Pflegeausbildung

Praxisanleiter, zeigt mehr Verständnis für die Generation Y!

Information vermitteln reicht nicht. Auch die Beziehungsebene muss stimmen, meint Buch-Autorin Renate Rogall-Adam

Inhaltsverzeichnis

Damit es mit der Beziehungsebene besser klappt, hat Renate Rogall-Adam das Buch „50 Tipps für eine effektive Praxisanleitung in der Altenpflege“ geschrieben. Es ist jetzt in einer aktualisierten Neuauflage erschienen. Ein guter Anlass für ein Interview mit der Diplom-Pädagogin und Supervisorin.

pflegen-online: Mit Ihrem Buch „50 Tipps für eine effektive Praxisanleitung in der Altenpflege“ soll es Praxisanleiterinnen in Pflegeheimen besser gelingen, Auszubildende in die Berufspraxis einzuführen. Was läuft denn schief?

Renate Rogall-Adam: Bei meinen Weiterbildungsveranstaltungen hatte ich manchmal den Eindruck, dass die Anleitung in den Pflegeeinrichtungen so nebenbei geschieht. Häufig wird aufgrund von Zeit- und Personalmangel zu plan- und ziellos angeleitet. Die Anleitung hat wenig Struktur, und es ist nicht immer klar, was auf welche Weise erreicht werden soll.

Die Aufgabe der Praxisanleitung besteht aber darin, die Auszubildenden schrittweise und zielgerichtet in die eigenständige Wahrnehmung und Durchführung der beruflichen Aufgaben einzuführen. Mit den „50 Tipps“ gebe ich wichtige Strategien und Anregungen für die Gestaltung des Beziehungsprozesses zwischen Anleiterin und Auszubildenden an die Hand. Der Bereich der Kommunikation wurde bewusst als Schwerpunkt gewählt. Gute Kenntnisse in Fragen der Kommunikation und der Gesprächsführung sind eine wichtige Voraussetzung für die Anleitungstätigkeit.

Welchen Stellenwert hat denn ganz grundsätzlich die Anleitung durch Praktikerinnen und Praktiker im Rahmen der Pflegeausbildung?

Die Praktiker sind die Experten und Expertinnen der Praxis. Sie bringen umfangreiche pflegerische Kompetenzen mit. Pädagogische Kompetenzen sind sicherlich gegeben. An diesem Punkt ist noch einiges zu tun. Die Praxisanleiterinnen führen durch einen geplanten und reflektierten Anleitungsprozess in die Anforderungen des Berufsfeldes ein. Durch Anleitung und Beratung prägen sie die fachliche Ausbildung und tragen zur persönlichen Entwicklung der Auszubildenden bei.

Wenn Sie Ihre 50 Tipps auf drei reduzieren müssten, welches sind die drei wichtigsten Ratschläge? Anders gefragt: Welche Ratschläge würden Sie auf keinen Fall aus dem Buch streichen?

Für mich sind die folgenden drei Tipps besonders wichtig: Erstens: Anerkennung und Wertschätzung auszusprechen (Tipp 20). Zweitens: Die Grundregeln der Kommunikation zu beachten (Tipp 12). Und schließlich drittens: Ziele für die einzelnen Anleitungssituationen zu formulieren (Tipp 24).

Das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung hat jeder Mensch. Es ist darum überaus wichtig, diese in der alltäglichen Anleitungsarbeit auszusprechen. Anerkennung und Wertschätzung stärken die Person und motivieren zu guten Leistungen.

In einem Anleitungsgespräch geht es nicht nur um die Weitergabe von Informationen. Es wird auch deutlich, wie die Praxisanleiterin und die Auszubildende zueinander stehen. Darum genügt es nicht, dass man nur zur Sache spricht, man muss auch zu dem Menschen sprechen. Wenn in der Anleitung die Sach- und die Beziehungsebene gleichrangig vorkommen, wird der Erfolg der Anleitung gesteigert und die Auszubildenden sind zufriedener.

Im Blick auf die Ziele ist es wichtig, dass die Praxisanleiterin Ziele für die einzelnen Anleitungssituationen formuliert. Sind diese eindeutig, können sie Richtschnur für Auszubildende und Praxisanleiterin sein.

Tipp 13: Loben lernen

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Anleiterinnen sollen Auszubildende fördern, im Beruf weiterbringen. Sie entscheiden aber auch mit über das Schicksal der jungen Menschen, indem sie mit ihnen am Ende der Ausbildung ein Beurteilungsgespräch führen. Welche Konflikte können sich daraus ergeben und wie gehen Anleiterinnen am besten damit um?

Schriftliche und mündliche Beurteilungen sind Teil von Ausbildung und Praxisanleitung. Sie geben den Auszubildenden Rückmeldung darüber, wo sie im Blick auf ihre Ausbildung stehen und worauf sie achten müssen. Beurteilungsgespräche sind so zu gestalten, dass sie förderlich und kein Anlass zu Angstbildung sind.

Damit die Beurteilung nicht beliebig erfolgt, benötigen Praxisanleiterinnen Instrumente zur Beurteilung. Das kann etwa ein klar strukturierter Beurteilungsbogen mit den zu erlernenden Kompetenzen sein. Dazu gehören weiterhin Kriterien, die zu beobachten sind. Für kommunikative Kompetenz geht es zum Beispiel um: Kontakt aufnehmen, zuhören, beobachten, wertschätzen, akzeptieren, informieren, Kritik annehmen und Kritik äußern.

Um Konflikte zu vermeiden, sollten der Ablauf einer Beurteilung und die Bewertungskriterien zu Beginn der praktischen Ausbildung den Auszubildenden mitgeteilt werden, damit diese wissen, was und wie beurteilt wird.

Ich halte es auch für wichtig, dass die Auszubildenden lernen, sich selbst einzuschätzen. Nach Abschluss einer Handlung schätzt als erster der Auszubildende sich selbst ein: Was ist mir gelungen? Womit hatte ich Schwierigkeiten? Erst dann erfolgt die Einschätzung durch die Praxisanleiterin. Für eine realistische Selbsteinschätzung sind die Fähigkeit zur Selbstkritik und die Annahme von Fremdkritik notwendig.

Bei aller Bemühung um Objektivität sind Fehler in der Beurteilung nicht ganz auszuschließen. In die Wahrnehmung der Praxisanleiterin gehen auch subjektive Momente der eigenen Lebensgeschichte und eigenen beruflichen Sozialisation ein. Um möglichst gerecht und objektiv zu beurteilen, sollten Praxisanleiterinnen die häufigsten Wahrnehmungsfehler kennen.

Neu in der 4. Auflage ist, dass die Anleiterinnen im Blick haben sollten, zu welcher Generation die Auszubildenden gehören und was typisch für diese Generation ist. Welche Erkenntnis wollen Sie hier vermitteln? Und wie sind Sie überhaupt auf dieses Thema gestoßen?

Durch Rückmeldungen aus der Praxis wurde ich auf dieses Thema aufmerksam. In der Praxisanleitung erweist sich das Thema zunehmend als Herausforderung.

Der Pflegealltag wird heute vorwiegend von drei Generationen geprägt: den „Babyboomern“, geboren zwischen 1955 und 1970; den Angehörigen der „Generation X“, Jahrgang 1970 bis 1985, sowie der „Generation Y“, geboren zwischen 1985 und 2000.

Aufgrund ihrer jeweiligen Sozialisation haben die verschiedenen Generationen unterschiedliche Einstellungen, etwa im Blick auf Werte, den Sinn des Lebens, Arbeitsethos, Kommunikation und den Umgang miteinander. Diese Unterschiede enthalten Konfliktpotenziale.

Für die Praxisanleiterin ist es hilfreich, am Beginn der Praxisanleitung zu reflektieren: Zu welchem Generationstyp gehört der Auszubildende? Welche Einstellungen und Eigenschaften werden bei ihm deutlich? Welcher Generation fühle ich mich selbst zugehörig? Wodurch bin ich geprägt? Bei Konflikten kann man fragen: Gibt es Einstellungen und Werte bei der Auszubildenden beziehungsweise bei mir, die zu dem Konflikt geführt haben?

Es geht also darum, nicht nur die Besonderheiten der Auszubildenden zu betrachten, sondern auch die eigenen Prägungen im Blick zu haben. Dabei hat jede Generation ihre Stärken und Schwächen.

Können Sie diese Konflikte an einem konkreten Beispiel verdeutlichen?

In der Praxisanleitung treffen gegenwärtig vorrangig „Babyboomer“ (Praxisanleiter) und die „Generation Y“ (Auszubildende) aufeinander.

Die prägenden Erfahrungen der „Babyboomer“ sind Wirtschaftswunder, gesellschaftlicher Umbruch der 68er Jahre und die Frauenbewegung. Die Arbeit hat für sie einen hohen Stellenwert. Sie sind intrinsisch geprägt, gute Arbeit zu leisten. Sie verfügen aber auch über ein hohes Maß an Empathie.

Die „Generation Y“ hat das selbstständige Lernen gelernt und sie erwartet, dass Lernstoff und Lernmethode auf ihre persönlichen Bedürfnisse abgestellt werden. Sie hat ein hohes Bedürfnis nach Sicherheit und den Wunsch nach kontinuierlicher Anerkennung. Der Wunsch nach Selbstverwirklichung ist stark ausgeprägt. Das „puritanische“ Arbeitsethos der „Babyboomer“ teilt sie nicht. Sie wird teilweise als fordernd und hochmotiviert, teilweise als unmotiviert und sorglos erlebt. Die Konflikte, die daraus entstehen können, liegen auf der Hand!

Sehr aktuell in Ihrem Buch ist die Neuordnung in der Pflegeausbildung mit dem neuen Pflegeberufegesetz, das ab 2020 in Kraft tritt. Welche Auswirkung hat dieses Gesetz auf die Praxisanleitung?

In der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung wird der Praxisanleitung ein höherer Stellenwert zugemessen: Die praktische Ausbildung umfasst mindestens 1.300 Stunden. Im Pflegeberufegesetz ist festgelegt, dass zehn Prozent der praktischen Ausbildung – mindestens 250 Stunden - als Praxisanleitung stattfinden müssen. Für die Praxisanleiterinnen sind eine berufspädagogische Zusatzqualifikation im Umfang von mindestens 300 Stunden und eine kontinuierliche, insbesondere berufspädagogische Fortbildung von mindestens 24 Stunden jährlich nachzuweisen. Die Praxisanleitung erhält dadurch einen deutlich höheren Stellenwert, was zu begrüßen ist.

Interview: Michael Handwerk

Über Renate Rogall-Adam

Die Diplom-Pädagogin und Supervisorin (DGSv) war Dozentin für Fort- und Weiterbildung im Gesundheitswesen und Lehrbeauftragte an der Fachhochschule Hannover im Studiengang Pflege.

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