Altenpflege

Schmerz behandeln ohne Tabletten? Das geht auch im Alter

Wenn alte Menschen Schmerzmedikamente nehmen, sind die Nebenwirkungen oft ausgeprägter. Es lohnt sich also, alternative Methoden hinzuzuziehen. Ein Interview mit der Autorin Ute Bogatzki

Inhaltsverzeichnis

Nicht-medikamentöse Interventionen zur Schmerzlinderung in der Altenpflege – das ist das Fachgebiet von Ute Bogatzki. Im Interview erklärt die Pain Nurse, Heilpraktikerin und Fachkraft für Gerontopsychiatrie, warum sanfte Methoden gerade bei älteren Menschen einen hohen Stellenwert besitzen und warum eine regelmäßige Schmerzvisite wichtig ist.

Achtung: Ganz am Ende dieses Interviews finden Sie ein Formular für die Schmerzvisite - als pdf zum Download!

pflegen-online: Haben alte Menschen andere Schmerzen als junge Leute?

Jeder Mensch hat seinen eigenen Schmerz. Schmerz ist begleitet von vielen Erfahrungen und Emotionen und schränkt die Lebensqualität ein. Wir eignen uns ein eigenes Muster im Laufe des Lebens an, wie wir mit Schmerzen umgehen. Das bedeutet Schmerz ist ein individuelles Geschehen. Jedoch kommen beim alten Menschen Faktoren hinzu, die die Schmerzlinderung erschweren.

Beim alten Menschen kann sich die Zeit von der Schmerzentstehung bis zur Schmerzwahrnehmung verlängern und gleichzeitig sinkt die Schmerzschwelle. Die Schmerzschwelle ist der Moment, an dem ein Reiz als Schmerz wahrgenommen wird und nicht mehr toleriert wird. Wir haben beim alten Menschen ein kleineres Zeitfenster, in dem wir den Schmerz erfassen und behandeln müssen, wenn Lebensqualität erhalten oder wiederhergestellt werden soll.

Gibt es Faktoren, die das Geschehen bei ihnen zusätzlich verstärken?

Ja, beim alten Menschen treten oftmals viele Erkrankungen auf. Erkrankungen, die durch Verschleiß und Abbau entstehen, wie beispielsweise Erkrankungen des Bewegungsapparates, gehen häufig mit Schmerzen einher. Durch die Polymedikation treten Nebenwirkungen auf, die den Stoffwechsel beeinflussen, deshalb kann auch die Gabe von Schmerzmitteln verstärkt mit Nebenwirkungen einhergehen. Im Alter ist der Stoffwechsel verlangsamt, und die Wirkung von Medikamenten kann verstärkt oder verzögert sein. Dann kommt es vermehrt zu Nebenwirkungen oder eine Linderung bleibt aus.

Schmerzen können verneint werden, aus Angst vor Schlimmeren. Faktoren wie Angst, Isolation, Stress und Einsamkeit verstärken Schmerzen. Betroffene können hier in einen Teufelskreis geraten, den es zu durchbrechen gilt.

Worin liegen die Vorteile der nicht-medikamentösen Schmerztherapie für die Älteren?

Nicht-medikamentöse Schmerztherapie setzt an der ganzheitlichen Sicht des Menschen an und kann Ängste, Einsamkeit, Isolation und Stress lindern und so zu einer Schmerzreduktion führen. Sie ergänzt die medikamentöse Schmerztherapie gut, da sie keine Nebenwirkungen erzeugt. Nicht-medikamentöse Behandlungsansätze sind sanft und werden „maßgeschneidert“ für den Betroffen angewendet. Dies führt zu einer hohen Akzeptanz bei Klienten, die sich wahrgenommen fühlen in ihren Bedürfnissen und Linderung verspüren. Auch in der interdisziplinären Zusammenarbeit gewinnt die Arbeit mit Wärme, Aromapflege und vielen anderen Medien immer mehr Beachtung.

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Gerade in stationären Einrichtungen und im Krankenhaus, sollte man doch davon ausgehen, dass Menschen mit Schmerz gut versorgt sind. Ist das so?

Das ist leider nicht zwingend so. Befragungen haben ergeben, dass Menschen, die ins Krankenhaus oder ins Pflegeheim gehen, glauben, dass das Pflegepersonal doch wissen müsse, dass die Betroffenen Schmerzen haben. Die Pflegekräfte gehen jedoch davon aus, wenn jemand keine Schmerzen angibt, dann sind auch keine relevanten Schmerzen da.

Faktoren wie Pflegenotstand, Zeitmangel, Kostendruck sind schwierig vereinbar mit einer ganzheitlichen Schmerzerfassung und Linderung. Kommt nun noch eine demenzielle Erkrankung hinzu, bei der der alte Mensch eventuell nicht mehr in der Lage ist, seine Schmerzen adäquat zu äußern, wird es schwierig von einer guten Schmerzlinderung zu sprechen.

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Was können Einrichtungen und Pflegekräfte beitragen, um Abhilfe zu schaffen?

Wichtig sind praxisnahe Schulungen, um Schmerz zu erkennen und ein Maßnahmenkatalog, der spezifisch für das Haus, die Station erarbeitet wird, damit für die Betroffenen geeignete Maßnahmen ergriffen und leicht umgesetzt werden können. Der sichere Umgang mit Assesments zur Einschätzung der Schmerzstärke ist optimierbar. Wir haben im Buch eine Schmerzvisite vorgestellt, anhand derer wichtige Faktoren systematisch geprüft werden können (siehe auch Download-pdf am Ende dieses Interviews).

Eine Schmerzvisite bietet den Betroffenen also klare Vorteile. Welche sind das?

Schmerzbehandlung ist ein Prozess und die Schmerzvisite spiegelt diesen wider. Durch das systematische Abfragen relevanter Fragen wird Schmerz erfasst, Maßnahmen werden ergriffen und die Wirksamkeit dieser wird überprüft. Sinn einer Schmerzbehandlung ist die Linderung der Schmerzen, das wiederhergestellte Wohlfühlen. Um das belegen zu können, hilft die Schmerzvisite. Vielen Dank für das Interview!

Kostenloses Download-Formular für die Schmerzvisite

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