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Corona

Schnelltest-Pflicht: zu lasch, zu schwammig, zu löchrig

So wie die Schnelltest-Pflicht vielerorts umgesetzt wird, lassen sich Infektionen und Corona-Tote in Pflegeheime (und Krankenhäusern) nicht drastisch reduzieren, meint unsere Autorin Birgitta vom Lehn. Ein Kommentar 

Zwei Dutzend Fälle der britischen Mutante B.1.1.7. meldete am 24. Januar 2021 das Berliner Vivantes Humboldt-Klinikum – je zur Hälfte traf es Patienten und Mitarbeiter. Das komplette Klinikum stand unter Quarantäne, bereits entlassene Patienten wurden gebeten, sich ebenfalls zu isolieren, ein Aufnahmestopp wurde verhängt. Inzwischen sind Mitarbeiter aus patientenfernen Bereichen von der Quarantäne entbunden. Die Situation ist unter Kontrolle. Der kommunale Klinikverbund hat aus dem Fall  allerdings Konsequenzen für sämtliche Standorte gezogen:  Ab sofort, so heißt es aus der Presseabteilung, „werden die Mitarbeitenden der klinischen Bereiche gebeten“, sich vor Dienstantritt mittels Schnelltest auf eine Corona-Infektion testen zu lassen. Positive Testergebnisse müssen jeweils mittels PCR-Test bestätigt werden. „Mit diesem Vorgehen geht Vivantes über die geltende nationale Teststrategie hinaus“, so eine Sprecherin.    

Warum werden Putzkräfte nicht täglich getestet?  

So erfreulich die Neuerung ist: Warum hat man nicht längst mit dem verpflichtenden täglichen Testen der Mitarbeiter begonnen? Und: Warum macht man Corona-Schnelltests nicht für alle, wirklich alle verpflichtend?  Denn auf Nachfrage von pflegen-online zählen bei Vivantes zu den Mitarbeitern, die täglich  getestet werden, nur Ärzte und Pflegekräfte. Warum bezieht man Putzkräfte und Handwerker nicht mit ein, sondern beschränkt sich bei ihnen auf das Angebot, „sich bis zu zweimal pro Woche mittels Antigen-Schnelltest testen lassen zu können“? Die Putzkraft, die von Zimmer zu Zimmer eilt, und der Handwerker, der mal hier, mal da repariert, sollen keine potenziellen Virenschleudern sein?  

Testen hat sich in Asien sehr bewährt  

„We have a simple message to all countries: Test, test, test“ („Wir haben eine einfache Botschaft an alle Länder: Testet, testet, testet“): Erinnert sich eigentlich noch jemand an diesen eindringlichen Appell, den der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im vergangenen März ausgegeben hatte, als Covid-19 sich rund um den Erdball zu verbreiten begann? Für viele Länder in Asien – Taiwan, Südkorea, China - war es eine schlichte Selbstverständlichkeit, den Aufruf zu befolgen und die Konsequenzen aus den Befunden zu ziehen: Isolierung der Infizierten, Nachverfolgung der Kontakte. Genau deshalb stehen diese Länder jetzt so viel besser da und scheinen das tödliche Virus nahezu besiegt zu haben.

Testpflicht variiert je nach Bundesland

Und hierzulande? Hat man lange diskutiert, abgewartet und erst am 30. November im Bundesanzeiger eine „Verordnung zum Anspruch auf Testung in Bezug auf einen direkten Erregernachweis des Coronavirus SARS-CoV-2 (Coronavirus-Testverordnung – TestV)“ veröffentlicht. Ein Anspruch, keine Pflicht wohlgemerkt. Mitte Dezember hieß es dann (wieder einmal) beim Bund-Länder-Treffen, man wolle die Alten- und Pflegeheime verstärkt in den Fokus nehmen und das Testen verpflichtend machen. Wen man aber wie oft zum Testen verpflichtet, ist nicht einheitlich, sondern von Land zu Land und in Bayern sogar von Heim zu Heim unterschiedlich geregelt: In Nordrhein-Westfalen etwa sollen sich Pflegekräfte alle drei Tage, in Baden-Württemberg dreimal pro Woche, in Bremen zweimal pro Woche, in Brandenburg mindestens zweimal pro Woche und in Niedersachsen täglich testen lassen. In Bayern wird auf die jeweiligen Testkonzepte der Heime verwiesen.

Jetzt hilft die Bundeswehr den Pflegeheimen   

Wie sollen wir die ganze Testerei schaffen? Diese berechtigte Klage der Heime schallte bald derart laut in die Öffentlichkeit, dass das Kanzleramt um einen Appell zur Gewinnung von freiwilligem Testpersonal nicht herumkam. Übergangsweise kann jetzt für drei Wochen die Hilfe der Bundeswehr angefordert werden. Die Heime können sich hierfür direkt an die regionalen Verbindungskommandos wenden (rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche unter der Telefonnummer 030/4981-4444 oder per E-Mail KdoTACOVID-19@bundeswehr.org).

Hausärzte: Warum wird nicht jeder, der ein Heim betritt, getestet?   

Dass dieser Appell erst am 15. Januar dieses Jahres und damit fast ein Jahr nach dem Auftreten des ersten Covid-19-Falls in Deutschland und anderthalb Monate nach Veröffentlichung der Testverordnung erfolgte, ist kein Ruhmesblatt für die Regierung. Dem Bundesvorsitzenden des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, platzte schon der Kragen: „Warum gelingt es im zweiten Jahr der Pandemie und trotz vorhandener Schnelltests immer noch nicht, dass jeder, aber auch wirklich jeder, egal ob Pflegekraft, Köchin oder Gärtner, getestet wird, sobald er oder sie ein Pflegeheim betritt?“

Handwerker nicht testen – Merkwürdiges aus Baden-Württemberg   

In Baden-Württemberg sind zum Beispiel Handwerker explizit ausgenommen von der Testpflicht, wenn sie Reparaturen in der Einrichtung durchführen. Wie wertvoll und obendrein gut umsetzbar ein konsequentes Testregime ist, zeigt die Evangelische Heimstiftung in Stuttgart. Dort wird schon seit längerem jeder – egal ob Pflegekraft, Putzkraft, Handwerker, Journalist oder Besucher – vor Betreten der Einrichtung zwingend mit einem Schnelltest getestet. Positive Schnelltests werden dem Gesundheitsamt gemeldet, das dann eine zusätzliche PCR-Testung veranlasst.  

Heimstiftung hat in einer Woche 15 Personen positiv getestet 

In den vergangenen sieben Tagen seien in der Heimstiftung etwa 0,07 Prozent aller Schnelltests von Besuchern und Mitarbeitern positiv gewesen. Unterm Strich seien das zwar „nur“ 15 Personen. Wenn man aber bedenke, dass jede dieser Personen unentdeckt „eine Katastrophe hätte auslösen können“, sagt Pressesprecherin Alexandra Heizereder, dann „sind wir froh, dass wir die Schnelltests haben“.  

Autorin: Birgitta vom Lehn

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