegefachkräfte finden, dass sich die Umstellung auf SIS „voll und ganz“ gelohnt hat.

Es gibt also Anerkennung für SIS und durchaus auch eine Bestätigung des beabsichtigten Effekts. Lobende Worte, allerdings mit Einschränkungen, hat auch Rebecca Bohnstedt, Pflegedienstleitung im Azurit Pflegezentrum Blankenburg: "Ich bin ein absoluter Fan des Strukturmodells. Es ist das beste Modell, das es je gab. Wir haben es bei uns im Haus 2016 eingeführt. Einige unserer Mitarbeiter hatten anfangs große Berührungsängste, doch diese wurden ihnen durch die intensiven Schulungen schnell genommen." Doch sie könne sich vorstellen, dass nicht alle Einrichtungen so gute Erfahrungen mit der Einführung der SIS gemacht hätten.

SIS: kein Drama, wenn das Deutsch der Pflegekraft nicht perfekt ist  

Das könnte unter anderem daran liegen, dass es wegen des Personalmangels gar nicht die Zeit für die vorgesehenen Gespräche mit den Patienten gibt. Deshalb sehen sich die Pflegekräfte gezwungen, die Gespräche kurz und knapp zu halten und auf das Wesentliche zu beschränken. Das Ziel der SIS wäre somit völlig verfehlt.

Einen weiteren Aspekt nennt Elfriede Olejok vom Pflegeteam AHK Berlin: „Unsere ausländischen Mitarbeiter sind der deutschen Sprache oft (noch) nicht mächtig, so dass dies definitiv eine Barriere für das persönliche Gespräch und das Aufschreiben darstellt." Doch andererseits bringen die andere Mentalität und die Sprachbarriere auch Vorteile. Häufig gehen die ausländischen Mitarbeiter, viel intuitiver mit den Menschen um. Wenn sie sich bei manchen Begriffen nicht sicher sind, umschreiben sie das Ganze eben. Das kommt dem eigentlichen Sinn und Zweck der SIS sehr viel näher als das pure Aufschreiben von Fakten.

SIS setzt bei Bewohnern oft Emotionen frei

Mona Schniering, Pflegeleitung des Hauses Jacobus in Osthofen spricht noch einen weiteren Punkt an. "Manchmal ist auch der emotionale Moment ganz schön massiv. Wenn ein Bewohner beispielsweise sagt: ,ich will gar nicht mehr leben, mein Mann ist vor einem halben Jahr gestorben´ kann das bei der Pflegekraft auch eine hohe emotionale Reaktion hervorrufen.“ Das stelle sowohl deutsche wie auch ausländische Kollegen vor Probleme.

Nach der Meinung Daniel Menzels, Pflegedienstleiter einer oberbayerischen Einrichtung, liegen die Schwierigkeiten aber noch in einem ganz anderen Punkt: "Ich glaube, einige Mitarbeiter sind immer noch unsicher, wie sie mit diesem System arbeiten sollen. Deswegen schreiben sie oft gar nichts auf, die Felder bleiben leer. Und dann kommt es immer wieder zu der Fehleinschätzung der Verantwortlichen, die denken, die SIS funktioniert nicht". Ein großer Fehler findet Rebecca Bohnstedt: "Meiner Einschätzung nach, liegt der Erfolg der SIS zu großen Teilen vor allem bei den Führungskräften und beim verantwortlichen Träger einer Einrichtung." 

Erfolg von SIS hängt von PDL und anderen Leitungskräften ab

Daher wäre es sinnvoll, vor der Einführung von SIS die Führungskräfte intensiv zu schulen. Nur wenn sich die Vorgesetzten mit dem Strukturmodell identifizieren und dahinterstehen, können es die Mitarbeiter verstehen und anwenden. Sie sollten bald nach den Führungskräften ihre Schulungen erhalten, um dann im Alltag die praktische Umsetzung zu üben. Je öfter sie mit dem neuen Modell in Berührung kommen, desto sicherer werden sie im Umgang. Daniel Menzel unterstreicht: „Die SIS ist eigentlich ein idiotensicheres und einfaches Modul. Einfach den O-Ton eines Bewohners aufschreiben - ohne zu beschönigen, abzumildern oder zu verändern. Wenn ein Bewohner sagt ,ich will hier nicht sein, es ist furchtbar für mich` dann sollte das genauso aufgeschrieben werden. Da gibt es nichts falsch zu machen."

SIS spart Zeit gegenüber herkömmlicher Dokumentation

Laut der Umfrage des Projektbüros Ein-Step denken 79,1 Prozent  der Pflegedienstleistungen und 74,4 Prozent der Pflegefachkräfte in Pflegeheimen, dass die Umstellung eine Zeitersparnis gebracht hat. Diese ist unter anderem auf den geringeren Dokumentationsaufwand zurückzuführen. Die eingesparte Zeit nutzen die meisten nach eigenen Angaben (zwischen 59,5 und 70,6 Prozent) für die individuelle Pflege, gefolgt von der Anleitung und Beratung von Pflegebedürftigen (zwischen 38,5 Prozent und 44,8 Prozent).

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Eigentlich ein tolles Ergebnis. Doch die Pflegedienstleitungen beobachteten eine gewisse Skepsis: Unter den Pflegekräften kursierte manches Mal die Frage, ob sich die Zeitersparnis negativ auf andere Arbeitsbereiche auswirken und sich daraus Nachteile für sie ergeben könnten. Aber die Politik, unter Mitarbeit des ehemaligen Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung, Staatssekretär Karl-Josef Laumann, hat hier sorgfältig gearbeitet: Denn in § 113 SGB XI geht es unter anderem genau darum. Dort ist festgehalten, dass eine Zeitersparnis durch das neue Dokumentationsmodell nicht zu einer Absenkung der Pflegevergütung führen dürfe, sondern der Arbeitsverdichtung entgegenwirken soll. Gerade in der Einführungsphase war dies den meisten Pflegekräften gar nicht bekannt. Durch die zusätzliche fachliche und juristische Absicherung des Gesetzgebers wurde mit dem Strukturmodell ein Instrument für eine schlanke und effiziente Pflegedokumentation geschaffen, die auch weiterhin Bestand haben wird.

 Autorin: Nina Sickinger

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