Freundlichkeit im Krankenhaus

Sagt bitte nie mehr „austherapiert“!

Sabine Dinkel wurde von heute auf morgen mit der Diagnose Eierstockkrebs konfrontiert. Im Interview berichtet die Autorin von „Krebs ist, wenn man trotzdem lacht“ über ihre Klinikerfahrung.

Wie fühlt man sich als Patientin im Krankenhaus? Wie steht es um das Verhältnis Patient-Pflegekraft? In ihrem Buch gibt Sabine Dinkel (51), selbständiger Business Coach und Existenzgründerberaterin, Tipps aus eigener Krankheitserfahrung. Ihr flammmender Appell: Vergesst niemals die menschliche Zuwendung!

pflegen-online: Was fällt Ihnen als Patientin, die in eine Klinik kommt, als erstes positiv auf?

Sabine Dinkel: Das hängt stark von der jeweiligen Klinik ab, etwa ob es eine Klinik ist, wo operiert wird, oder ob es eine Klinik ist, die nur therapiert. In meiner onkologischen Komplementärklinik beispielsweise wird sehr aufs Menschliche geachtet. Da wird man dort abgeholt, wo man steht, man wird gleich nach der Aufnahme auf sein Zimmer gebracht, wird gefragt, ob man Internet, Fernseher oder eine zusätzliche Decke haben möchte. Alle Grundbedürfnisse, die man heute als moderner Mensch hat, werden sofort abgefragt. Das finde ich gut.

Und was fällt Ihnen besonders positiv auf, wenn Sie auf Station sind?

Auf der Station ist es natürlich immer ein Highlight, wenn eine Schwester ins Zimmer kommt und mich trotz ihres täglichen Stresses anlächelt und einen wohlmeinenden Spruch auf den Lippen hat. Die menschliche Zuwendung bleibt ein Highlight, sie darf dem Sparzwang und Effizienzdrang niemals zum Opfer fallen!

In meiner onkologischen Fachklinik wird auch ein Stück weit enttabuisiert, man richtet sich dort eher nach den Wünschen der Patienten als nach strengen medizinischen Vorgaben. Das empfinde ich als sehr wohltuend und entspannend. Toll ist auch, wenn die Pflegerin einen freundlichen kleinen Scherz macht, bevor man die Spritze reingejagt bekommt. Die persönliche Zuwendung ist wirklich die halbe Miete, sie tut mir als Patientin unheimlich gut.

Was stört Sie am meisten während Ihrer Klinikaufenthalte?

Es ist immer alles so funktional. Warum kann man keine schönen tröstlichen Bilder aufhängen oder hübsches Bettzeug in Hellgelb nehmen, das man ja auch ohne Probleme kochen kann?

Auf einer Augenhöhe mit den Ärzten zu sprechen, wäre auch schön: sie sollten sich bitte auf die Bettkante oder einen Stuhl setzen und nicht von oben herab mit den Patienten, die im Bett liegen, sprechen.

In der Therapieklinik setzt sich die Ärztin immer mit mir an den Tisch. In der Uniklinik kommt hingegen eine ganze Delegation ins Zimmer marschiert und schiebt ein Wägelchen vor sich her, alle wirken gehetzt. Warum stellt man kein Deko-Blümchen auf das Wägelchen oder klebt ein freundliches Poster dran?

Schön wäre auch, Stellwände zwischen Patienten aufzustellen oder je nach Krankheit Vorhänge zwischen den einzelnen Betten aufzuhängen. Das würde Schutzraum geben. Extrovertierte Typen bekommen Energie von anderen Menschen, aber ich bin eher introvertiert und möchte für mich sein, obwohl ich eigentlich kontaktfreudig bin.

Welche Rolle spielen Pflegekräfte für Sie ganz allgemein in der Klinik?

Eine ganz wichtige! Sie sind dort schließlich die wichtigsten Bezugspersonen für mich! Ich glaube, viele Patienten würden noch pflegeleichter, wenn sie die menschliche Komponente der Pflegekräfte deutlicher spüren würden.

Wenn Menschlichkeit in der Pflege einen höheren Stellenwert bekäme, würden sich viele Probleme im Umgang mit „schwierigen“ Patienten lösen. Denn viele klingeln womöglich nur deshalb so oft nach Hilfe, weil sie Aufmerksamkeit vermissen und sich als Mensch nicht wahrgenommen fühlen.

Wo sehen Sie Schwächen im Arzt-Pfleger-Verhältnis?

Wenn eine starke Hierarchie durchblitzt, stört mich das sehr. Als ich beispielsweise meine Diagnose erhielt, schlug der Oberarzt mir eine bestimmte Klinik vor, in die ich aber nicht wollte. Daraufhin meldete sich die ihn begleitende Assistenzärztin zu Wort und schlug mir vor, sich darum zu kümmern und mir etwas Passendes auszusuchen. Daraufhin erntete sie dann nur einen empörten Blick ihres Chefs, der sich wohl in seinem Ego gekränkt sah. Das fand ich sehr störend. Kann man vielleicht mal ein Stück weit sein Ego zurückstellen im Sinne des Patienten?

Was sind denn in den Kliniken absolute No-Gos für Sie?

Den Menschen mit seinen berechtigten Ängsten nicht wahrzunehmen. Ohne Ansprache eine Spritze zu setzen, Tabletten einfach so auf den Tisch zu legen ohne Erklärung. Man ist als Patient ja sehr bedürftig, wird aber oft so behandelt, als wäre man ein starker Gesunder.

Man ist verängstigt, und dem müsste viel mehr Rechnung getragen werden. Viele Patienten rutschen in einen Kind-Zustand. Es werden viele Patientinnen so sehr entmutigt! Das erlebe ich immer wieder in der von mir geleiteten Selbsthilfegruppe.

Das Wort „Austherapieren“ geht zum Beispiel gar nicht. Natürlich kann man immer noch etwas für einen Patienten tun, sehr viel sogar, auch wenn er angeblich „austherapiert“ ist! Durch die Wortwahl werden aber regelrechte Traumata ausgelöst.

Auch das Mithören am Krankenbett bei der Visite ist sehr störend: Telefonnummern, Stuhlgang und Urinwerte werden abgefragt, während der Patient im Nebenbett mithört. Und das, obwohl wir gerade die neue Datenschutzverordnung durch alle Kanäle jagen.

Es ist auch bemerkenswert, wie katastrophal oft das Essen ist. Es ist nicht selten dicht an der Qualitätsabbruchkante: Brötchen sind nicht richtig aufgetaut, Brot ist nasskalt. Dabei streichelt Essen die Seele, das wäre doch gerade für Kranke und Schwache wichtig! Die Essensausgabe ist auch zu mechanisch und massenabfertigungsmäßig. Es ist klar: Dann werden wir Patienten quengelig. In einer Klinik, wo das alles gut funktioniert, blüht man dagegen richtig auf!

Haben Sie einen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Pflegekräften hinsichtlich des persönlichen Umgangs mit den Patienten erlebt?

Nein, ich habe sowohl witzige wie stieselige Pfleger, junge wie alte, als auch nette wie rabiate Schwestern erlebt. Das hält sich wohl die Waage.

Wie empfinden Sie die Aufklärungsgespräche der Ärzte?

Wichtig finde ich, dass Ärzte zu Beginn das Positive benennen, bevor sie das Negative erwähnen, was einen herunterzieht. Ansonsten kommt es zu einem Noncebo-Effekt und ich bekomme die aufgeschriebenen Nebenwirkungen schon vorweg. Ich adaptiere sie dann regelrecht. Beipackzettel lese ich gar nicht, sondern gebe sie nur noch meinen Mann. Eine achtsame Kommunikation im Aufklärungsgespräch ist immer die halbe Miete.

Welchen Verbesserungsvorschlag hätten Sie sonst noch an Kliniken?

Wirklich gut wäre, wenn schon in der Klinik Hilfsangebote wie Selbsthilfegruppen genannt würden. Dann kann man sich von Gleichgesinnten Mut machen lassen und Information bekommen. Das wäre ja auch eine Entlastung für die Ärzte.

Können Selbsthilfegruppen nicht auch Ängste erst richtig schüren?

Einen Preis muss man immer zahlen. In Selbsthilfegruppen bekommt man bessere Infos und Tipps, mit denen man zum Arzt gehen kann, um sie gezielt anzusprechen. Andererseits muss ich mir dafür die Geschichten der anderen anhören. Aber unsere Selbsthilfegruppe ist keine Jammergruppe, sondern wir wollen uns gegenseitig helfen. Gibt es Tipps für einen guten Arzt? Oder eine gute Reha? Wir schließen die Runden immer ab mit den schönsten Erlebnissen der Woche. Wenn man nicht hingeht zur Selbsthilfegruppe, zahlt man auch einen Preis: nämlich den, nicht gut informiert zu sein.

Autorin: Birgitta vom Lehn

Foto: Stefan Baraniak

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