Pflegepolitik

Rettet die Altenpfleger!

Das Ansehen der Altenpflege leidet schon jetzt unter dem Sonderweg in der neuen Ausbildungsverordnung. Gut, dass der Bundesrat dagegen hält. Ein Kommentar von Ulrike Döring, Vorsitzende des Evangelischen Berufsverbands (EFAKS).

Inhaltsverzeichnis

Mit dem Sonderweg wird die Altenpflege degradiert. Aber nicht irgendwann in der Zukunft, in drei, fünf oder zehn Jahren. Nein, schon jetzt, in diesem Augenblick, in diesen Wochen. Denn auch die Altenpflegefachkräfte, die seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten in den Heimen und ambulanten Diensten arbeiten, werden durch diese Änderungen in der Einschätzung ihrer Kompetenzen herabgesetzt. Sie empfinden die Regelungen des Sonderweges als Ohrfeige, viele sind fassungslos und manche demotiviert es regelrecht. Es ist für sie noch schwerer als bisher, Berufswahl und Verbleiben im Beruf im Freundeskreis zu verteidigen oder junge Menschen für diesen Beruf zu motivieren.

Manche wechseln schon in die Behindertenpflege

Hinzu kommt, dass auch in tarifvertraglich geregelten Vergütungsstrukturen Pflegende im Bereich der Altenhilfe gegenüber denen in Kliniken und der Behindertenhilfe schon aktuell schlechter vergütet werden. Ich weiß von Altenpflegern, die deshalb in die Behindertenpflege gewechselt haben, andere überlegen es. Es darf nicht passieren, dass weitere Altenpfleger nur aus diesem Grund dem Beispiel folgen.

Sonderweg ist Gift für die Altenpflege

Es ist absurd, dass einzelne Altenhilfeträger und ihre Verbände, auf deren Einfluss hin diese desaströse Änderungen am Referentenentwurf vorgenommen wurden, sich als Retter der Altenpflege hinstellen. Ihre Hauptargument, die Altenpflege sei mit den anderen Bereichen der Pflege nicht vergleichbar und dürfe nicht in einer generalistischen Ausbildung aufgehen, führte schon zu dem Sonderweg im Gesetz. Ihr zweites Argument, man dürfe die Hauptschüler nicht auf der Strecke lassen, führte schließlich zu den skandalösen Kompetenzabsenkungen in der Verordnung. Mit all dem führen diese Akteure die Altenpflege in die Irre. Der so gestaltete Sonderweg – man kann es nicht anders sagen – könnte die Zukunft der Altenpflege vergiften.

Ohne Biss klappt es auch über den Sonderweg nicht

Alle Auszubildenden müssen unabhängig von der Art ihres Schulabschlusses in der novellierten Ausbildung in den ersten zwei Jahren die gleichen Anforderungen erfüllen. Sie müssen Ausdauer und Biss zeigen, daran kann der Sonderweg nichts ändern. Denn Einsatzbereiche, Klausuren und Prüfungen (auch die Zwischenprüfung) sind bis dahin für alle Auszubildenden gleich.

Auch wenn die Abschluss-Prüfung nach drei Jahren für die Sonderweg-Kandidaten nicht so anspruchsvoll sein wird wie die für die Generalisten: Alle anderen Anforderungen bleiben bestehen. Die Einsätze in der Klinik, in der ambulanten Pflege und der Pädiatrie und auch die klaren Fehlzeitregelungen.

Hohe Ansprüche: Altenpflegekräfte oft auf sich allein gestellt

Überhaupt: Die Annahme der Akteure, Hauptschüler könnten die Prüfung auf dem Sonderweg leichter schaffen, weil sie über die Bereiche außerhalb der Altenpflege angeblich nichts wissen müssen, verursacht mir Bauchschmerzen. In der stationären Langzeitpflege und in der ambulanten Pflege sind Pflegekräfte noch einmal ganz anders gefordert als im Klinikbetrieb: Sie sind in aktuellen Entscheidungssituationen oft allen im Dienst und müssen mit hochkomplexen Versorgungssituation verantwortlich umgehen können. Wenn etwa ein Patient aus der Chirurgie zurückverlegt wird und plötzlich Fieber entwickelt oder die Wunde nachblutet, dann ist oft keine Fachkollegin in der Nähe, mit der man sich beraten könnte – geschweige denn ein Mediziner. Auch müssen sie viel häufiger selbständig Gespräche mit Angehörigen führen, es gibt hier keinen Arzt, der das übernehmen würde.

Bundesrat gibt Bundesregierung Hausaufgaben auf

Ich bin sehr froh, dass der Bundesrat bei seiner Entscheidung über die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung am 21.September 2018 die Problematik des Sonderweges und des abgesenkten Kompetenzniveaus aufgenommen und in einer Anlage dazu eine Entschließung mit beschlossen hat. Der Bundesrat fordert die Bundesregierung unter anderem dazu auf, zum nächstmöglichen Zeitpunkt die Absenkung des Niveaus der Altenpflegeausbildung in der Pflegeberufe-Ausbildungs- und Prüfungsverordnung aufzuheben und jetzt schon flankierend geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um die sich abzeichnende Benachteiligung für den Beruf und das Arbeitsfeld der Altenpflege zu minimieren.

Bundesrat: Sonderweg-Kandidaten über Nachteile informieren

Ebenso fordert der Bundesrat die Bundesregierung auf, im Rahmen einer Informations- und Öffentlichkeitsarbeit alle Auszubildenden, die den Sonderweg Altenpflege für das 3. Ausbildungsjahr wählen können, über die Konsequenzen dieser Wahl zu informieren: Zum Beispiel darüber, dass

  • der gesonderte Berufsabschluss als Altenpfleger außerhalb Deutschlands nicht als Pflegefachberuf anerkannt ist

  • damit auch in Deutschland über die Altenpflege hinaus andere Bereichen der Pflege nicht offen stehen

  • auf lange Sicht auch weniger verdienen werden könnte als mit einem generalistischen Abschluss.

Die Generalistik hat die Altenpflege voll im Blick

Es gibt aus Sicht meiner langjährigen Berufserfahrung in der Altenhilfe keinen Grund mehr für den Sonderweg des Berufsabschlusses als Altenpfleger. Die generalistische Pflegeausbildung hat entgegen anderen Behauptungen die Altenpflege voll im Blick. Bei Abschluss des Ausbildungsvertrages ist es einer der möglichen Wege, den Schwerpunkt in der stationären oder ambulanten Langzeitpflege zu wählen und als Pflegefachfrau/mann mit eben diesem Vertiefungsschwerpunkt die Ausbildung dann auch abzuschließen. Der Orientierungseinsatz zum Ausbildungsbeginn und der Vertiefungseinsatz im 3. Ausbildungsjahr finden in der Altenpflege statt, der Auszubildende ist insgesamt mehr als die Hälfte der 2.500 Praxisstunden in seinem gewählten Bereich. Das Gleiche gilt im Übrigen auch für die Kinderkrankenpflege.

Empfehlenswert: Altenpflege als Schwerpunkt

Ich kann also jedem mit einer Neigung für die Altenpflege nur zu einer generalistischen Ausbildung mit dieser Vertiefungsvariante raten. Dieser Abschluss ist mit Gewissheit EU-weit anerkannt. Und damit ist es auch möglich, im Laufe der Berufstätigkeit die Richtung bzw. das pflegerische Handlungsfeld zu ändern und der Pflege nicht verloren zu gehen, wie ich es früher immer wieder erlebt habe, wenn junge Altenpfleger aus den verschiedensten Gründen plötzlich Schwierigkeiten hatten, alte Menschen zu pflegen. Zum Beispiel nach fünf Jahren in der Praxis, schlicht gesagt, alte Menschen nicht mehr sehen konnten.

Es muss einen Bestandschutz geben

Im Übrigen appelliere an die Politik, einen Bestandschutz für die bisherige Altenpflegeausbildung zu garantieren. Dieser bisherige Abschluss muss – so wie die in der Krankenpflege und Kinderkrankenpflege – dem künftigen generalistischen Abschluss gleichgestellt werden, anders als möglicherweise der Altenpflegeabschluss nach dem neuen Gesetz auf der Grundlage der abgesenkten Kompetenzanforderungen.

Wir müssen alles unternehmen, um das Schlimmste zu verhindern!

Ulrike Döring

Die Krankenschwester, Diplom-Pflegewirtin (FH) und ausgebildete Heimleiterin hat schwer- und schwerstpflegebedürftigen alte Menschen gepflegt, in der geriatrische Rehabilitation gearbeitet und war beim Evangelischen Verein für Innere Mission in Wiesbaden für die Altenpflegeausbildung zuständig. Heute arbeitet sie als Beraterin für Pflege und Ausbildung und als Lehrbeauftrage an der Evangelischen Hochschule Darmstadt. Außerdem ist Ulrike Döring berufspolitisch aktiv: als Vorsitzende des Evangelischen Berufsverbands für Pflege und Gesundheit (EFAKS) und als Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft christlicher Schwesternverbände und Pflegeorganisationen in Deutschland e.V. (ADS). Sie ist Delegierte des ADS im Deutschen Pflegerat.

Porträtfoto Ulrike Döring: Sabine Schmid

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