Eine gute Krankenbeobachtung gehört zu den wichtigsten Kompetenzen einer Pflegefachkraft – auh weil sie hilft eine Sepsis im Frühstadium zu erkennen.  
Foto: Daniel Bergs
Eine gute Krankenbeobachtung gehört zu den wichtigsten Kompetenzen einer Pflegefachkraft – auch weil sie hilft eine Sepsis im Frühstadium zu erkennen.  

Krankenpflege

Sepsis: 7 Warnzeichen, die jede Pflegekraft kennen muss

Je früher eine Sepsis erkannt wird, desto besser sind die Überlebenschancen. Da sie auch auf Normalstation und im Pflegeheim – und nicht nur auf Intensivstation – auftreten kann, sind Pflegekräfte besonders gefordert

Susanne Mertens (Name v. d. Red. geändert) hatte Glück im Unglück. Die 43-Jährige lag nach einem Routineeingriff im Bauchraum fast ein halbes Jahr im Krankenhaus. Immer wieder kam es postoperativ zu undichten Stellen am Darm (Leckagen), zahlreiche Notfall-Operationen und ein langer Intensivaufenthalt folgten. Eines Morgens fühlte sie sich plötzlich sehr schlecht, hatte starke Schmerzen und es kam ihr vor, als ob ein schwerer Backstein auf ihrer Brust liegt. Der Intensivpfleger musterte sie aufmerksam und sagte: „Ihnen geht es irgendwie nicht gut, oder?“ Er befürchtete eine beginnende Sepsis und rief sofort den Arzt. Der Verdacht bestätigte sich und so konnte rechtzeitig eine Behandlung eingeleitet werden. Dass eine Sepsis so früh erkannt und so schnell reagiert wird, ist nicht selbstverständlich.

30-mal mehr Menschen sterben an Sepsis als an Verkehrsunfall

Eine Sepsis ist häufig und endet unbehandelt immer tödlich. In Deutschland erkranken laut der Initiative „Deutschland erkennt Sepsis“ jährlich rund 230.000 Menschen an einer Sepsis, mindestens 85.000 Menschen sterben daran. Das heißt: Alle sechs Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch an einer Sepsis. Zum Vergleich: Im Jahr 2022 sind laut dem Statistischen Bundesamt deutschlandweit 2.782 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen. Es sterben also etwa 30-mal mehr Menschen an einer Sepsis als an einem Verkehrsunfall.

Sepsis: Wenn lokale Keime in den Blutkreislauf dringen 

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Im Volksmund ist die Sepsis als „Blutvergiftung“ bekannt. Das ist irreführend, da sie keine Vergiftung im klassischen Sinne ist. Vielmehr stellt eine Sepsis die schwerste Verlaufsform einer Infektion dar. Die körpereigenen Abwehrkräfte schaffen es nicht mehr, die Ausbreitung einer lokalen Infektion zu verhindern. Die Erreger dringen in den Blutkreislauf ein. Der Körper reagiert, indem er alle Abwehrsysteme aktiviert, vor allem das Immun- und Gerinnungssystem. Dadurch werden neben den Erregern aber auch die körpereigenen Organe wie Lunge, Herz und Niere geschädigt. In der Folge kann es zum Multiorganversagen und zum septischen Schock kommen.

Dabei wäre ein großer Teil der Erkrankungen und Todesfälle vermeidbar, wenn einer Sepsis durch ausreichende Prävention vorgebeugt wird, zum Beispiel Einhalten von Hygienemaßnahmen, rechtzeitiges Ziehen invasiver Zugänge wie Blasen-, venöser oder zentralvenöser Katheter, konsequente Infektionsbehandlung etc. Wenn es nicht gelingt, eine Sepsis zu vermeiden, gilt es, sie zumindest rechtzeitig zu erkennen und schnellstmöglich zu behandeln.

7 Frühzeichen, die auf eine Sepsis hinweisen können

Die ersten Anzeichen einer Sepsis sind oft unspezifisch, sie könnten also auf viele Erkrankungen hindeuten. Dennoch ist es wichtig, sehr wachsam für diese Warnzeichen zu sein. Nur so ist es möglich, septische Patienten möglichst schnell zu behandeln.

Wichtig: Eine Sepsis entwickelt sich immer aus einer Infektion, zum Beispiel einer Blasenentzündung, einem grippalen Infekt, einer Pneumonie. Treten dabei folgende Krankheitszeichen auf, sollte an eine Sepsis gedacht werden:

  • Temperaturen über 38°C, oft in Verbindung mit Schüttelfrost
  • Temperaturen unter 36°C, vor allem bei sehr jungen und sehr alten Patienten
  • Kurzatmigkeit und beschleunigte Atmung (Hyperventilation)
  • Tachykardie und Herzrasen
  • Verwirrtheit oder Desorientierung
  • Schmerzen und starkes Krankheitsgefühl
  • feuchte Haut und kalte Extremitäten, Schwitzen oder Frieren, Schwächegefühl.

Selbstverständlich müssen nicht alle Symptome gleichzeitig auftreten. Schon einzelne Beschwerden wie bei der Intensivpatientin Susanne Mertens – ein plötzliches starkes Krankheitsgefühl, Schmerzen und Atemprobleme – können Warnzeichen sein. Je nach lokaler Infektion können weitere Symptome hinzukommen, zum Beispiel Husten und Brustschmerzen bei einer Pneumonie.

4 Gruppen mit besonderem Sepsis-Risiko

Zwar kann jeder Mensch, der eine Infektion hat, an einer Sepsis erkranken. Manche Menschen haben aber ein höheres Risiko, vor allem wenn ihre Immunabwehr geschwächt ist. Das sind zum Beispiel

  • ältere Menschen über 60 Jahre und Säuglinge (unter einem Jahr)
  • chronisch Erkrankte (Lunge, Herz, Krebs, HIV etc.)
  • mangelernährte Menschen
  • Menschen mit Wunden und Druckgeschwüren, künstlichen Herzklappen oder Gelenken etc.

Vorsicht vor lang liegenden Venenkathetern und Blasenkathetern!

Auch ist das Risiko für eine Sepsis erhöht, wenn der Patient invasive Zugänge hat, zum Beispiel:

  • Venen- oder zentrale Katheter
  • Blasenkatheter
  • Drainage- oder Beatmungsschläuche

Je länger diese Zugänge im Körper verbleiben, desto größer ist das Risiko, dass darüber Bakterien in den Körper gelangen und eine Infektion auslösen. Wichtig ist daher, die Indikation von liegenden Kathetern regelmäßig zu prüfen und diese so bald wie möglich zu entfernen.

Sepsis-Checkliste: 116 117 oder die 112 wählen?

Eine Unterstützung bei der Sepsis-Erkennung bietet die Sepsis-Checkliste von der Sepsis-Stiftung. Pflegekräfte und die allgemeine Bevölkerung können hier Risikofaktoren, Verdachtszeichen einer Infektion sowie Anzeichen einer lebensbedrohlichen Sepsis ankreuzen. Anhand dieser Eingaben erhalten sie eine Einschätzung, ob eine sofortige ärztliche Abklärung, zum Beispiel über die 116 117, notwendig ist oder ob ein Notfall vorliegt, bei dem sofort die 112 gerufen werden muss.

Klare Warnzeichen: Blutdruck unter 100 und hohe Atemfrequenz

Sinkt der Blutdruck bei sepsisverdächtigen Patienten unter 100 mmHg und erhöht sich die Atemfrequenz auf mehr als 22 Atemzüge pro Minute, sind das schon klare Warnzeichen für eine fortgeschrittene Sepsis. Das gilt vor allem, wenn dazu noch Bewusstseinsstörungen und Verwirrtheit vorliegen sowie eine kühle, blasse Haut, speziell an Füßen und Händen mit Zyanose und Marmorierung.

Endstadium: Septischer Schock mit Blutdruck unter 65

Das Problem bei fortschreitendem Verlauf: Die Durchblutung wird immer schlechter und das Blut gerinnt leichter. Kleine Blutgerinnsel können die Kapillaren verstopfen, so dass die Organe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden und es zum Organausfall kommen kann, zum Beispiel Nierenversagen oder Herzinfarkt. Betrifft das mehrere Organe, spricht man auch vom septischen Multiorganversagen. Zudem kann es im Endstadium der Sepsis zum septischen Schock kommen. Dabei kommt es unter anderem zu extremem Blutdruckabfall mit Werten unter 65 mmHg – ein lebensgefährlicher Zustand, der häufig zum Tod führt.

Sepsis-Risikopatienten gut überwachen und auf Bauchgefühl hören

Pflegekräfte sind meist die ersten, die eine beginnende Infektion erkennen und eine ärztliche Behandlung einleiten können. Wichtig ist, vor allem Risikopatienten engmaschig zu überwachen und gut zu beobachten. Manchmal kann auch ein ungutes Bauchgefühl entscheidend sein – wie es der Intensivpfleger im Fall von Susanne Mertens hatte. Außerdem können Pflegekräfte Risikopatienten und ihre Angehörige zum Thema Infektionsprophylaxe beraten und Hinweise geben, wie sie sich bei Verdacht auf eine Sepsis verhalten sollten. Bei der Vermeidung und Früherkennung einer Sepsis kommt Pflegekräften somit eine entscheidende Rolle zu.

Text: Brigitte Teigeler

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