Interview

„Schlechte Pflege wird belohnt – das muss sich ändern!“

Künstliche Ernährung und ab in den Rollstuhl – wenn Heime durch Überversorgung grobe Pflegefehler begehen, ist das oft profitabel, kritisiert Whistleblowerin Andrea Würtz, auch bekannt aus der Wallraff-Reportage „Jetzt erst recht“            

Die Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin Andrea Würtz hat den Schliersee-Skandal aufgedeckt und ist am 23. Juni 2022 in der Wallraff-Reportage „Jetzt erst recht“ über drei Alloheim-Einrichtungen als Kommentatorin aufgetreten. Im Interview spricht sie darüber, wie Überversorgung Bewohnern Leid zufügt und wie sich solch ein grausamer Umgang künftig verhindern ließe.         

pflegen-online: Bei „Team Wallraff – Reporter Undercover“ wurden am 23. Juni Patientinnen und Patienten mit besonderen Versorgungsformen in Einrichtungen der privat betriebenen Alloheimkette vorgestellt. Es ging um die „Junge Pflege“, die speziell für Menschen im Alter zwischen 28 und 65 Jahren geschaffen wurde. Die Krankenkassen zahlen dafür rund 6.000 Euro im Monat pro Patienten. Sie haben diese Fälle für Team Wallraff kommentiert. Was genau haben Sie beobachtet? 

Andrea Würtz: Während der Dreharbeiten mit Team Wallraff habe ich immer wieder mit den Tränen kämpfen müssen, obwohl ich selbst zuvor schon so viele Missstände erlebt hatte. Und, glauben Sie mir, in der Reportage haben die Zuschauerinnen und Zuschauer nur gepixelte Ausschnitte des Filmmaterials gesehen. Die Realität ist noch unerträglicher. Die Schicksale in der „Jungen Pflege“ berühren ohnehin ungemein. Es kann jeden treffen, wie uns diese Beispiele zeigen. Dann aber zu sehen, wie diese wehrlosen Menschen auch noch Demütigungen, schweren Pflegefehlern und schließlich unnötigen Maßnahmen ausgesetzt sind, nur um an ihnen zu verdienen, das ist wirklich schwere Kost. Und da spielt es keine Rolle, wie alt die Bewohnerinnen und Bewohner sind.

Wie funktioniert das System der „Jungen Pflege“ in den Beispielen?

Die „Junge Pflege“ mag zunächst einmal der richtige Ansatz sein: Sie wurde geschaffen für Menschen im Alter zwischen 28 und 65 Jahren, um sie zu rehabilitieren, gesellschaftlich wieder einzugliedern, ihre Teilhabe am öffentlichen Leben wiederherzustellen, sie wieder aus den Heimen zu holen. Die Zielsetzung der Rehabilitation steht hier im Vordergrund und so wird argumentiert, dass der Mehraufwand an Therapien und adäquater Beschäftigung Mehrkosten rechtfertige. – Vom Ansatz her immer noch extrem teuer, umso härter und unfassbarer dann die Realität, die mir im Vorfeld der Sendung „Jetzt erst recht!“ vorgeführt wurde.

Sie denken da zum Beispiel an die 50-Jährige MS-Patientin mit PEG-Sonde?

Ja, die künstliche Ernährung müsste eigentlich generell durch regelmäßige Visiten auf ihre Notwendigkeit hin überprüft werden, denn es sollte doch jedem klar sein, dass Essen immer auch Lebensqualität bedeutet. Ich erinnere mich noch genau, wie ich da fassungslos die Undercover-Reporterin fragte: „Habe ich da eben richtig gesehen, dass die halbseitengelähmte Bewohnerin mit MS gerade selbst das Apfelmus gegessen hat?“ – Wohlgemerkt, keiner hatte der MS-Patientin geholfen und die Schüssel war leer. Sie konnte also völlig alleine essen, wenn man ihr das Essen adäquat bereitstellte. Warum, frage ich mich dann, wird die künstliche Ernährung nicht umgehend reduziert? Warum erfolgt dann nicht ein Kostaufbau, wenn die Bewohnerin Apfelmus essen kann? Sie kann ja nicht selbst darum bitten!

Zugegeben, da war und bin ich bis heute sprachlos. Gleichzeitig weiß ich natürlich, dass gerade die enterale Nahrungsgabe mit den entsprechenden monatlichen Abnahmemengen an künstlicher Ernährung, Schlauchsystemen und Verbandsmaterial für die PEG-Sonde durchaus lukrativ sind. Es lohnt also hier aus „abrechnungstechnischen Gründen“ die Bewohnerin in einen schlechteren Zustand zu bringen und auch zu halten, obwohl es augenscheinlich nicht erforderlich wäre.

Lukrativer als den Mehraufwand eines Kostaufbaus zu betreiben und die Patientin von der PEG-Sonde zu entwöhnen.

So ist es. Es ist zum Fremdschämen. Und wollen wir tatsächlich hier von einem bedauerlichen Einzelfall sprechen? Wer trägt hier bitte die Verantwortung für die Art und Weise, wie diese Bewohnerin gepflegt wird? Die MS-Patientin soll bei ihrer Aufnahme noch mit Unterstützung gelaufen sein. Jetzt, nachdem man sie nicht mehr mobilisiert hat und sie seitdem Tag und Nacht im Bett liegt, über eine PEG künstlich, und offensichtlich auch noch falsch, ernährt wird, wie die häufigen Durchfälle zeigen, merkt eine Pflegekraft verwundert an, sie sei, wie viele Bewohnerinnen und Bewohner hier, zu dick. Sie habe an Gewicht zugenommen. Die Pflegekraft bemerkt also auch noch die Gewichtszunahme. Und was unternimmt sie denn als nächsten Schritt? Es ist die Pflicht jeder Pflegekraft– und hier sage ich bewusst jeder Pflegekraft, ob ungelernte oder einjährige – zu wissen, dass ein inadäquater Umgang mit den Bewohnerinnen und Bewohnern gleich welcher Form nicht hinnehmbar ist. Ist es nicht im Grunde schon unfassbar traurig, wenn man überhaupt daran erinnern muss? Es ist eine unbequeme und doch so einfache Frage, ob wir selbst in solchen Zuständen leben möchten? – Das möchte niemand. Warum dulden wir es dann, wenn es andere betrifft?

Das heißt, Menschen, die keine Fürsprecher haben und im Rahmen der „Jungen Pflege“ versorgt werden, können zum Zwecke der Gewinnmaximierung lukrativ „überversorgt“ werden und dabei Schaden erleiden?

Es wäre natürlich falsch, alle Anbieter unter Generalverdacht zu stellen. Trotzdem möchte ich behaupten, dass es ein großer Systemfehler ist, dass häufig der höchste Pflegegrad mit möglichst viel zusätzlicher Behandlungspflege assoziiert wird und auf diese Weise, salopp formuliert, ein Pflegeheim oder ein Intensivpflegedienst das als „Jackpot“ einkalkulieren kann. Das mag hart klingen, aber schauen Sie, für einen Heimbetreiber lohnt es sich faktisch viel zu wenig, die Genesung und Rehabilitation seiner Patientinnen und Patienten oder sogar ihre Rückführung in die Häuslichkeit zum Ziel zu haben.

Furchtbar daran ist, dass es kaum Möglichkeiten gibt, die Pflegebedürftigen davor zu schützen. Deshalb möchte ich an dieser Stelle noch einmal an die Pflegekräfte appellieren, klarer, eindeutiger und auch vehementer für die uns anvertrauten Personen einzustehen! Es ist an uns, solche Missstände nicht mehr mitzutragen. Je mehr sich dagegen positionieren, desto eher bewegt sich auch etwas.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat in seinem Gespräch mit Günter Wallraff am Ende der Sendung mehrere Punkte genannt, mit denen er gegen die beschriebenen Missstände in der Pflege vorgehen will. Ein zentraler Punkt ist die bessere Bezahlung des Pflegepersonals. Kommt man damit gegen die Missstände an?

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Nein. Was macht denn die jetzt schon ständig einspringende Pflegefachkraft, die ausgebrannt und frustriert ist, mit mehr Geld? Ändert das ihre Arbeitsbedingungen? Soll das eine Art Schmerzensgeld sein – die teils psychisch und physisch höchst belastenden Zustände vor Ort und während ihrer Dienstzeit besser zu ertragen? Wird das den Frust lindern, die Pflegequalität verbessern? Die Pflegekräfte wissen doch, dass sie unter den gegebenen Bedingungen keine gute Pflege leisten können. Und die Mehrausgaben werden an anderer Stelle wieder aus dem System herausgeholt. Der entscheidende Punkt ist: für die Zu-Pflegenden ändert sich damit nichts.

Die Überversorgung bleibt erhalten. Aber warum werden solche Fälle, wie in der „Jungen Pflege“ oft bagatellisiert? Warum spricht man immer wieder lediglich von „bedauerlichen Einzelfällen“ mit der Folge, dass Verantwortliche bei Verfahren vor Gericht freigesprochen werden?

Andrea Würtz
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Andrea Würtz

Das Problem: Die Beweisführung ist oft schwierig. Pflegefehler müssen möglichst konkret nachgewiesen werden, das heißt, Pflegekraft Soundso muss an diesem Tag und zu dieser Uhrzeit nachweislich Dies und Jenes getan oder unterlassen haben. Ich erinnere mich da an einige Dokumentationen, die in hohem Maß von der Realität abgewichen waren. Aber genau diese Dokumentationen sind maßgeblich für die Entscheidung! Dann heißt es, die Beweislast sei nicht eindeutig, oder ich höre, ganz salopp, da müssten ja so viele Personen auf die Anklagebank, so viel Platz gäbe es doch gar nicht. Das muss man erst mal sacken lassen. Aber was bedeutet das auch für die Geschädigten und deren Angehörige? Was muss das für ein Gefühl für sie sein, unabhängig von der Mär, Opfer bedauerlicher Einzelfälle geworden zu sein?

Ihnen steht als Hauptzeugin im Fall Schliersee noch das Gerichtsverfahren bevor. In einem anderen Fall, der Seniorenresidenz am Schloss Gleusdorf im Landkreis Haßberge in Unterfranken, wurden die verantwortliche Heimleitung, Pflegedienstleitung und der behandelnde Arzt im März 2020 vom Verdacht des Totschlags durch Unterlassen und der Misshandlung Schutzbefohlener freigesprochen

Nach Wiedereinsetzung der Heimleiterin erschienen 44 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht mehr zum Dienst. Das Heim musste schließen – Zufall? Die übrigen Beschäftigten hätten unter den Bedingungen weitergearbeitet und klagten nach der Schließung und Verlegung der Bewohnerinnen und Bewohner gegen ihre Kündigung. Wer hat da zur restlosen Aufklärung der Todesfälle und Misshandlungen in der Einrichtung beigetragen und Position bezogen? Macht sie das traurig?

Ja – das macht mich traurig und zugleich wütend. Ich bleibe bei meinem Eindruck, dass auf dem langen und andauernden Weg der Resignation und Überforderung nicht nur die ethischen Grundprinzipien und der Schutz der Menschenrechte auf der Strecke bleiben, sondern offenbar auch ein Großteil der Empathie-Fähigkeit. Primär selbstbezogene Fachkräfte – und das sind zum Glück nicht alle – handeln dann frei nach dem Motto „Wenn ich schon einen Job mit so unmenschlichen Bedingungen habe, dann muss ich auch für mein Recht kämpfen!“ Wie schön wäre es, würde diese Energie auch für die Wahrung der Rechte der Bewohnerinnen und Bewohner eingesetzt, dann wäre beiden geholfen.

Interview: Melanie Klimmer

Über Andrea Würtz 

Die Kinderkrankenschwester, Jahrgang 1977, hat im Mai 2020 die Missstände in der Seniorenresidenz in Schliersee aufgedeckt. Damals war sie für das Gesundheitsamt tätig, wo sie Ende Juni 2020 kündigte. Seit Ihrem Examen im Jahr 2001 hat sie unter anderem in der ambulanten Kinderintensivpflege gearbeitet, auf der Frühchen-IMC, in der OP-Anästhesiepflege und als Study Nurse im Bereich Onkologie. Außerdem war sie PDL in der Tagespflege und Hygienebeauftragte. Seit Schliersee kämpft sie gegen Missstände in der Pflege an.

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