Image
B59P5053.jpeg

Corona

Schnelltests im Heim: Und wer testet die Angehörigen?

In manchen Regionen können Heime die Angehörigen wieder wegschicken und auf allgemeine Teststellen verweisen. Das schafft Ärger. Dabei lässt sich das Problem eigentlich gut lösen    

Besuche in Pflegeheimen müssten möglich bleiben, hatte Andreas Westerfellhaus, Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung, im Dezember gefordert, als er zusammen mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn seine Handreichung „Besuche sicher ermöglichen“ vorstellte. Der persönliche Kontakt mit An- und Zugehörigen sei für die Heimbewohner „unverzichtbarer Teil ihres Lebens“, der „nicht in Frage gestellt werden“ dürfe, hieß es im Vorwort der Handreichung.

Es herrscht ein Wirrwarr an Verordnungen        

Das klang gut, doch nun bleiben aufgrund neuer und regional verschiedener Testverordnungen faktisch schon wieder manche Besucher ausgesperrt, oder es wird ihnen der Zugang zum Pflegeheim erschwert, weil sie ein negatives Corona-Schnelltest-Ergebnis vorlegen müssen. Das Problem: Die Tests müssen nun vielerorts gar nicht mehr vom Heim angeboten, sondern eigenständig von den Besuchern beschafft werden. Allerdings gilt beispielsweise in Niedersachsen die Regel, dass in Regionen mit einer 7-Tage-Inzidenz von über 50 pro 100.000 Einwohnern die Heime auch Besuchern und anderen Personen, die die Einrichtung betreten wollen, eben doch einen Test anbieten müssen.

[Großes Durcheinander gibt es auch bei der Schnelltest-Pflicht – lesen Sie dazu unseren Kommentar Schnelltest-Pflicht: zu lasch, zu schwammig, zu löchrig

Verordnungen oft schwammig formuliert

Hintergrund sind neue, schwammig formulierte Testverordnungen in den einzelnen Bundesländern, die Spielraum für Interpretationen lassen. So dürfen beispielsweise laut hessischer Corona-Einrichtungsschutzverordnung vom 3. Februar Bewohner zweimal wöchentlich Besuch von jeweils bis zu zwei Personen empfangen. Neben einer medizinischen Maske müssen die Besucher „über ein negatives Testergebnis in Bezug auf eine Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus verfügen und dieses auf Verlangen nachweisen“. Das Ergebnis eines Schnelltests darf maximal zwei, das Ergebnis eines PCR-Tests maximal drei Tage alt sein. Wie die Besucher an ihre Testergebnisse kommen sollen und wer sie bezahlt, wird in der Verordnung nicht weiter erklärt.

In Hessen haben Angehörige keinen Anspruch auf Schnelltests

Auf Anfrage von pflegen-online heißt es aus der Pressegeschäftsstelle des hessischen Sozialministeriums: „Die entsprechende Corona-Einrichtungsschutzverordnung des Landes Hessen schließt keineswegs aus, dass der Test auch unmittelbar in der Einrichtung durchgeführt werden kann. Allerdings ist die Einrichtung nicht verpflichtet, ein Testangebot zu machen.“

Die Frage, ob das bislang geltende Kontingent pro Bewohner von je 30 Tests, das immerhin auch für Besuchertests gedacht war, denn nach wie vor gelte, wird von der Pressestelle bejaht: „Die genannten 30 Tests sind zutreffend und durch die Testverordnung des Bundes vorgegeben; diese ‚Kapazität pro Bewohner‘ schließt auch mögliche Tests Besuchender in den Einrichtungen ein. Die Einrichtung kann dies in ihrem Testkonzept vorsehen.“

Die Formulierungen machen klar: Besucher können zwar vom Bewohner-Testkontingent profitieren, haben aber keinen Anspruch darauf. Letztlich hängt es vom jeweiligen Heim ab und dessen Testkonzept.

Heimleiterin: „Wir können das Besucher-Testen nicht stemmen“

Für Monika Höfer, Leiterin des Tatjana-Gerdes-Heims in Bad Homburg mit Plätzen für 160 Senioren, stand jedenfalls erst einmal fest: „Wir schaffen es nicht mehr, wir können das Testen der Besucher personell nicht mehr stemmen. Unsere Mitarbeiter sind am Ende, ich habe viele Krankmeldungen.“ Alle Mitarbeiter würden nun zweimal pro Woche getestet, die Bewohner einmal. „Das sind 1400 Tests pro Woche“, rechnet Höfer am Telefon vor. Seit Beginn der Pandemie habe sich noch kein Bewohner infiziert. „Trotzdem bekommen wir nur Beschimpfungen von Angehörigen zu hören, keine Anerkennung.“

Verärgert seien viele Besucher über die vorübergehend eingeführte Regelung in dem Bad Homburger Heim, nach der sie sich das negative Corona-Testergebnis außerhalb des Heimes besorgen sollten, etwa beim Hausarzt oder in einem Testzentrum, wo ein Test bis zu 50 Euro kosten kann. Die Kosten werden nach den Worten von Höfer „nicht verrechnet mit dem Testkontingent der Bewohner“. Die Heimleiterin sah aber keinen anderen Ausweg.

25 E-Mail geschrieben, um Unterstützung zu erhalten

Nun hat sie sich um Unterstützung der Bundeswehr bemüht. Seit Donnerstag früh sind zwei Soldaten im Einsatz und unterstützen das Pflegepersonal bei den Schnelltests. Der Kontakt mit Landkreis, Gesundheitsamt, Katastrophenschutz und Rathaus sei aber recht mühsam gewesen. „Ich habe 25 Emails geschrieben, ans Telefon bekommen Sie ja niemanden. In der Öffentlichkeit sind zwar schöne Worte geschwungen worden, aber keiner sagte etwas Konkretes.“

„Die Mitarbeiter und Bewohner gehen vor“

Höfer hofft nun, dass die Bundeswehr in den nächsten Tagen auch die Besucher testen darf. Das sei bislang nicht möglich gewesen. „Deshalb bitte ich im Moment um Verständnis, dass unsere Mitarbeiter und Bewohner hier vorgehen.“

[Sie interessieren sich für alle Themen, die die Arbeit von Pflegkräften in der Corona-Pandemie betreffen ? Abonnieren Sie unseren Newsletter, dann entgeht Ihnen kein aktueller Bericht mehr auf pflegen-online]   

Baden-Württemberg: Besucher haben Anspruch auf Test im Heim

Auch in Baden-Württemberg herrscht Unzufriedenheit und Unsicherheit bei den Besuchern. Dort heißt es in den „Regelungen für den Lockdown“, die seit dem 11. Januar und noch bis zum 14. Februar gelten, unter dem Stichwort „Gesundheit & Soziales“ nur lapidar: „Keine Isolierung der Betroffenen. Übernahme der Kosten von regelmäßigen SARS-CoV2-Schnelltests für Patienten*innen und Besucher*innen. Regelmäßige, verpflichtende Tests des Pflegepersonals von Alten- und Pflegeheimen“.

Ob Einrichtungen dazu verpflichtet sind, die Besuchertests durchzuführen, und wer sie bezahlt, wird in der offiziellen Regelung nicht erklärt. Der Unmut bei Angehörigen und Pflegeeinrichtungen ist entsprechend. Eine Anfrage von pflegen-online beim Stuttgarter Sozialministerium ergab nun allerdings: Die Schnelltests „sind in den Einrichtungen von den Einrichtungen kostenlos anzubieten. Besucherinnen und Besucher können nicht auf externe (kostenpflichtige) Testangebote verwiesen werden. Sofern trotzdem externe kostenpflichtige Angebote in Anspruch genommen werden, werden die Kosten nicht übernommen.“ Damit ist klar: im Gegensatz zu Hessen müssen die Heime im Südwesten die Tests auch den Besuchern kostenlos anbieten. Ausgesperrt bleiben darf deswegen kein Besucher mehr.

Niedersachsen: Großes Lob für Soldaten aus Seedorf

Voll des Lobes für den Bundeswehreinsatz ist derweil Stephan Graf-Peschau, Geschäftsführer des Pflegewohnheims „Haus am Hang“ im niedersächsischen Osterholz-Scharmbeck. Dort testen die eingesetzten Soldaten nach vorheriger Anmeldung und Terminierung mittlerweile auch die Besucher (Foto oben). „Die Zusammenarbeit mit den Soldaten, die in Seedorf bei Zeven stationiert sind, läuft hervorragend“, schwärmt er. „Ein großes Lob!“

Autorin: Birgitta vom Lehn

Image
schnelltest-schünemann.jpeg
Foto: Jens Schünemann

Corona

Schnelltest-Pflicht: zu lasch, zu schwammig, zu löchrig

So wie die Schnelltest-Pflicht vielerorts umgesetzt wird, lassen sich Infektionen und Corona-Tote in Pflegeheime (und Krankenhäusern) nicht drastisch reduzieren, meint unsere Autorin Birgitta vom Lehn. Ein Kommentar 

Image
david-siglin-unsplash.jpeg
Foto: David Siglin/Unsplash

Corona-Schnelltests

Heime, testet auch die Externen!

Handwerker, Putzkräfte, Zeitarbeiter: Noch immer werden viele, die in Heimen ein- und ausgehen, nicht auf Corona getestet. Auch bei den ambulanten Diensten sind Schnelltests noch die Ausnahme

Foto: ©Svitlana - stock.adobe.com

Altenpflege

So könnte es mit Corona-Schnelltests in Heimen klappen

Pflegeheime sammeln erste Erfahrungen mit Testkonzepten und mit gelegentlich eigenwilligen Gesundheitsämtern. Wir haben bei der Bremer Heimstiftung und beim Johanneswerk in Bielefeld nachgefragt

Image
maske-blume.jpeg
Foto: Jens Schünemann 

Altenpflege

OP-Maske oder FFP2? Eine Bundesländer-Stichprobe

Die meisten Bundesländer lockern für die Pflegeheime gerade ihre Corona-Vorgaben, nur in zwei Bundesländern ist die FFP2-Maske auch für geimpfte Mitarbeiter weiterhin Pflicht. Eine kleine Reise durch den deutschen Verordnungsdschungel

Wir haben noch mehr für Sie!

Antworten und Impulse für die Pflegeprofession gibt es auch direkt ins Postfach: praxisnah, übersichtlich und auf den Punkt.
Melden Sie sich jetzt für den pflegebrief an - schnell und kostenlos!
Wir geben Ihre Daten nicht an Dritte weiter. Die Übermittlung erfolgt verschlüsselt. Zu statistischen Zwecken führen wir ein anonymisiertes Link-Tracking durch.