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Beruf und Karriere

Sie hat die Altenpflege seit den 80ern vorangetrieben …

... und 2011 ihren Niedergang prophezeit. Sich eine eigene Meinung bilden, nicht mit dem Strom schwimmen – das macht Dr. Ursula Kriesten, Pflegewissenschaftlerin und Frauen-Netzwerkerin, erfolgreich

Ruhestand. Man möchte ein neues Wort erfinden für die Lebensphase dieser Frau. Denn Dr. Ursula Kriesten,  bis August 2020 Leiterin der Akademie Gesundheitswirtschaft und Senioren (AgewiS) in Gummersbach, ist umtriebiger denn je: „Endlich kann ich Dinge tun, zu denen ich vorher nicht gekommen bin”, sagt die 63-Jährige und zählt auf: Da wären die Hochschularbeit und das Schreiben, da wäre die Kulturarbeit in ihrer Heimat, einem kleinen Ort zwischen Köln und Olpe. Und da wäre Udo Lindenberg, mit dem sie ein Wörtchen reden möchte. Aber dazu später.

Dr. Ursula Kriesten hat über Jahre im Oberbergischen Kreis eine Akademie für Gesundheitsberufe aufgebaut, Schritt für Schritt aus der ehemals kleinen Schule für Altenpflege eine Bildungseinrichtung von Hochschulformat gemacht, sie 25 Jahre lang geleitet. Neben dieser Arbeit und zahlreichen Verbandsaktivitäten nahm sie sich Zeit, berufsbegleitend ihren Bachelor und ihren Master zu machen und anschließend zu promovieren. Sie hat Gesundheits- und Sozialministerinnen und -minister kommen und gehen sehen; allein sieben Ausbildungsgesetze, so rechnet sie im Gespräch vor, wurden verabschiedet in der Zeit, in der sie berufstätig war, mussten gelesen, verstanden und umgesetzt werden.

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Dr. Ursula Kriesten: … und an jedem dieser Gesetze, auch an dem aktuellen, gab und gibt es etwas auszusetzen.

TOP Management Pflege: Warum, was stört Sie am meisten daran?

Dr. Ursula Kriesten: In den Gesetzen sind oft ganze Prozesse nicht zu Ende gedacht, gerade mit Blick auf die Bildungsarbeit. Nehmen Sie nur das aktuelle Gesetz: Da wird die Prozessarbeit nun den Schulen und den Einrichtungen überlassen – das geht nicht, zumindest nicht bei einer gewünschten Optimierung. Es kann nicht sein, dass Ideen einzelner Personen gefolgt wird und man so versucht, ein ganzes System zu ändern.

TOP Management Pflege: Was sollte aus Ihrer Sicht besser gemacht werden?

Dr. Ursula Kriesten: Der erste Schritt sollte doch sein, das Wissen, das wir über die Pflege und Pflegebildung haben, zu sammeln, es konsistent zu machen, ohne, dass einzelne Interessenvertretungen ein allzu großes Gewicht bekommen. Das gewonnene Wissen und die unterschiedlichen Strukturen gilt es zu verknüpfen – und dann auf ihre Effizienz und Effektivität zu überprüfen und zu optimieren.

Da ist es also, das Schlagwort der „Effizienz”. Wer länger mit Ursula Kriesten spricht, hört den Begriff wiederholte Male. Das Streben danach, oder, wie sie es sagen würde, nach einer sinnvollen Ressourcenverwertung, zieht sich durch ihr ganzes Leben. Nichts vergeuden, bitte, keine Mittel und vor allem: keine Zeit.

Mit 16 Praktikantin im Krankenhaus

Sie ist 16, als sie diese Unruhe besonders stark spürt: Die anderen Teenager in ihrem Freundeskreis, so erzählt sie, wussten kaum etwas mit ihren Wochenenden anzufangen, da übernimmt sie bereits als Praktikantin alle 14 Tage Pflegedienste in einem Krankenhaus. Die Altenpflege kannte sie bereits von einem Schülerpraktikum, hier hatte sie viel gutes Feedback bekommen zu ihrer Arbeit, „und positives Feedback ist oft das Entscheidende, etwas, das Wege anbahnt”. Gern wäre sie direkt nach Schulabschluss in die Ausbildung gegangen, doch stand diese erst ab einem Alter von 17 Jahren offen. Also dann eben dieses Vorpraktikum – „heute würde man vielleicht FSJ sagen” – bis es dann endlich, endlich mit der Ausbildung losging. Es sind rationale Beweggründe, die sie in die Pflege führen: „Krisensicher” ist der Beruf aus Sicht der jungen Frau, „praktikabel” und „sinnvoll”. Und in die internationale Entwicklungsarbeit könnte man damit auch gehen, denkt sie sich. Auch wenn es später anders kommen sollte.

Pflege-Nachwuchs ausbilden – das ist „ihr Ding“  

Spannend sind ihre ersten Berufsjahre. Zunächst erlebt sie den Aufbau des damals noch neuen Fachbereichs der Urologie mit, später arbeitet sie in Hessen in der operativen Intensivpflege. Nach einem Umzug nach Nordrhein-Westfalen, ihrem Mann und dessen Lehramtsstudium zuliebe, wird sie in Siegen OP-Schwester. Schlaglichter der Erinnerung: Der erste Hubschrauber im Klinikeinsatz, ihre Arbeit in der Gefäßchirurgie und in der Ambulanz. Hoch lehrreich ist das alles, und innovativ. Eine gute Zeit. Kriesten ist zunächst gefordert, sie lernt, und damit ist sie in ihrem Element.

Doch bald registriert sie eine Schieflage: Regelmäßig kommen junge Medizinabsolventen in ihre Klinik, werden in der Praxis angelernt – von ihr und ihren OP-Schwesternkolleginnen. „Hier läuft doch etwas falsch”, denkt sie da. Und fasst den Entschluss: selber studieren. Höher hinaus. Menschen anleiten oder ausbilden, das merkt sie, ist ohnehin „ihr Ding”. Sie genießt es, sich um die Pflege-Auszubildenden zu kümmern, vor allem um jene, die Interesse haben, die nachfragen. Die so wissbegierig sind wie sie selbst.

Top Management Pflege: Man könnte sagen, Sie agierten hier bereits als eine Praxisanleiterin …

Dr. Ursula Kriesten: Das gab es damals als Funktion natürlich noch nicht – aber ja, ich war sicher eine.

Top Management Pflege: Wie kamen Sie in diese Rolle? Wurde sie Ihnen aufgetragen?

Dr. Ursula Kriesten: Oh, ganz sicher nicht. Ich habe die Pflege immer so erlebt, dass man sich die Funktionen selber suchen, sie sich selbst nehmen muss. Pflege ist das Berufsfeld der Eigeninitiative. Was ich heute durchaus auch selbstkritisch betrachte: Denn eben deshalb funktionieren ja die schlecht organisierten, politisch kaum unterstützten Systeme überhaupt.

Top Management Pflege: Weil es Leute wie Sie gibt, die sich eigenhändig der Aufgaben und Probleme annehmen?

Dr. Ursula Kriesten: Ja, weil es immer wieder Leute gibt, die aus der Not heraus sagen: ‘Ich wuppe das jetzt in Eigenregie, sonst klappen die Prozesse nicht. Ich fühle mich den Menschen verpflichtet, die auf meine Hilfe warten.’“

Kriesten absolviert eine zweijährige Lehrerausbildung an einer Duisburger Schule. Gern hätte sie direkt studiert, Pflegepädagogik zum Beispiel, wenn es ein solcher Studiengang damals schon existiert hätte. „Aber es gab so viele Schranken und Hürden”, sagt sie. „Man wollte die Pflege berufsständisch klein halten. Was sich bis heute kaum verändert hat.” So wird sie Lehrerin für Gesundheit und Pflege, ein Beruf, der Jahre zuvor noch „Unterrichtsschwester” hieß, arbeitet eine Weile als Lehrerin an einer Krankenpflegeschule, holt außerdem ihr Abitur nach. Ein selbst organisierter zweiter Bildungsweg. 30 ist sie da, hat gerade ihren Sohn geboren. „Ich dachte damals, jetzt muss ich das machen, genau jetzt, sonst bekomme ich nicht mehr die Kurve.” Auch heute noch rät sie jungen Müttern, die Zeit zu nutzen, wenn die Kinder noch klein sind. „So viel zu Hause wie damals war ich später nicht mehr.”

Ende der 80er suchte sie verzweifelt ein Pflege-Studium

Als sie wieder in ihren Beruf als Lehrerin einsteigen will, bittet sie um eine Teilzeitmöglichkeit – die ihr verwehrt wird. Entweder ganz oder gar nicht, habe es damals geheißen. Sie entscheidet sich, auf Honorarbasis zu arbeiten und geht studieren, Sozialpädagogik, vier Semester lang. Sehnsuchtsvoll schaut sie in den Osten der Republik, wo es, zumindest noch bis einige Zeit nach der Wende, Studiengänge für Pflegeberufe gibt. Sie sieht zu, wie diese „nach und nach platt gemacht” werden; und im Westen? Tat sich in dieser Hinsicht „nichts”. „Ein Versäumnis”, sagt die heutige Gesundheits- und Pflegewissenschaftlerin, hier hätte der Westen vom Osten lernen können.

Es war schließlich eine kleine Altenpflegeschule, die sie 1990 im Oberbergischen Kreis, 50 Kilometer östlich von Köln, erwartete. Zwei, drei Kurse, eingebettet in den hiesigen Volkshochschulbetrieb, eine „Mini-Schule”, sagt sie fast zärtlich. Ihr Job war es, nach einem anfänglichen nebenamtlichen Lehrauftrag, diese kleine Einrichtung mit Inhalten zu füllen, erst stellvertretend, später als Leiterin. Es wird ihre Passion, ihre Lebensleistung.

Dr. Ursula Kriesten: Hier habe ich endlich richtig Gas geben können.

Top Management Pflege: Was war Ihre Motivation, was trieb Sie an?

Dr. Ursula Kriesten: Ich hatte erkannt, dass Pflegebedarfe in der Kommune allein durch die Krankenpflegeschulen, die ja für Kliniken produzieren, in Deutschland nicht den Bedarf decken werden. Und die Wohlfahrtsverbände ihrerseits auch nicht jenen in der Altenhilfe. Hier saß ich nun aber an einer kommunalen Stelle, wo ich genau das entwickeln konnte: Bildungsprogramme, um diesen Bedarf zu stillen. Das war dann wieder …

Top Management Pflege:  … genau Ihr Ding?

Dr. Ursula Kriesten: Richtig. Auch wenn so ein Vorangehen innerhalb der Kreisverwaltung häufig als fremd angesehen wurde. Ich musste gegen viel Widerstand arbeiten.

Top Management Pflege: Wo kam der Widerstand her?

Dr. Ursula Kriesten: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir hatten anfangs über lange Zeit nur drei Kurse in unserer Schule. Und ich wusste natürlich, mit meinem Überblick über die ganzen Pflegeanbieter außerhalb der Kliniken, dass die im Versorgungsmanagement völlig übersehen werden, dass sich keiner um deren Personalbedarf kümmert. Also bin ich zu meinem Personalamtsleiter gegangen und habe gesagt: ‘Lassen Sie uns einen weiteren Kurs eröffnen’. Nun würde jeder andere Arbeitgeber sagen: ‘Prima, danke für Ihr Engagement, legen Sie los!’ Hier aber hieß es nur: ‘Wie kommen Sie denn auf die Idee?’

Bei der Erinnerung an diese Szene muss Kriesten lachen, es ist ein herzliches „Ist doch kaum zu glauben!”-Lachen. Doch dann wird sie wieder ernst. Häufig habe ihre Schule auf dem Index gestanden. Über einen Verkauf wurde gemunkelt, darüber, den Schulbetrieb einzustellen. Eine Kreisverwaltung muss Pflichtaufgaben erfüllen, und das hier, die Qualifizierung und Weiterbildung von Altenpflegern, war eben keine solche Pflichtaufgabe. Anstrengend sei das gewesen, sagt Kriesten heute. „Da muss man schon sehr von einer Sache überzeugt sein, um das durchzustehen.” Und überzeugt ist sie, bis heute.

Man muss, so erkennt sie damals, so schwierige Themen wie Pflege oder Altenhilfe nochmal um einiges besser bewerben als einen Joghurtbecher. 

Langsam stellt sie sich ein Team zusammen, holt immer mehr Leute hinzu, die „so tickten wie ich”, die ebenso wie sie etwas aufbauen wollten. Sie verändert Strukturen, führt Teilzeit ein. Als eine Kollegin aus dem Mutterschutz zurückkehrt und nur fünf Stunden pro Woche arbeiten möchte, macht sie das möglich. „Das hat sich bald als mein Führungskonzept herauskristallisiert: Zu schauen, auch wenn man neue Mitarbeiter bekommt: Was wollen sie? Und was können sie? Das lässt sich nämlich meist gut aufgreifen. Also nicht sagen: Du hast um acht Uhr hier zu sein und musst dieses und jenes unterrichten, das klappt nie.” Sie nennt es: „seine Mitarbeiter ein wenig lieben können”.

Sie studiert  Betriebswirtschaft und macht einen MBA

So sehr sie ihren Mitarbeitern Dinge ermöglicht – sie selbst spürt, wie sie an Grenzen stößt. Da sind die Lehrbeauftragten, die sie einkauft, und mit denen sie „auf Augenhöhe” sprechen möchte. Da sind Unternehmensentscheidungen, die plötzlich getroffen werden müssen, wofür ihr das Know-how fehlt. Und so schreibt sie sich für ein Betriebswirtschaftsstudium an der Steinbeis-Hochschule ein, macht ihren Bachelor, hängt den Master of Business Administration gleich mit dran. Plötzlich eröffnet sich ihr eine neue Welt: Unternehmensführung, Marketingmethoden, Personalentwicklung, Finanzmanagement.

Als der Kreis eine Rettungsfachschule gründen will, übernimmt sie die Leitung und schreibt flugs den Business-Plan. Sie hat es ja gerade gelernt. Öffentlichkeitsarbeit war ihr wichtig: Mitte der 90er Jahre kurbelt sie die Werbung für ihre Schule an, lässt Flyer drucken, heuert einen Studenten an, der ihr eine Homepage baut. „Bedenken Sie: Wir sind hier in der Pflege… Eine Homepage! Für eine Altenpflegeschule! Das war damals etwas fulminant Neues.” Man muss, so erkennt sie damals, so schwierige Themen wie Pflege oder Altenhilfe „nochmal um einiges besser bewerben als einen Joghurtbecher”. 

Top Management Pflege: So hatte doch das Studium auch viele Vorteile für den Kreis… Hat Ihr Arbeitgeber das Studium unterstützt?

Dr. Ursula Kriesten: Sagen wir so, er hat es nicht verhindert (lacht). Nein, im Ernst, sie haben mich ein bisschen monetär unterstützt und mich für Vorlesungen oder Pflichtpräsenzen freigestellt. Aber ein wenig beäugt – was macht die da? – haben sie mich schon auch. Vor allem, als ich dann auch noch promoviert habe.

Top Management Pflege: Warum haben Sie sich zur Promotion entschlossen?

Dr. Ursula Kriesten: Ich war angefixt. All das Wissen, die Kontakte, die neuen Netzwerke, ich habe beide Studiengänge als so effektiv empfunden, sie waren so viel mehr Freude als Last. Das wollte ich weiterführen. Und je mehr die Schule, die ja schon längst eine Akademie war, wuchs, je mehr Studiengänge wir dann auch anboten und Hochschuldozenten einkauften, desto mehr merkte ich, dass ich mitziehen musste. Also schaute ich mich nach Promotionsmöglichkeiten um.

Und findet: Halle. Und: ihren Doktorvater, Professor Johann Behrens, Gründer des ersten deutschen Centers for Evidence-based Nursing. Der Professor eröffnet ihr neue Horizonte, und er macht ihr Mut, ihre Forschungsarbeit weiterzutreiben – auch wenn sie nicht immer einer Meinung gewesen seien, wie sie sich erinnert. „Ich war eine der wenigen, die damals gesagt haben, dass gerade die Altenpflegebildung mehr Unterstützung und Weiterentwicklung, sagen wir ruhig: „Optimierung“ braucht, um die Pflegebildung insgesamt zu professionalisieren.”

„Durch die Generalistik wird die Altenpflegeausbildung abgeschafft“

In ihrer Dissertation greift sie den Gedanken 2011 auf, findet mittels qualitativer Interviews heraus, dass durch die Generalistik die Altenpflegeausbildung abgeschafft werden würde, nur um später notdürftig wieder über Assistenz, schlecht bezahlte Frauenarbeit oder Mitarbeitenden aus anderen Ländern aufgebaut zu werden. „Professor Behrens hatte die Größe, mir zu sagen: Das ist Wissenschaft. Über das, was Sie heute erforschen, wird man in zehn oder zwanzig Jahren sagen: Guck mal, das hat sie damals schon erkannt.” Eine solche Offenheit, Weitsicht, ein solches Vertrauen in ihre eigene wissenschaftliche Arbeit – das beflügelt die Doktorandin, stärkt sie nachhaltig.

Und noch eine Erkenntnis ereilt die Frau während ihrer Promotionszeit: „Mein Gott”, denkt sie, „jetzt beschäftigst du dich schon ein Leben lang mit Pflege, und nun gibt es noch so viele Sichtweisen und Ideen, die du noch nicht kennst.” Sie fragt sich, bis heute, warum all das große Wissen, was es doch gebe, nicht stärker verbreitet wird, nicht, und hier ist wieder dieses Wort, „effektiver” unter die Menschen gebracht wird. Auch dies ein Grund, warum sie seit Beginn ihrer Berufstätigkeit Fachbücher schreibt, auch für den Schlütersche Verlag, der hinter dem Frauennetzwerk TOP-Management Pflege steht. Für ihr neuestes Buch hat sie sich nochmal intensiv mit Führung und mit Kommunikation auseinandergesetzt, durchaus auf einer Meta-Ebene.

Top Management Pflege: Was ist Ihnen da bewusst geworden?

Dr. Ursula Kriesten: Mir ist dabei klar geworden, dass wir das Thema Pflege ganz anders kommunizieren müssen, uns Stakeholder holen müssen mit unternehmerischem oder kulturellem Background, Botschafter, die politisch wirken können.

Top Management Pflege: An wen denken Sie da?

Dr. Ursula Kriesten: Ich habe zum Beispiel vor einiger Zeit dem Unternehmer und Investor Frank Thelen geschrieben, der hinter vielen Start-ups steht …

Top Management Pflege: … und den viele aus der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen” kennen dürften …

Dr. Ursula Kriesten: Mir gefällt sein unternehmensbezogenes und förderndes Denken, das täte auch der Pflege gut: Sie wegzubringen von dem wohlfahrtsstaatlichen Ansatz, sie anders zu strukturieren, steuerfinanziert aufzustellen, bedürfnisentsprechend zu verstehen und zu organisieren, auch überbetrieblich auszubilden. Ich habe da viele Ideen, und Leute wie Frank Thelen könnten mit ihrem Wissen und ihrem Mindset helfen. Leider hat er auf meine Anfrage nicht geantwortet. Vielleicht hat ihn aber mein Schreiben auch nicht erreicht.

Top Management Pflege: Schreiben Sie ihm doch noch einmal!

Dr. Ursula Kriesten: Das werde ich vielleicht tun. Na, und dann wäre da noch Udo …

Top Management Pflege: … Lindenberg?

Seit Jahrzehnten ist sie Fan, hat alle Alben des Panikrockers im Schrank, besucht seine Konzerte. Seine authentische und vielfach auch politische Art, Themen anzupacken, inspiriert sie, beeindruckt sie. Das Lied „(Ich trag dich) Durch die schweren Zeiten” berührt sie besonders. „Seine Gedanken über Krieg, über Kinder und Generationen, über Ost-West – das sind Botschaften, die ewig stimmen”, sagt sie, und so könnte er doch auch, so ihre Idee, einmal ein Lied über das Thema Pflege schreiben. „Und nun pflegst Du meinen Körper, und Du siehst auch meine Not…”, textet sie ihm versuchsweise vor, – sie unterbricht sich. „Er könnte das natürlich besser.”

Sie lacht, doch sie meint es ernst. Auf ihre Initiative hin ist 2014 in Gummersbach der „EinfachMalSingenChor” für Menschen mit und ohne Demenz entstanden, das Musical „Socken im Kühlschrank“ folgte. „Pflege und Musik, das ist kein Widerspruch, hier lässt sich vieles effektiv nutzen“, so Kriesten.

Ursula Kriesten, seit 2020 im Ruhestand, hat noch viele Ideen für Projekte, für neue Bücher. Vielleicht stampft sie auch eine eigene Website aus dem Boden, über die sie all das Wissen verbreiten könnte, das sie über die Jahre gesammelt hat. Dann ist da die Kulturarbeit, und all die Verbände, in denen sie weiterhin aktiv bleibt, um für eine bessere Pflege zu kämpfen. Ruhestand? Sieht wirklich anders aus. „Es ist nie zu spät, um nochmal durchzustarten”, singt Udo.

Text: Romy König

Über Dr. Ursula Kriesten

Dr. Ursula Kriesten ist Krankenschwester, Lehrerin für Gesundheits- und Pflegeberufe, Master of Business Administration und promovierte in Gesundheits- und Pflegewissenschaften. Sie leitete 25 Jahre die Akademie Gesundheitswirtschaft und Senioren des Oberbergischen Kreises und ist seit zehn Jahren als Lehrbeauftragte und Gutachterin an Hochschulen tätig.

[Sie möchten die äußerst agile Gesundheits- und Pflegewissenschaftlerin persönlich kennenlernen? Sie ist Referentin unseres Netzwerktreffens am 30. Juni. Ihre Session trägt den klingenden Titel: “Monkey Business: Schluss mit dem Affen auf der Schulter!” Eine Anmeldung ist für registriere Netzwerkfrauen ab sofort möglich: https://www.topfrauen-netzwerk.de/anmeldung-zum-netzwerktreffen]

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