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Sexuelle Belästigung gibt's nicht nur in Hollywood

Von sexueller Belästigung sind nicht allein Angelina Jolie & Co. betroffen. Auch Pflegeschülerinnen und junge Krankenschwestern erleben sie. Meistens werden sie damit allein gelassen – nicht so an der MHH.

De ehemalige Krankenschwester Ursula Hartung* erinnert sich noch gut. Es war Ende der 80er in einem Bremer Krankenhaus, wo sie als Nachtwache arbeitete. Alle sprachen darüber, auch sie hörte eines Abends davon: In der Neurochirurgie soll nachts eine Krankenschwester vom diensthabenden Arzt vergewaltigt worden sein. Ursula Hartung kannte das Opfer nicht, doch sie ärgerte sich: über die abfälligen Bemerkungen einiger Kolleginnen; über die konfliktscheue Krankenhausleitung, die den Arzt an seinem Arbeitsplatz ließ und den Versetzungsantrag der Krankenschwester schnell bewilligte.

Der Arbeitgeber muss seine Mitarbeiter schützen – eigentlich …

Die Zeiten haben sich geändert: Es gibt an vielen größeren Kliniken Gleichstellungsbeauftragte, es gibt das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Das Gesetz verpflichtet Arbeitgeber, Mitarbeiter vor sexueller Belästigung zu schützen. „Doch das Gesetz ist ein zahnloser Tiger. Wenn der Arbeitgeber nichts unternimmt, passiert ihm auch nichts – es sind keine Sanktionsmöglichkeiten vorgesehen“, sagt Dr. Bärbel Miemietz (Foto unten). Die Gleichstellungsbeauftragte der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) möchte aber, dass ihr Arbeitgeber seine Pflicht wahrnimmt. Möglich ist das durch einen verbindlichen, schriftlichen Handlungsplan, der das Vorgehen bei sexueller Belästigung genau beschreibt.

 

Schutz klappt nur mit Leitlinie

Solche Handlungspläne gibt es in Krankenhäusern und Altenpflegeheimen bisher kaum. Zu den wenigen, die aktiv geworden sind, gehören die Uniklinik Freiburg, die bereits 2014 ein „Handlungskonzept bei sexueller Belästigung und Stalking am Arbeitsplatz“ herausgegeben hat – und eben, seit August, die MHH mit ihrer „Leitlinie zum Umgang mit sexualisierter Diskriminierung und Gewalt an der MHH“.

 

Die wichtigsten Punkte der MHH-Leitlinie

In der Leitlinie erfahren Mitarbeiter und Studenten der MHH, die sich sexuell belästigt fühlen, dass

 

  • sie jetzt offiziell Beschwerden einreichen können
  • alle Führungskräfte verantwortlich sind für sexuelle Belästigung in ihrem Bereich – das heißt: Sie müssen auf Beschwerden ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter reagieren
  • es für ihre Beschwerden die neu eingerichtete Koordinierungsstelle für sexualisierte Diskriminierung und Gewalt gibt – an diese können sie sich direkt oder etwa an Vorgesetzte, Personalmanagement oder Rechtsabteilung wenden
  • sie die Beschwerde schriftlich einreichen oder mündlich bei der Koordinierungsstelle vortragen können (in diesem Fall wird sie protokolliert und am Ende zur Durchschrift und Unterschrift vorgelegt).
  • sie die Herrschaft über das Verfahren haben, es – solange keine Ermittlungsbehörden eingeschaltet sind – jederzeit abbrechen dürfen
  • die ins Vertrauen gezogenen Personen der Schweigepflicht unterliegen
  • sie die Beschwerde umfassend beschreiben müssen und – soweit vorhanden – Zeugen nennen sollten
  • sie, sobald sie ihre Beschwerde eingereicht haben, über ihre Handlungsmöglichkeiten informiert werden
  • die Koordinierungsstelle Expertinnen und Experten oder Verantwortliche aus den jeweiligen Bereichen einbeziehen können – vor allem dann, wenn Sofortmaßnahmen nötig sind
  • die Koordinierungsstelle innerhalb von 10 Arbeitstagen ein Gespräch mit der beschuldigten Person führt.

 

Abmahnung? Kündigung? Das entscheidet das Personalmanagement

„Wir arbeiten dabei auch bisher schon eng mit dem Personalmanagement hier im Haus zusammen, das heißt konkret: Ich gehe mit der betroffenen Person und der beschuldigten Person ins Personalmanagement. Denn über Dinge wie Versetzung, Abmahnung oder Kündigung oder kann nur das Personalmanagement entscheiden“, sagt Bärbel Miemietz.

Die Täter: in der Hierarchie höher stehende Männer

In der Leitlinie ist übrigens ausdrücklich festgehalten, „dass unter keinen Umständen eine Versetzung der betroffenen Person stattfinden darf“. Denn das passiert – wie damals in Bremen – andernorts immer wieder. Warum? Weil sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz meistens hierarchisch geprägt ist: Wer übergriffig wird, hat in der Regel eine höhere Position als die Person, die er – oder selten sie – belästigt. Einfach gesagt: Der Chefarzt ist für die Abteilung wichtiger als eine Pflegeschülerin oder Assistenzärztin.

 

Sie nutzen die Unsicherheit der Jüngeren aus

Das Beispiel Pflegeschülerin-Chefarzt oder Assistenzärztin-Chefarzt mag klischeehaft klingen, doch es spiegelt die Eindrücke von Bärbel Miemietz wider. „Meistens werden vor allem junge Frauen, Studentinnen, Pflegeschülerinnen, Assistenzärztinnen von älteren, in der Hierarchie höher stehenden Männern bedrängt, die das Abhängigkeitsverhältnis ausnutzen. Gelegentlich sind auch junge Männer betroffen. Typische Situationen sind anzügliche Anmachen und Annährungsversuche vor dem Aufzug, schlüpfrige SMS, Mails oder Posts in den sozialen Medien. Bisher habe ich im Jahr durchschnittlich von zwei bis drei Fällen gehört, aber jetzt in der Diskussion zur Leitlinie sind doch mehr zutage getreten“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte. Es trifft vor allem sehr junge Menschen, weil deren Situation sich leicht ausnutzen lässt: Sie kennen die Gepflogenheiten in der Klinik nicht, sie fürchten bei abwehrendem Verhalten, als zickig und unkooperativ zu gelten – und sie sind von Vorgesetzten noch abhängiger als langjährige Beschäftigte.

 

Was Bärbel Miemietz rät

Für alle, die unsicher sind, ob sie ein von ihnen als unangenehm empfundenes Verhalten zur Sprache bringen sollten, hat Bärbel Miemietz einen Tipp parat: „Sicherlich stellt sich immer wieder die Frage: Was ist hier überhaupt üblich? Ich würde sagen: Vertrauen Sie Ihrem Gefühl. Wenn Sie spüren, das ist ein Übergriff, das steht der Person nicht zu – dann ist es ein Übergriff, dann bringen sie das Verhalten zur Sprache.“

 

Autorin: Kirsten Gaede

 

*Name von der Redaktion geändert

 

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