Foto: Coursula
Tanja Hohmann, Physiotherapeutin und Mitarbeiterin von Johanna Mihm, tritt in fast allen 400 Coursula-Videos auf.    

Mobilisation

Schwester, gibt’s heute noch Physiotherapie?

Die Personalnot in der Physiotherapie ist ähnlich groß wie in der Pflege. Darunter leidet der Patient – und mit ihm das gesamte interdisziplinäre Team. Eine App mit kommentierten Übungsvideos verspricht Linderung

Es gibt vermutlich nur wenige Pflegekräfte, die noch nicht bei der Physiotherapie waren. Sie kennen deshalb das Problem: Die Session hat vor kurzem stattgefunden, nun stehen sie auf der heimischen Yoga-Matte und versuchen sich zu erinnern: Wie war das noch mal? Die Arme nach vorn drehen oder doch nach hinten? Das Bein durchdrücken oder eher anwinkeln? Da gibt es Erinnerungslücken. Also besser hinschauen beim nächsten Mal, sich vielleicht Notizen machen … Doch wie angenehm wäre es, die Übung zu Hause einfach noch einmal sehen und in aller Ruhe nachvollziehen zu können?

Es ist eigentlich erstaunlich, dass es erst jetzt eine App für videobasierte, digitale Therapieunterstützung in der Physiotherapie gibt. Die Physiotherapeutin Johanna Mihm aus dem Hünfeld (Osthessen) hat die App namens Coursula entwickelt – aus der Not heraus – wie so oft, wenn Fachleute selbst innovativ werden. „In den 15- 20 Minuten, die wir für jeden Patienten haben, fehlt oft die Zeit, eine Übung so lange zu wiederholen, bis sie wirklich sitzt. Aber mit einer präzisen videobasierten Anleitung kann man sie eigenständig einüben.“

Die App hilft, Personalmangel in der Physiotherapie zu kompensieren

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Die App von Johanna Mihm eignet sich auch für Krankenhaus-Patienten – nach OPs, zum Beispiel an Knie, Sprunggelenk oder Hüfte sowie bei Verletzungen. Im Krankenhaus ist es besonders wichtig, dass Patienten so früh wie möglich – idealerweise schon am ersten Tag – Krankengymnastik erhalten. „Es hilft Patienten enorm, wenn sie gezeigt bekommen, wie sie trainieren können. Es gibt so viele Übungen, die aus Zeitmangel häufig nicht erklärt werden – etwa die Beckenuhr, die sehr entlastet, wenn Patienten lange im Bett liegen müssen“, sagt Johanna Mihm.

Hier füllt die Coursula-App eine Lücke. Denn der Personalmangel in der Physiotherapie ist ähnlich dramatisch wie in der Pflege: In Physiotherapie-Praxen dauert es durchschnittlich acht Monate bis eine vakante Stelle nachbesetzt wird, die Zahl der Ausbildungsabsolventen ist von 7.415 (2008) auf 5.331 (2020) gesunken. Außerdem sind Stellen für Physiotherapeuten mit Einführung der Fallpauschalen (DRG) vor knapp 20 Jahren reduziert worden. Nur dort, wo es Komplexpauschalen gibt (zum Beispiel Geriatrie, Neurologie) sieht es besser aus, weil die Physiotherapie-Kosten ausdrücklich in die Kalkulation einfließen.

400 Übungen bietet die Physio-App von Johanna Mihm inzwischen

Doch auch für orthopädische Patienten im Krankenhaus gilt: Wenn sie früh mit der Physiotherapie beginnen und mehrmals täglich trainieren, werden sie zufriedener und genesen in der Regel schneller. Das ist auch der Grund, weshalb sich der Orthopäde Boris Holzapfel von der Ludwig-Maximillians-Universität München (LMU) für die COURSULA-App interessiert und über eine Studie nachdenkt: Der Professor möchte herausfinden, wie sich das prä- und postoperative Training mit der App auf Heilung, Beweglichkeit und Liegezeiten auswirkt.

Physio-App mit lebensechten Menschen statt Strichmännchen

Sicher, Coursula ist nicht die einzige Physio-App auf dem Markt, aber kaum eine andere ermöglicht ein so individuell angepasstes Training, meint Johanna Mihm. Die über 400 Erklär- und Mitmachvideos hat sie in ihrem Therapiezentrum in Haune drehen lassen, in der Rolle der demonstrierenden Physiotherapeutin meist ihre Mitarbeiterin Tanja Hohmann, in der Rolle des Patienten verschiedene Teammitglieder. Andere Apps illustrieren die Übungen oft nur mit Strichmännchen. Was die Coursula-App außerdem hervorhebt: Es werden nicht nur alle Schritte der Übung kommentiert: Jede Übung wird auch eingeleitet mit einer Erklärung, wozu sie dient und was genau zu beachten ist.

Die Coursula-App ist keine offizielle Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA), weil sie sich nicht mit einer Diagnose im ICD-10-Katalog verknüpfen lässt. Sie gilt als Hilfsmittel und lässt sich richtlinienkonform während der Behandlungszeit für die Therapieplanung des Patienten einsetzen. Auch wenn die Krankenhäuser ein wenig investieren müssen: „Durch den weniger kostspieligen Anerkennungsprozess können wir Coursula günstig anbieten. Zu bedenken ist auch: Sie hilft den Krankenhäusern, den Fachkräftemangel bis zu einem gewissen Grad zu kompensieren“, sagt Johanna Mihm.

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Zusatz-Info: Einsatzgebiete von Coursula

Die Übungen sind gemacht für Patienten mit Verletzungen oder orthopädischen OPs. Trainiert wird in drei unterschiedlichen Belastungsstufen.1: ohne Belastung zur Wahrnehmungsschulung, 2: Teilbelastung zur Rekonvaleszenz, 3: Vollbelastung, Übungen zur Integration in Alltag.

Einige Auszüge aus dem Programm:

* Sicheres Gehen an Stützen * Stabilisation und Kräftigung von Halswirbelsäule und Kiefergelenk * Training der mimischen Muskulatur inklusive einer Anleitung zur Eisanwendung bei Fazialisparese * Training der Halswirbelsäule (HWS) * Beckenbodentraining

Die App bietet Übungen für nahezu alle Gelenke im Körper und ist überall einsetzbar, wo Physiotherapie gefragt ist – ob im Krankenhaus, Pflegeheim oder in der häuslichen Anwendung. Außerdem gibt es besondere Programme wie Atemtherapie, ein Programm zur Schwindel-Lagerung, zur Nervenmobilisation und sogar ein Kardio-Aufwärmprogramm in Rückenlage.

Autorin: Kirsten Gaede

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Johanna Mihm (44) ist Physiotherapeutin, Osteopathin und Inhaberin des Therapiezentrums an der Haune in Burghaun-Rothenkirchen (Hessen). An ihrer App, zeigt das Uniklinikum München (LMU) großes Interesse: Eine Zusammenarbeit und eine Studie befinden sich in Vorbereitung. 
Foto: Coursula
Johanna Mihm (44) ist Physiotherapeutin, Osteopathin und Inhaberin des Therapiezentrums an der Haune in Burghaun-Rothenkirchen (Hessen). An ihrer App, zeigt das Uniklinikum München (LMU) großes Interesse: Eine Zusammenarbeit und eine Studie befinden sich in Vorbereitung. 

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