Rückenschmerzen

Rückenprobleme? Was Sportmediziner Söller Pflegekräften rät

Orthopäde und Akupunktur-Spezialist Felix Söller über die größten Fehler und die wirksamsten Übungen

Inhaltsverzeichnis

pflegen online: Fangen wir doch mal mit dem heutigen Tag an: Sie sind Facharzt für Orthopädie und Akupunktur, Chirotherapie und Sportmedizin - wie viele Patienten mit Rückenleiden haben Sie heute behandelt?

Felix Söller: Ich teile meine Praxis mit drei Partnern, und da ich bei uns der Spezialist für die Wirbelsäule bin, landen die meisten Rücken-Patienten bei mir. Heute kamen etwa 90 Prozent meiner Patienten wegen Wirbelsäulenproblemen zu mir. Und zehn bis 15 Prozent hatten akute Rückenschmerzen.

Kommen wir zu den Pflegekräften. Wie schätzen Sie deren Rückenbelastungen ein?

Was diese Kollegen und Kolleginnen täglich stemmen müssen, das kann man sich kaum vorstellen. Ihre Arbeit ist eine immense Rückenbelastung. Nehmen wir die typischen Büroberufe. Bei Finanzbeamten oder Versicherungs-Kaufleuten können Sie den Arbeitsplatz mit passenden Möbeln ergonomisch gestalten. In der Pflege geht das nicht. Pflege ist sehr persönlich, sehr individuell und situationsabhängig. Pflege ist extremst rückenbelastend.

In welchen Situationen belasten Pflegekräfte ihren Rücken am stärksten?

Pflegekräfte müssen immer wieder schwere Patienten heben, das geht massiv auf den Rücken. Zum anderen können Sie oft keine Schonhaltung einnehmen und oft genug auch keine Hilfsmittel verwenden. Pflege ist übrigens der einzige Beruf, in dem Bandscheibenvorfälle als Berufskrankheit eingestuft werden. Ich weiß ziemlich genau, wie hart der Pflegeberuf ist - allein aus meiner Universitätszeit im Münchner Krankenhaus Großhadern weiß ich, wo da die Belastungen liegen.

Welche Rückenbereiche trifft es am härtesten?

Zu 80 Prozent ist es der Lendenbereich, der überstrapaziert wird. Wenn Sie im Stehen den Rumpf nach vorne beugen, liegt der Dreh- und Angelpunkt in der Lendenwirbelsäule, hier liegt also die größte Belastung. Wenn Pflegekräfte sich vorbildlich und ergonomisch verhalten würden, müssten sie den Rücken gerade halten und in die Hocke gehen.

Welches sind denn die drei schlimmsten Fehler in der Pflege in Bezug auf den Rücken?

Der wichtigste Fehler ist es sicherlich, dass sich Pflegekräfte zu oft über Patienten oder Bewohner herüberbücken, um eine Tätigkeit auszuführen. Wenn sie sich über einen Patienten beugen, um eine Kanüle zu wechseln oder eine Hygienemaßnahme durchzuführen, kommen sie nicht darum herum, sich nach vorne zu beugen. Dennoch gilt es zu überlegen, ob es Alternativen gibt, bei denen man den Rücken gerade halten kann.

Wo sehen Sie den Fehler Nummer zwei?

An zweiter Stelle stehen Haltungen, die ich sehr lange einnehmen muss, sogenannte Zwangshaltungen. Der Rücken kann hohe Belastungen verkraften, wenn sie kurz bleiben. Falls Sie jedoch an einem Tag zusammengerechnet auf eine Stunde oder mehr rückenbelastender Haltungen kommen, steigt die Gefahr von Rückenschmerzen. Hier muss ich mich fragen, ob ich den Patienten anders lagern kann oder ob es Hilfsvorrichtungen gibt. Eine entscheidende Überlegung ist es auch, einen Kollegen oder eine Kollegin hinzuzuholen.

Wo vermuten Sie den dritten Fehler?

An dritter Stelle stehen die Verkrampfungen und Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich, die drohen, wenn eine Pflegekraft am Ende eines harten Arbeitstages auch noch Daten für ihre Dokumentation am PC einzugeben hat. Hier kann ein höhenverstellbarer Stuhl oder Tisch weiterhelfen. Hier sind auch Vorgesetzte gefordert, Pflegekräfte, die schon Rückenleiden haben, nicht auch noch stundenlang am PC Daten eingeben zu lassen.

Was ist zu tun?

Rund 80 Prozent der belastenden Situationen lassen sich vermeiden. Praxisorientierte Schulungen und präventives Training helfen da weiter. Eventuell lässt sich das Bett des Patienten oder Bewohners höher fahren. Wer oft einen Patienten oder Bewohner aus dem Rollstuhl heben muss, kann Kniffe und Tricks erlernen, mit denen nicht der volle Druck auf die eigene Wirbelsäule geht.

Außerdem kann sich der Pfleger oder die Pflegerin präventiv wappnen und seine Rumpfmuskulatur stärken. Weil Pfleger besonderen Belastungen ausgesetzt sind, tun sie gut daran, vorsorglich ihre Belastbarkeit etwas anzuheben. Der Weg dahin kann sehr unterschiedlich sein: schwimmen gehen, Yoga oder Pilates, ins Fitnessstudio gehen ...

Alternativ können Pflegekräfte ohne viel Aufwand zu Hause trainieren. In Ihrem Buch „Rücken ohne Schmerz“ stellen Sie entsprechende Übungen vor und zeigen selbst auf Fotos, wie man sie ausführt ...

... aus den vielen Fragen meiner Patienten ist letztlich dieses Buch entstanden: Hier gebe ich ausführliche Tipps, wie man sich selbst helfen kann. Ich habe die wichtigsten Übungen ausgewählt, die wirklich jeder machen kann: ob jung oder alt, ob trainiert oder untrainiert. Wer sich steigern will, kann die Zeitspanne ausdehnen und so die Intensität erhöhen. Bei der Planke etwa habe ich selbst den Trainingseffekt erlebt und mich in drei Monaten von knapp 30 Sekunden auf eine Minute und zwanzig Sekunden gesteigert. Wichtig ist die Botschaft, dass wir uns einfach mal genauer mit unserem Rumpf, also mit dem Rücken und mit dem Bauch beschäftigen müssen, und ohne viel Aufwand unsere Belastbarkeit erhöhen können.

In Ihrem Buch plädieren Sie für Selbsthilfe - am besten vor oder nach der Arbeit?

Wer nach der Arbeit nach Hause kommt, dem steht der Sinn vermutlich eher nach Ruhe als nach Sport. Ich empfehle daher tatsächlich morgendliche Trainingseinheiten von etwa 20 Minuten. Zudem weiß die Sportpsychologie, dass man morgens den höchsten Ausstoß von Testosteron, Östrogen und Kortison hat - morgens sind wir also am fittesten und fähigsten. Wer um sechs Uhr zur Frühschicht muss, sollte allerdings lieber am Nachmittag, am besten zwischen 17 und 19 Uhr, trainieren. Auch in Pausen während des Arbeitstages lassen sich einige Übungen aus meinem Buch einbauen, um etwa schnell etwas gegen Nackenverspannungen zu unternehmen.

In Ihrem Buch geht es auch um Aspekte, die man beim Thema Rücken nicht unbedingt erwartet, etwa die Ernährung. Wie lässt sich mit gesunder Ernährung der Rücken stärken?

Von guter Ernährung allein kommt noch kein guter Rücken. Wenn wir uns aber kräftigen wollen, wenn wir Energie in die Muskeln bringen wollen, dann brauchen wir Energieträger. Das sind Eiweiße, Kohlenhydrate und andere Stoffe. Wenn wir zu wenige oder die falschen Stoffe zuführen, kann der Muskel die Energie speichern nur für kurze Zeit speichern und gibt sie auch schnell wieder ab. Gerade in der Pflege müssen die Muskeln aber über längere Zeit leistungsfähig sein.

Fast jeder kennt Menschen, die Rückenleiden haben, der Rücken gehört zu den Dauerbrennern bei Gesprächen zu Hause oder am Arbeitsplatz. Welches ist aus Ihrer Sicht des Experten denn das hartnäckigste Vor- oder Fehlurteil?

Es ist eine Fehleinschätzung, dass Bandscheibenvorfälle unbedingt operiert werden sollten. Das Gegenteil ist wahr: So gut wie kein Bandscheibenvorfall muss operiert werden. Die meisten lassen sich konservativ behandeln, also mit Medikamenten oder Physiotherapie.

Zur Person

Dr. Felix Söller ist Facharzt für Orthopädie und Akupunktur, Chirotherapie und Sportmedizin in München. Der Mediziner hat eine Karriere als Tennisprofi mit Weltranglistenposition hinter sich.

Interview: Michael Handwerk

Foto: Ed Richter Photography, Hamburg

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