Interview und You-Tube-Video

Sanfte Massage - wirksame Therapie bei Depression

Der frühere Chef der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft hat eine Massage entwickelt, die auch Pflegekräfte anwenden können. Ein Interview mit dem Pharmakologen

Inhaltsverzeichnis

pflegen-online.de: Herr Prof. Müller-Oerlinghausen, Distanz ist das Gebot der Stunde in der Corona-Epidemie. Was kann fehlender Körperkontakt bei uns Menschen auslösen?

Bruno Müller-Oerlinghausen: Beim Social Distancing bleibt die körperliche Berührung häufig auf der Strecke. Das ist nicht gut, das haben genügend Studien gezeigt. Ein Mangel an körperlicher Berührung ist mit einem Ansteigen von Depressionen und anderen psychischen Störungen verbunden. Berührung ist unsere Basiskommunikation. Der Wegfall von Berührung in der frühen Kindheit führt zu negativen Entwicklungen wie Depressivität, Autismus, selbstaggressivem und kriminellem Verhalten.

Sie haben eine Massage für depressive Patienten entwickelt. Kennzeichen Ihrer Massagetechnik sind langsame streichende Bewegungen ohne Druck, die auf die Haut und nicht die Muskeln abzielen. Die Wirkung der Massage haben Sie wissenschaftlich untersucht. Wie waren die Ergebnisse?

Die Ergebnisse waren absolut überzeugend: Die Patienten waren besserer Stimmung, sie waren weniger ängstlich, sie hatten weniger Schmerzen, sie konnten besser schlafen und sie waren weniger hoffnungslos. Eine Patientin sagte, sie hätte bei der Masseurin zum ersten Mal Kompetenz erlebt. Das müssen Sie sich mal vorstellen! Depressive Patienten sind oft selbst überrascht, was bei ihnen durch die Massage passiert. Manche müssen sogar weinen, weil emotional beladene Erinnerungen hochkommen.

Sie sind Klinischer Pharmakologe und waren Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. Was hat Sie dazu gebracht, sich mit Massagen zu beschäftigen?

Ich habe jahrezehntelang depressive Patienten behandelt und gesehen, dass wir therapeutisch viel erreichen können, dass aber viele Patienten doch Restsymptome behalten, die ihnen schwer zu schaffen machen. Außerdem fiel mir auf, dass Patienten immer wieder fragten, ob sie Massagen bekommen könnten, die würden ihnen guttun. Ich habe dann gesagt: Okay, wir versuchen das mal und haben die Slow-Stroke-Massage entwickelt und wissenschaftlich korrekt an stationären Patienten getestet, die ansonsten ihre übliche Therapie erhielten.

Können Massagen Medikamente ersetzen?

Da wäre ich zurückhaltend, weil das schlechterdings nicht untersucht ist. Aber eine Metaanalyse hat gezeigt, dass die Effektstärke von Massage bei Depressionen nicht kleiner ist als die von Psychotherapie. Eine andere Studie hat gezeigt, dass Massage wirksamer ist als das etablierte Entspannungsverfahren Progressive Muskelrelaxation. Die Berührung selbst ist offenbar das Element, dass hier anti-depressiv wirkt. Das ist gar nicht so unverständlich, wenn man bedenkt, dass eine Depression nicht nur den Kopf betrifft, sondern durch zig körperliche Symptome charakterisiert ist.

Wie ist die Wirkung der Slow-Stroke-Massage zu erklären?

Wir wissen, dass es bei einer sanften Berührung, die einer langsamen Streichung entspricht und sich mit relativ wenig Druck über den ganzen Körper ausdehnt, zu einer Aktivierung ganz bestimmter Nervensysteme kommt. Die Berührungsreize werden ins Stammhirn weitergeleitet und lösen so etwas wie Wohlgefühl aus. Damit einher geht die Ausschüttung des Hormons Oxytocin, das auch an der Herstellung der engen Bindung zwischen Mutter und Säugling beteiligt ist.

Wie können Pflegekräfte die Heilkraft von Berührung bewusst nutzen?

Viele Krankenschwestern und -pfleger haben die Erfahrung gemacht, dass einfaches Handauflegen einen Patienten ruhiger macht. Er kann dann am Abend eventuell ohne Schlafmittel einschlafen und hat weniger Schmerzen. Das belegen auch Studien. Eine gute Möglichkeit ist, einen Patienten nach einer pflegerischen Handlung wie etwa dem Waschen einmal kurz empathisch zu berühren. Eine Voraussetzung für Massagen ist neben einer einschlägigen Fortbildung, dass die Pflegedienst- oder Klinikleitung grünes Licht gibt. Um Vorbehalte zu beseitigen, ist es wichtig, die Wirkung von Massage und Berührung zu erklären und darüber zu sprechen.

In diesem You-Tube-Video sehen Sie, wie die Massage funktioniert:

Nicht jeder Patient mag Berührung.

Vorbedingung für eine Massage oder Berührung ist immer, dass der Patient sein Einverständnis zu erkennen gibt. Man sollte vorher fragen, insbesondere bei Kindern. Kinder sagen einem genau, wo sie berührt werden wollen und wo nicht. Schwierig ist es bei behinderten Menschen. Das Pflegepersonal ist oft verunsichert, ob es behinderte Patienten überhaupt anfassen darf. Hier müssen wir noch sehr viel mehr Erfahrungen sammeln.

Was kann jeder Mensch selbst tun, wenn er unter zu wenig Körperkontakt leidet?

Ich sage immer: Berührt euch! Auch Selbstberührungen sind gut und wichtig. Das kann mit kleinen Dingen anfangen, wie sich morgens unter der Dusche liebevoll einzucremen und mal ein bisschen zu spüren, wie sich die einzelnen Körperteile anfühlen. Auch das Barfußgehen ist eine Art von Selbstberührung. Manche Menschen gehen in eine Kuschelpraxis. Vielleicht traue ich mich das auch einmal.

Zur Person

Prof. em. Dr. Bruno Müller-Oerlinghausen ist Facharzt für Klinische Pharmakologie und war lange Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Ärzteschaft. Er ist Experte für Depressionsbehandlung und engagiert er sich u.a. im Netzwerk Berührung. Gemeinsam mit der Körpertherapeutin Gabrielle Mariell-Kiebgis hat er das Buch "Berührung. Warum wir sie brauchen und wie sie uns heilt" geschrieben.

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