Pflegekräfte mit Migrationshintergrund

Rassismus - das gibt's auch in der Pflege!

Interview mit Ugur Cetinkaya, der im Bayerischen Ruhpolding das SenVital Senioren- und Pflegezentrum leitet

pflegen-online: Herr Cetinkaya, Ihre Eltern kommen aus der Türkei, Sie selbst sind in Bayern geboren. Erleben Sie Rassismus?

Ugur Cetinkaya: Ich erlebe immer wieder Rassismus, beruflich und privat. Ich gebe Ihnen ein einfaches Beispiel: Ein Bestattungsunternehmer aus der Gegend erzählte mir neulich, dass mich jemand in einem Gespräch erwähnt und immer nur von dem „türkischen Heimleiter“ gesprochen hatte. Dieser Mann kennt mich seit gut fünf Jahren, er weiß auch wo ich arbeite – wie kann es sein, dass er sich meinen Namen nicht merkt und mich ausschließlich nach der Herkunft kategorisiert, die obendrein noch obsolet ist, da ich in Bayern geboren bin.

Ich weiß auch von einem Manager, der über mich sagt, ich sei immer so emotional, weil ich aus der Türkei stamme. Nun gut, das hängt vielleicht damit zusammen, das unsere Welt inzwischen so komplex ist, dass ein normaler Mensch sie nicht mehr versteht. Dann wird reduziert: Erdogan Türkei, Italien Berlusconi …

pflegen-online: Wie ist es im direkten Arbeitsalltag: Erleben Sie, erleben Ihre Mitarbeiter Rassismus?

Ugur Cetinkaya: Es ist schon mal vorgekommen, dass sich jemand in der Verwaltung beschwerte mit der Bemerkung, ob jetzt bei uns im Haus die Türken regieren würden. Ja, so etwas gibt es: Beschwerden mit Hinweis auf meine Herkunft. Aber normalerweise ist das für die Angehörigen und Bewohner kein Thema. Wenn sie aufgebracht sind, passiert es allerdings immer mal wieder, dass jemand sagt: „Ich habe da mit einer Pflegkraft gesprochen, die nicht so gut Deutsch kann.“ Das ist eigentlich unfair, denn es ist eher der Akzent, an dem sie sich stören. Der ist bei dem einen oder anderen Mitarbeiter sicherlich ausgeprägter, gerade bei Osteuropäern wie Kroaten – doch alle Mitarbeiter haben mindestens B2-Level, alle sind gut zu verstehen und können problemlos kommunizieren.

Aber viele haben sich inzwischen daran gewöhnt, dass bei uns so viele Mitarbeiter einen Migrationshintergrund haben. 80 Prozent sind es immerhin! Aber das spiegelt eigentlich die gesamte bayerische Dienstleistungsbranche wieder: In den Hotels, in den Restaurant hat fast das gesamte Personal ausländische Wurzeln – bis auf Leitung und Besitzer. Das ist total ambivalent und erinnert fast ein wenig an Dubai und Katar, wo eigentlich alle Angestellten aus dem Ausland stammen, aber nichts zu melden haben.

pflegen-online: Sie haben als Heimleiter allerdings viel zu melden – sehen Sie sich als Ausnahme?

Ugur Cetinkaya: Deutschland ist ein extrem soziales Land, aber es gibt definitiv eine gläserne Decke, die in der Pflege gar nicht so sehr für Frauen, aber vor allem für Menschen mit Migrationshintergrund gilt. Es gibt wirklich genügend qualifizierte Menschen mit Migrationshintergrund in der Branche, aber in Führungspositionen sehe ich sie ganz, ganz selten.

Auch ich habe es nur unter erschwerten Bedingungen geschafft: Für mich stand schon in der Altenpflegeausbildung fest, dass ich Heimleiter werden möchte. Doch Vorgesetzte und meine Mitauszubildenden sagten mir, ich würde es nicht schaffen.

Ich habe es geschafft, aber ich musste dafür siebenmal umziehen! Weil ich die Jobs genommen haben, die keiner wollte. Jetzt arbeite ich in einem Unternehmen, in dem Herkunft keine Rolle spielt. Aber zeigen Sie mir einen konfessionellen oder kommunalen Träger, bei dem das möglich wäre. Ich kenne bei der Caritas und Diakonie keinen türkischstämmigen Heimleiter, ich meine einen Menschen mit echtem Migrationshintergrund – nicht jemand, der oder die aufgrund einer Heirat einen türkischen Namen trägt. Und wenn man in die Geschäftsführungen schaut, dann gibt es in der gesamten Pflegebranche kaum einen Geschäftsführer mit Migrationshintergrund.

pflegen-online: Glauben Sie, dass sich das ändern könnte: dass bald doch deutlich mehr Menschen mit Migrationshintergrund in Führungspositionen gelangen?

Ugur Cetinkaya: Zurzeit beobachte ich viele Vorbehalte und Hürden, ich bin relativ pessimistisch. Aber ich versuche Vorbild zu sein und nutze dafür Facebook und Instagram. Auf Facebook habe ich 11.500 Follower, auf Instagram 7.000. Das soll keine Angeberei sein, es ist ja anstrengend, man wird auch zur Zielscheibe für einige. Aber ich merke, dass es sinnvoll ist, weil ich anderen Mut machen kann.

Es hört sich vielleicht merkwürdig an, aber ich bin eine Art Role Model für Jugendliche aus Berlin-Neukölln. Neulich habe mit einem Afrodeutschen aus Neukölln hin- und her gepostet, der gerade einen PDL-Kurs belegt. Ich hoffe, er schafft es, aber es ist wirklich schwierig in der Pflege aufzusteigen, wenn man keine deutschen Wurzeln hat. Selbst für mich – und ich habe, verglichen dem Afrodeutschen noch bessere Voraussetzungen: Ich bin hier geboren, bin bereits im Management und habe Tausende Follower. Aber auch ich fühle mich noch immer nicht als Teil dieser Gesellschaft. Irgendwie bin ich immer noch B-Bürger.

Das ärgert mich wirklich. Denn der Wohlstand in Deutschland hängt von den angeblichen Ausländern ab. Viele Betriebe könnten doch schließen ohne Menschen mit Migrationshintergrund. Sie sind systemrelevant und werden doch ausgeschlossen. Dass es zum Beispiel in Bayern, wo ein großer Teil der Bevölkerung türkischstämmig ist, keinen türkischstämmigen Bürgermeister gibt, ist ein Skandal. In Wallerstein wollte 2019 ein Türkischstämmiger für die CSU kandidieren. Aber sie wollten ihn dann doch nicht aufstellen. So etwas ist für einen Menschen extrem kränkend. Es entspricht nicht mehr dem Zeitgeist. Und ich würde fast so weit gehen und sagen: Unser gesellschaftlicher, ökonomischer und sozialer Frieden hängen davon ab, dass Menschen mit Migrationshintergrund endlich die gleichen Chancen und die gleiche Unterstützung erhalten wie Menschen mit deutschen Wurzeln.

Interview: Kirsten Gaede

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