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Image der Pflege

Prominente am Patientenbett – tut das der Pflege gut?

TV-Formate wie „Die Herzblut-Aufgabe“ von Sat.1 werden unter Pflegekräften heftig diskutiert. Wir haben zwei meinungsstarke Vertreter der Szene um ein Pro und Contra gebeten     

Pro

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Blendina Beqiri

Blendina Beqiri, 33 Jahre, arbeitet seit 2012 als examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin auf einer Station der Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie im Westpfalz-Klinikum Kaiserslautern. Seit Oktober 2020 ist sie auf Instagram unter dem Namen blendiinaa für die Pflege aktiv.

Wenn Prominente in der Pflege arbeiten oder positiv über die Arbeit von Pflegefachpersonen berichten, dann finde ich das gut. Die Pflege und unser Beruf erhalten somit mehr Aufmerksamkeit. Und wenn Sat.1 im Format „Die Herzblut-Aufgabe“ sechs Prominente ein Pflegepraktikum an der Helios Klinik absolvieren lässt und dann sechs Folgen zur besten Sendezeit ausstrahlt, dann nützt es dem Beruf mehr, als es schadet.

„Pflegefachkräfte retten täglich Leben, riskieren täglich ihr eigenes und arbeiten oft über ihre Belastungsgrenze hinaus“, heißt es im Vorspann der sechsteiligen Serie. Aber das stimmt ja auch, oder? Warum es daher also nicht mal auf diese Weise zeigen?

Sat.1 fragt ja auch Pflegefachpersonen der Klinik, was sie von dem Format erwarten. Die Antwort: „Dauerhafte Wertschätzung. Dass die Leute erkennen, wir facettenreich und verantwortungsvoll unser Beruf ist und damit man nachvollziehen kann, dass die Pflege nicht nur von Applaus lebt.“ Und ich meine, dass genau das erreicht wird: Die Promis erleben quasi am eigenen Körper, wie sich der Pflegenotstand für Pflegekräfte, Ärzte und Patienten anfühlt. Sie sehen, wie wir unter Druck stehen, wie wir mit wenig Personal so viel leisten müssen.

Mir gefällt, dass die Folgen unterschiedliche Facetten zeigen, weil die Promis tatsächlich (unter Aufsicht persönlicher Mentorinnen) unter anderem Drainagen ziehen, Verbände wechseln, Betten beziehen, Patienten waschen und Essen anreichen müssen. Dabei kommt es selbstverständlich zu Gesprächen und Kontakten mit den Patienten. So entstehen schöne, aber auch schmerzvolle Momente. Ja, diese Emotionen verlangt das Format, aber vergleichbare Augenblicke habe auch ich in meinem Berufsalltag schon erlebt.

Promis und Zuschauer können nachvollziehen, wie traurig es uns macht, dass wir durch den Personalmangel unsere Arbeit nicht so ausüben können, wie wir es gelernt haben, weil wir zum Beispiel nicht genug Zeit haben, um diverse Prophylaxen durchzuführen oder die Körperpflege zuweilen auf ein Mindestmaß reduziert werden muss. Ganz zu schweigen von ganzheitlichen Aspekten, wie dem Vorlesen einer Gute-Nacht-Geschichte, um jungen Patienten am Abend die Angst zu nehmen.

Ich mag „Die Herzblut-Aufgabe“, da Promis und damit auch den Zuschauern klar wird,

  1. welche vielfältigen Aufgaben der Pflegeberuf umfasst,
  2.  welche emotionale und körperliche Belastung sowie empathische Herausforderung der Beruf mit sich bringt,
  3.  wie die Teambildung im Krankenhaus funktioniert, also wie verschiedene Berufsgruppen zusammen und miteinander arbeiten,
  4.  wo Pflege und Medizin an ihre Grenzen stoßen und,
  5.  dass der Beruf Freude machen kann und Teamarbeit wichtig ist.

Also: Ich fand Faisal Kawusi, Wayne Carpendale, Jenny Elvers, Jorge González, Lilly Becker und Patrick Lindner gut. So erfahren alle: Pflege ist so viel mehr!

Contra

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Stefan Heyde

Stefan Heyde ist gewählter Vertreter der Landespflegekammer, Mitglied im Kreistag Mainz-Bingen und aktiv im Berufsverband der Altenpflege (BBVA). Außerdem arbeitet der Gesundheits- und Krankenpfleger im Landespflegebeirat Verdi und hat 2015 die Aktion „Pflegekräfte in Not“ gegründet.

Wie viel „Herzblut“ muss die Pflege noch ertragen? Diese Frage stelle ich mir häufiger. Jüngst bei der TV-Serie „Die Herzblut-Aufgabe“, die der Sender Sat.1 ausgestrahlt hat, bei der mal wieder einige Prominente zum Wohle der Quote in die Pflege durften, natürlich nicht ohne vorher einen „Crashkurs“ von immerhin zwei Tagen mit einer Abschlussprüfung zu absolvieren. Ein Schlag ins Gesicht aller Pflegefachpersonen, die unendlich viel Zeit mit Aus- und Fortbildung verschwendet haben.

Was dann folgt, kann einen als Pflegefachperson einfach nur fassungslos, kopfschüttelnd und wütend zurücklassen. Es wird wieder einmal das große Klavier gespielt: Gefühle, Emotionen und Aufgaben. Fast wie im Dschungelcamp, nur eben im Krankenhaus – „Ich bin eine Pflegekraft, holt mich hier raus!“

Ein Promi mit zweitägiger Ausbildung zieht einen Drainageschlauch. In diesem Moment stockte mir der Atem. In der Ausbildung durfte ich so was erst in der Mitte des zweiten Jahres und dabei hatte ich meinen Mentor mit strengem Blick hinter mir. Vorab musste ich etliche Male alles dazu aufzählen und wiederholen, ich musste Grundlagen erlernen und mich vorbereiten. Der Promi wird aber vom Sender mit einem eigenen Tweet bei Twitter gefeiert.

In einer anderen Situation sticht sich ein anderer Promi an einer Nadel, immerhin noch steril – welch ein Glück für alle Beteiligten, aber was wäre gewesen, wenn ebendieser Promi vorher einen Patienten damit gestochen hätte? Ein unglaubliches Gefahrenpotenzial für alle Beteiligten. So viel kann in solchen Momenten so schnell schiefgehen.

Und wieder einmal spielt man damit die berühmte „Pflegen-kann-jeder“-Karte aus. Man sollte meinen, Politik und Gesellschaft schaffen es, diesen riesengroßen Fehler endlich einmal abzulegen und die Professionalität dieser Berufsgruppe anzuerkennen.

Ich muss mir vorstellen, wie es wohl gerade für alle Beteiligten ist. Auf der einen Seite die Pflegekräfte in Unterbesetzung und normalem Alltag mit einem zusätzlichen „Praktikanten“ inklusive Kamerateam am Bein und auf der anderen Seite die Patienten mit ihren Krankheiten, Nöten und Ängsten, die sie wahrscheinlich vor der Kamera verbergen oder unterdrücken. Welcher Mensch hat schon in solch einer „Ausnahmesituation Krankenhaus“ dann auch noch gern die Kamera im Gesicht und dazu einen grinsenden oder entsetzten Promi?

Als die Sendung vorbei ist, bin ich fassungslos.Ich sitze einige Minuten da und kann mein pures Entsetzen und meinen Zorn kaum in Worte fassen. Wie vielen Pflegekräften wird es in diesem Moment ähnlich da draußen gehen?

Für die Quote wird wirklich alles getan, da werden „Promis“ auch gerne zu Pflegekräften. Denn wie wissen Pflegekräfte ja schon lange: „Pflegen kann jeder!“

Näheres zur Serie und alle Folgen von „Die Herzblut-Aufgabe“ finden Sie hier: https://t1p.de/irig3

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Foto: wdv Gesellschaft für Medien & Kommunikation mbH & Co. OHG, Bad Homburg, Germany

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