GigWork

Sind die Tage der Zeitarbeit in der Pflege gezählt?

Pflegekräfte und Klinikleitung – alle regen sich über die teure Leiharbeit auf. Nun gibt es erstmals eine Alternative: GigWork, eine digitale Plattform, die ähnlich wie Airbnb funktioniert.

Inhaltsverzeichnis

Vielen Pflege-Teams drückt die Leiharbeit inzwischen erheblich auf die Stimmung: Da kommen Pflegekräfte für kurze Zeit eingeflogen, übernehmen kaum Verantwortung und verdienen deutlich mehr als das Stammpersonal. Auch die Geschäftsführungen sind es leid, für einen Leiharbeiter 2- bis 2,5-mal mehr als für eine festangestellte Pflegekraft zu zahlen. Oder gar 4-mal mehr, wie es offenbar immer häufiger in sehr spezialisierten Bereichen wie der Intensivpflege passiert.

Helios und Gesundheit Nord sind dabei

Kein Wunder, dass die Plattform GigWork augenblicklich so viel Staub aufwirbelt. Denn sie vermittelt deutlich günstiger. Das kann sie, weil sie Krankenhäuser und Pflegekräfte auf einer digitalen Plattform zusammenführt, ein Matching (Abgleichen von Wünschen) ermöglicht und sich ansonsten aus allem heraushält – so wie Airbnb oder wie Parship. Selbst die konkret zu besetzenden Schichten (und nicht nur die Tage) sollen Arbeitgeber ab Frühjahr 2019 auf GigWork angeben können.

GigWork-Gründer Kranz mit Draht zur Pflege

Bei den Krankenhäusern hat die Idee bereits gezündet. Das liegt auch daran, dass GigWork-Gründer Nicolai Kranz sie den Krankenhausträgern gut vermitteln kann, denn er stammt aus der Branche: Der studierte Jurist war Personalchef der Uniklinik Köln und kaufmännischer Vorstand der Uniklinik Essen. Bisher hat er Deutschlands größten Klinikkonzern Helios (zunächst mit dem Krankenhaus Siegburg) als Entwicklungsanwender für GigWork gewinnen können, die Uniklinik Bonn, das Klinikum Osnabrück, den kommunalen Klinikverbund (Gesundheit Nord - GeNo) in Bremen und die Betaklinik in Bonn.

Ein weiterer Pluspunkt für Nicolai Kranz ist sein Sohn Kristian (siehe Foto unten mit NRW-Sozialminister Pinkwart, Nicolai Kranz und Hartmut Ihne, Präsident FH Bonn Rhein-Sieg): Dieser hat erst vor wenigen Monaten seine Pflegeausbildung abgeschlossen und Kontakt zu den begehrten Fachkräften. Er ist ebenfalls in die Entwicklung von GigWork involviert: Gerade hat er das „Zeit-Matching-Tool“ neu aufgesetzt und nach einem Workshop mit der Pflegedirektion der Uniklinik Bonn den Software-Entwicklern übergeben. Was den Pflegedirektionen in die Hände spielt: Die Plattform hat auch für Pflegekräfte einige attraktive Aspekte.

9 Vorteile für Pflegekräfte

  1. Man kann für sich schauen, ob es Arbeit in der Nähe gibt, die einem zusagt. Verhandlungen und Absprachen mit der Zeitarbeitsfirma entfallen. Wer einen Auftrag zusagt, macht direkt mit dem Krankenhaus einen Vertrag. Es besteht kein Druck: Man läuft nicht Gefahr, zu häufig abzusagen und es sich so mit dem Vermittler, der Zeitarbeitsfirma, zu verscherzen.

  2. Da man vor Ort einen Vertrag direkt mit dem Krankenhaus eingeht, ist man auch sozial abgesichert (so wie in der Leiharbeitsfirma), es gibt keine Probleme etwa wegen Scheinselbstständigkeit. Dies Stärkung der Direktanstellung ist übrigens auch der Grund, weshalb die Gewerkschaften GigWork wohlwollend betrachten und sogar als Verbesserung gegenüber den Leiharbeitsfirmen sehen (bei denen sich die Träger – wenn auch für viel Geld – aus der Verantwortung gegenüber dem einzelnen Leiharbeiter stehlen). Auch der liberale Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen Andreas Pinkwart (FDP) spricht von einer „arbeitsmarktpolitischen Revolution“.

  3. Die Vergütung ist immer noch besser als bei einer Festanstellung – was sie auch sein muss, da Gig-Arbeiter Urlaubszeiten und eventuelle Krankheitstage kompensieren müssen. GigWork empfiehlt 20 bis 40 Prozent mehr als der normale Bruttolohn. Die Krankenschwester oder der Pfleger handelt die Vergütung direkt vor Ort mit dem Arbeitgeber aus.

  4. Das Verhältnis zum Team vor Ort ist vermutlich angenehmer, da man nicht als Abgesandter eines „Wegelagerers“ – ja, so werden die Zeitarbeitsfirmen in den Kliniken oft schon bezeichnet – betrachtet wird.

  5. Wer länger – etwa wegen Elternzeit – nicht mehr gearbeitet hat, kann Gig-Work gut als Wiedereinstieg nutzen – mit Wunschdiensten und der Möglichkeit, mehrere Krankenhäuser kennenzulernen, um dann bei passender Gelegenheit, bei seinem Favoriten, Anker zu werfen

  6. Es gibt bei einigen Trägern die Möglichkeit, auch nur für wenige Tage in einem Krankenhaus zu arbeiten – Helios zumindest möchte sich darauf einlassen, weil das Unternehmen auf den „Klebeeffekt“ hofft, wie Nicolai Kranz es formuliert. Andere Krankenhäuser bevorzugen aber eine Mindesteinsatzdauer von einem bis sechs Monaten.

  7. Aus einem GigJobber kann ein FlexJobber werden – der FlexJobber ist vergleichbar mit der Extrawache – sein Vorteil: Er kann bestimmte Arbeitszeiten und -rhythmen über einen längere Zeitraum mit dem Krankenhaus vereinbaren.

  8. Auch für Pflegekräfte, die schon in Rente sind, bietet GigWork die Gelegenheit, es einfach einmal wieder auszuprobieren – vielleicht jeden zweiten Sonntagnachmittag, weil das gerade so gut mit den vielen anderen Aktivitäten und familiären Verpflichtungen harmoniert

  9. Es gibt auf der Plattform die Möglichkeit den Lebenslauf zu anonymisieren, so dass die Krankenhäuser ihn beim Erstkontakt nicht sehen oder nur Teile davon.

Für die Krankenhäuser stechen die Vorteile von GigWork noch stärker hervor.

5 Vorteile für Krankenhäuser

  1. Sie sparen 30 bis 50 Prozent gegenüber der klassischen Zeitarbeit, meint Nicolai Kranz.

  2. Sie kommen möglicherweise mit Pflegekräften in Kontakt, die sich eigentlich von ihrem Beruf verabschiedet haben, aber nun auf unkomplizierte Weise, versuchsweise, einmal wieder die Nase in Ihre Profession stecken möchten

  3. Der Verwaltungsaufwand ist gering: Sie können einen Mustertext als Stellenanzeige auf die Plattform stellen und in diesen nur jedes Mal die Zeitangaben („Timeslots“) ändern

  4. Die Arbeitsverträge sind Musterverträge und machen nicht viel Arbeit

  5. Eventuell sind Schnittstellen der GigWork-Software zur Dienstplan-Software möglich – in puncto IT-Entwicklung scheint das Ende der Fahnenstange zumindest noch nicht erreicht. Das erstaunt nicht: Der zweite GigWork-Gründer neben Nicolai Kranz ist Jörg Haas, der in den frühen Zweitausenderjahren mit seinem Unternehmen GWI die Krankenhaussoftware Orbis entwickelte (inzwischen an Agfa Healthcare verkauft), heute unterstützt er mit seiner HW Partners AG Start-ups wie eben GigWork.

GeNo verabschiedet sich von Zeitarbeit

Bedeutet der Erfolg von GigWork für die Zeitarbeitsfirmen den Niedergang? Nein, glaubt Nicolai Kranz. „Es wird auf eine Koexistenz hinauslaufen. Plattformen wie GigWork werden künftig vielleicht einen Marktanteil von 10 Prozent einnehmen.“ Möglicherweise eine zu bescheidene Schätzung. Denn auf die Frage, welche Rolle Zeitarbeit noch für die Gesundheit Nord (GeNo) in Bremen spielt, antwortet Personalvorstand Torsten Hintze: „Wir fahren seit Mitte dieses Jahres den Einsatz von Zeitarbeit signifikant zurück.“

Autorin: Kirsten Gaede

Foto: Jens Schünemann /privat (Gruppenfoto)

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