Mutterschutzgesetz

Schwanger arbeiten? Das geht auch in der Pflege

Mit dem neuen Mutterschutzgesetz sollen betriebsbedingte Krankschreibungen die Ausnahme werden. Das heißt für Heime und Kliniken: Arbeitsplätze umstrukturieren.

Inhaltsverzeichnis

Es sind vor allem die Chirurginnen, die das neue Mutterschutzgesetz begrüßen: Bisher haben sie ihre Schwangerschaft nämlich nicht selten so lange wie möglich verheimlicht, um im OP weiterarbeiten zu können. Schließlich wollten sie mit der Facharztausbildung vorankommen. Mit dem neuen Mutterschutz ist die Geheimniskrämerei nicth mehr nötig, die Haltung des Gesetzgebers hat sich geändert: Eine Schwangerschaft muss nicht zwingend zu einem Beschäftigungsverbot führen. Oft gelingt es schon durch relativ kleine Umorganisationen, die Schwangere gefahrlos weiter im Betrieb zu beschäftigen.

Was Altenpflegerinnen und Lehrerinnen gemeinsam haben

Anders sieht es oft bei Pflegekräften aus, meinen Experten, vor allem in der Altenpflege: Sie hätten sich in der Vergangenheit oft rasch krankschreiben lassen und seien vorzeitig in den Mutterschutz verschwunden. Das Phänomen gibt es allerdings auch in anderen Berufen: In einem aktuellen Artikel in der Wochenzeitung „Die Zeit“ heißt es unter der Überschrift Diagnose: ‚schwank‘: „Kaum sind Lehrerinnen schwanger, werden sie auch schon krankgeschrieben.“

Arbeitgeber und Ärzte sind ängstlicher geworden

„Gefühlt wurden schwangere Pflegekräfte vor allem in der Altenpflege zuletzt deutlich schneller krankgeschrieben als noch vor zehn Jahren“, meint ein Pflegewissenschaftler, der seinen Namen lieber nicht veröffentlicht sehen will. Der Experte vermutet eine Art „Schutzmechanismus“: Die Leistung von Pflegekräften stehe heute viel mehr im öffentlichen Fokus als früher, so dass Ärzte wie Arbeitgeber aufmerksamer geworden sind. Sie fühlten sich stärker verantwortlich für die schwangeren Frauen, wenn deren Wohlbefinden bei der Arbeit beeinträchtigt ist.

Kleinen Heimen kommt die Krankschreibung oft entgegen

„Gerade kleineren Heimen mit dünner Personaldecke kam eine Krankschreibung zudem entgegen. Dann brauchten sie nicht umzuorganisieren und einen belastungsärmeren Arbeitsplatz für die Schwangere zu schaffen, sondern konnten die Stelle sofort neu ausschreiben, wenn auch befristet“, erklärt der Forscher.

Schlürmann diagnostiziert „Opferkultur“

Pflegemanager und Organisationsberater Birger Schlürmann sieht die schnellen Krankschreibungen auch dem „Zeitgeist“ geschuldet: „Man achtet heute auf jede kleine Befindlichkeit, und die Ärzte haben Angst vor Schadensersatz. Früher hat man sich darüber nicht so viele Gedanken gemacht.“ Im Gegensatz zu den Chirurginnen, die dafür gekämpft haben, trotz Mutterschutz mehr und länger im OP arbeiten zu dürfen als bislang erlaubt, sei in der Pflege leider eine „Opferkultur“ verbreitet. „Das sind schon andere Mentalitäten“, sagt Schlürmann.

Individuelle Lösungen sind gefragt

Aber das neue Mutterschutzgesetz stärkt nicht die Opfermentalität: Es fordert die Kreativität und Flexibilität der Arbeitgeber heraus. Betriebe müssen seit diesem Jahr schwangere Mitarbeiterinnen an ihrem Arbeitsplatz besonders schützen und ihnen dort so lange wie möglich eine sichere Beschäftigung ermöglichen. Eventuell läuft das auf veränderte Aufgabengebiete oder eine Umgestaltung des Arbeitsplatzes hinaus. Wer zum Beispiel viel im Stehen arbeitet, muss sich immer wieder hinsetzen können. Ein betriebliches Beschäftigungsverbot darf jetzt nicht mehr der erste Reflex sein. Nun muss der Arbeitgeber zuerst individuelle Maßnahmen ergreifen, um eine Weiterbeschäftigung zu ermöglichen.

Im Caritasverband Fulda arbeiten jetzt mehr Schwangere weiter

Heim- und Pflegedienstleiter Stefan Smolinka kennt „das Problem mit Schwangeren“ seit vier Jahren zwar nicht mehr: solange sei in dem von ihm geleiteten Altenheim St. Martin mit 69 Plätzen in Bad Orb (Caritasverband im Bistum Fulda) keine Pflegekraft mehr schwanger geworden. Er bestätigt aber, dass in der Vergangenheit Schwangere „sehr schnell außer Dienst gesetzt wurden vom Arbeitgeber aus Angst vor gefährlichen Ansteckungen“. Das sei seit Inkrafttreten des neuen Mutterschutzgesetzes nicht mehr der Fall, denn der Fuldaer Caritasverband achte nun sehr darauf, dass für schwangere Pflegekräfte ein adäquater Arbeitsplatz geschaffen werde. „In der Regel sind das dokumentarische und administrative Tätigkeiten. Von Kollegen höre ich, dass das gut funktioniert“, sagt Smolinka.

Ideal für Schwangere: Pflegedokumentation

Für mehr Kreativität und Flexibilität seitens der Heimleiter wirbt auch Organisationsberater Schlürmann. „In der Praxis werden einfach zu schnell Beschäftigungsverbote ausgesprochen. Die Heime haben Angst, dass die Schwangeren sich einen Keim einfangen.“ Dabei sei es „ausgesprochen sinnstiftend“, Schwangere in der Pflegedokumentation einzusetzen. „Die meisten Pflegekräfte stöhnen doch über die Dokumentationslast im Alltag. Da ist es wunderbar, wenn schwangere Pflegekräfte ihnen diese Arbeit abnehmen. Gerade in ambulanten Pflegediensten ist das auch völlig gefahrlos, denn sie haben dann ja überhaupt keinen direkten Kontakt mit Patienten.“

„Gewohnte Abläufe durchbrechen!“

Aber Schwangere können nach Ansicht von Schlürmann nicht nur die Kollegen in der praktischen Pflege entlasten, sondern auch die Pflegedienstleitung in der Verwaltung, etwa bei der monatlichen Abrechnung. „Das kostet nur ein wenig Einarbeitungszeit. Viele sehen aber den Wald vor lauter Bäumen nicht und haben keine Lust, die gewohnten Abläufe zu durchbrechen und umzuorganisieren. Sie tun sich unheimlich schwer, Flexibilität zu zeigen. Dabei sollten alle Heime passende Konzepte für Schwangere parat haben, schließlich ist 80 Prozent des Personals weiblich.“

Konzepte für jeden Arbeitsplatz bis 31. Dezember

Hinzu kommt, dass das neue Mutterschutzgesetz in Paragraph 10 Absatz 1 Arbeitgeber zu „anlassunabhängigen Gefährdungsbeurteilungen“ zwingt, das bedeutet: Unternehmen müssen für schwangere oder stillende Frauen Gefährdungen abschätzen und beurteilen – und zwar für jede Tätigkeit, unabhängig davon, ob hier aktuell schwangere oder stillende Frauen arbeiten, sogar unabhängig davon, ob es im Betrieb überhaupt weibliche Mitarbeiter gibt. Arbeitgeber haben in der Vergangenheit deshalb immer wieder gegen das neue Mutterschutzgesetz Stellung bezogen, denn es verlangt einen enormen Bürokratieaufwand.

Künftig weniger betriebliche Beschäftigungsverbote am UKSH

„Sie müssen praktisch schon ein fertiges Konzept zur sicheren Arbeitsplatzgestaltung aus der Schublade ziehen, wenn sich die schwangere Arbeitskraft bei Ihnen meldet“, sagt Claudia Haase, Bereichsleiterin Beruf und Familie im Dezernat Personal des Uniklinikums Schleswig-Holstein in Lübeck. „Bis zum 31. Dezember müssen alle Arbeitsplätze beurteilt sein inklusive mögliche Umgestaltung durch adäquate Maßnahmen. Das ist ein enormer Aufwand, für große Einrichtungen aber eventuell besser zu stemmen als für kleine, weil hier die gleiche Stellenbeschreibung ja zigmal vorkommt. Erst wenn sich dann herausstellt, dass trotz passender Maßnahmen keine Weiterbeschäftigung der Schwangeren mehr möglich ist, kann ein betriebliches Beschäftigungsverbot ausgesprochen werden.“

Hygiene ist eine ganz schlechte Begründung

Haase gibt auch zu bedenken, dass allein die Sorge vor ansteckenden Keimen ein solches Verbot nicht rechtfertigen kann: „Auch das übriges Personal sollte sich ja schließlich nicht anstecken dürfen, man hätte also in Wirklichkeit ein Problem mit den Hygieneregeln in der Einrichtung, wenn man ansteckende Keime als Grund für ein Schwangeren-Beschäftigungsverbot vorschiebt.“ Haase ist überzeugt: „Das neue Gesetz wird dafür sorgen, dass es in Zukunft weniger betriebsärztliche Krankschreibungen gibt und damit weniger betriebliche Beschäftigungsverbote.“

Pragmatische Lösung an der Uniklinik Regensburg

Seitens der Gynäkologen komme es zudem nur in etwa zehn Prozent der Fälle zu Krankschreibungen, sagt Peggy Bäz, Pflegedienstleiterin am Uniklinikum Regensburg. „Sie halten sich sehr zurück.“ An ihrer Klinik gebe es jährlich 80 bis 100 Schwangere in der Pflege, man gehe dort ganz pragmatisch mit dem Thema um: „Wir nehmen die Schwangeren-Fälle mit in die Pflegedienst-Konferenz und fragen dann dort um, wo gerade ein entsprechender Arbeitsplatz frei ist. Wenn dann zum Beispiel gerade eine halbe Büroassistenzstelle frei ist, dann bekommt die Schwangere diesen Platz und für ihre andere halbe Stelle erhält sie ein Beschäftigungsverbot. Die Klinik zahlt dann die halbe Stelle, den Rest zahlt die Krankenkasse.“

Autorin: Birgitta vom Lehn

Foto: anzebizjan - stock.adobe.com

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