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Pflegedirektor Sebastian Dienst (l.) und DKG-Präsident Gerald Gaß

Personalbemessung

PPR 2.0 – gut oder eher nicht? 

Das Instrument PPR 2.0 soll eine ausreichende Personalbesetzung im Krankenhaus sicherstellen. Jetzt kommt es ganz schnell. Darüber freuen sich die meisten, aber nicht alle – ein Pro (Gerald Gaß, DKG) und ein Contra (Sebastian Dienst, Deutsches Herzzentrum)    

Das Personalbemessungsinstrument PPR 2.0 hat zweieinhalb Jahre im Bundesgesundheitsministerium (BMG) zur Entscheidung gelegen und man hatte den Eindruck, das BMG lebt hier nach dem Motto: Drum prüfe, wer sich ewig bindet. Dabei geht es bei PPR 2.0 gar nicht um eine ewige Bindung. Alle sind sich darin einig: Die PPR 2.0 kann lediglich ein Übergangsinstrument sein.

Und dieses Übergangsinstrument soll jetzt doch sehr schnell kommen. Der Fahrplan für das Gesetz geht auf die Überholspur. Noch vor der parlamentarischen Sommerpause will Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), laut einer Ministeriumssprecherin, erste Eckpunkte vorstellen. Lauterbach stehe mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), der Gewerkschaft Verdi und dem Deutschen Pflegerat in engem Kontakt – mit den drei Interessenverbänden also, die die PPR 2.0 zusammen entwickelt haben. Bis zur Einführung der PPR 2.0, so heißt es im BMG, sollen die Pflegepersonaluntergrenzen (PPUG) bestehen bleiben, sie seien als „rote Linie – auch zum Schutz des stark belasteten Pflegepersonals – weiterhin notwendig“.

Allerdings: Nicht alle sind froh, dass nun die PPUG durch die PPR 2.0 abgelöst werden. Um mehr über die Argumente der Gegner und Befürworter zu erfahren, haben wir den DKG-Präsidenten Gerald Gaß als einen an der Entwicklung der PPR 2.0 maßgeblich Beteiligten um einen Pro-Beitrag gebeten – und den Kritiker Sebastian Dienst, Pflegedirektor im Deutschen Herzzentrum Berlin um einen Contra-Beitrag.          

Gerald Gaß: Pflegewissenschaft kann PPR 2.0 sofort weiterentwickeln 

Das Statement des DKG-Präsidenten: „Die Pandemie hat gezeigt, dass insbesondere das Pflegefachpersonal das Nadelöhr der Versorgung ist. Zugleich ist die wichtigste Botschaft der Pflegefachkräfte, dass sie mehr Kolleginnen und Kollegen brauchen, um ihre Arbeit fachgerecht erledigen zu können. Wir brauchen hier also ein klares Zeichen und ernstzunehmende Schritte, um den Mitarbeitenden zu zeigen, dass wir ihre Probleme mit Belastung und Überlastung ernst nehmen. Bei der Personalbemessung muss der Pflegebedarf der Patienten in den Mittelpunkt gestellt werden. Wir müssen uns von Untergrenzen verabschieden, die rein statistische Größen ohne Versorgungsbezug sind und bürokratischen Mehraufwand erzeugen. Diese Bedarfsbemessung muss Grundlage für Pflegebudgets und Finanzierung werden. Wir können aber die Pflegekräfte nicht ewig vertrösten bis in einigen Jahren ein neues wissenschaftlich fundiertes Instrument ausgearbeitet ist. Es gibt ein erprobtes, anerkanntes und von den verschiedenen Seiten – Gewerkschaft, Pflegerat und Deutsche Krankenhausgesellschaft – gemeinsam entwickeltes Instrument: die PPR 2.0, die als Interimsinstrument sofort genutzt und dann von der Pflegewissenschaft weiterentwickelt werden kann.“

Lange Zeit heißt es aus der DKG: „Wenn wir noch weiter warten, geben wir damit unseren Pflegerinnen und Pflegern das Signal, dass sich nie etwas ändert. Wir brauchen aber jetzt ein deutliches Zeichen an die Beschäftigten und an diejenigen, die zukünftig in der Pflege arbeiten möchten. Ihnen müssen wir mitteilen, dass der Personaleinsatz demnächst tatsächlich nach Bedarf geplant wird und wir uns aus der Mangelverwaltung verabschieden. Ein solches Zeichen wäre schon in der Pandemie wichtig gewesen. Nun erwarten wir, dass der Koalitionsvertrag umgehend umgesetzt wird.“

In einer aktuellen Stellungnahme sagt Gerald Gaß außerdem: „Die baldige Einführung der PPR 2.0 begrüßen wir sehr. In unserem Verständnis soll die PPR 2.0 allerdings auch die PPUG weitestgehend ersetzen. Die DKG verweigert sich allerdings nicht, die Untergrenzen in Einzelfällen bei sehr deutlicher Unterbesetzung vorübergehend weiter anzuwenden.“

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Sebastian Dienst: Nurse-to-Patient Ratio sind besser

Sebastian Dienst, Pflegedirektor des Deutschen Herzzentrums Berlins (DHZB), sieht die Notwendigkeit nicht,  „jetzt schnell irgendetwas einzuführen“. Schließlich heiße es in einem Gesetz, dass ein neues wissenschaftlich fundiertes Pflegepersonalbemessungsinstrument in den kommenden drei bis vier Jahren entwickelt und eingeführt werden soll – die PePiK (Pflegepersonalbemessung im Krankenhaus). Was ihm wichtig ist:

  • Messung in Echtzeit, um Schaden von Patientinnen und Patienten fernzuhalten
  • Messung digital, aus bestehenden Daten
  • Messung auf Stationsebene und schichtgenau
  • zukunftsfähige und international vergleichbare Messung

„Ich glaube, dass die PPR ein gutes Instrument ist zur Plausibilisierung bestimmter Aspekte, aber bestimmt kein zukunftsfähiges Personalbedarfsbemessungsinstrument, wie wir es brauchen. Aus allen internationalen Studien wissen wir, dass die Nurse-to-Patient Ratio (Zahlenverhältnis Pflegefachperson zu Patienten) maßgeblich ist für den Outcome in der Pflege. Die PPR und alles, was bis jetzt über PPR 2.0 bekannt ist, misst keine Nurse-to-Patient Ratio. Sie misst Pflegeminuten und setzt sie dann mit einem Personalanteil in Verbindung, wo wohl auch Hilfskräfte mit inkludiert werden sollen.

Weiter ist unklar, ob den resultierenden Monatsminuten Stellenpläne oder konkrete Dienstpläne gegenübergestellt werden. Ich befürchte außerdem, dass die PPR 2.0 gedeckelt ist. Das ist beim Pflegebudget nicht so. Es wundert mich daher, dass Vertreter der Pflege ein System fordern, das durch Minutenwerte gedeckelt ist, und nicht ein ungedeckeltes im Bereich der Fachkräfte. Was ich bis heute nicht wirklich herausfinden konnte, ist, was in die Klassifizierungen A (Allgemeine Pflege) und S (Spezielle Pflege) eigentlich zählt: Sind es die erbrachten Tätigkeiten oder die notwendigen? Die PPR war ein Durchführungsnachweis und ich habe bis jetzt in allen Veranstaltungen zur PPR 2.0 diese Frage gestellt und keine klare Antwort bekommen. Für mich ist ein Instrument mit Durchführungsnachweis kein neues, modernes Instrument. Und es hat rein gar nichts mit einer Bedarfsermittlung zu tun.

Fest steht, dass vieles um die PPR 2.0 unklar ist und ich plädiere dafür, dass die PPUG als absolute Untergrenze weiterhin Bestand haben, bis die PePiK kommt. Denn mit ihnen hatten wir in den letzten zwei Jahren eine Transparenz über die echte Versorgung in Deutschland auf den Stationen und mit dem Pflegepersonalstärkungsgesetz (PpSG) eine ungedeckelte Gegenfinanzierung bei der Pflege am Bett. Ich finde es nach wie vor schwierig alles zu riskieren, um ein Übergangsinstrument einzuführen, während mit dem Paragrafen 137 k etwas erschaffen werden soll, hinter dem nun wirklich kein Fragezeichen stehen kann. Dennoch ist die Einführung der PPR 2.0 ein wichtiges Signal an die Pflege und kann dazu dienen, verlorengegangenes Vertrauen in die Politik wieder herzustellen. Denn schließlich ist die Einführung des Interimsinstruments Teil des Koalitionsvertrages. Allerdings ist das auch vielleicht nicht das stärkste Argument für die PPR 2.0. Auch Verdi war einmal für die PPR 2.0, streikt allerdings seit Wochen in NRW für eine Patienten-Personal-Relation. Auch wenn das mit PPR abkürzbar ist, ist es nicht dasselbe.“

Koordination: Alexandra Heeser

Foto: Gunnar Göpel

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Foto: Hug: P. Dehm | Witt: Diakonieklinikum Hamburg

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Foto: EGHStock - stock.adobe.com

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