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Corona-Pandemie

„Politik ignoriert Belastung von Intensivkräften“ 

Intensivmediziner Uwe Janssens kritisiert im Interview den scheidenden Gesundheitsminister Jens Spahn und DKG-Chef Gerald Gaß: Mit der Forderung nach einem Ende der nationalen Notlage würden sie die Situation auf den Intensivstationen verdrängen 

Der Professor für Intensivmedizin gehört zu jenen Medizinern und Wissenschaftlern, die durch die Pandemie zu einer Person des öffentlichen Lebens geworden sind: Als Präsident der Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) saß Uwe Janssens bis Ende 2020 in zahlreichen TV-Pressekonferenzen und Talkshows. Aber auch als Past-President meldet er sich noch immer zu Worte. Im Interview mit pflegen-online beklagt Janssens, dass die Situation auf den Covid-Intensivstationen verdrängt und die Belastung der Pflegekräfte und Ärzte unterschätzt wird.            

pflegen-online: Ein Fünftel der maximal betreibbaren Beatmungsplätze, sogenannte High-Care-, und 35 Prozent der Low-Care-Betten auf Intensivstationen sind aufgrund von Personalmangel augenblicklich gesperrt. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der DIVI und der Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin (DGIIN), an der sie beteiligt waren.  Worauf führen Sie diese dramatische Lage der Intensivstationen zurück?

Dr. Uwe Janssens: In unserer aktuellen DIVI-Befragung unter 643 erfahrenen Intensivmedizinern wurde deutlich, dass der Hauptgrund für die Bettenschließungen auf den Intensivstationen der Pflegepersonalmangel ist. 75,4 Prozent der befragten, vorwiegend Chef- und Oberärzte geben an, dass es an Pflegepersonal, 6,7 Prozent, dass es an ärztlichem Personal fehle. 6 Prozent sagen, es mangele an Ärzte- und Pflegepersonal. Das ist dramatisch! Erfreulicherweise werden die Personaluntergrenzen eingehalten, so dass Betten dann auch nicht mehr betreibbar sind.

Hat dieser Personalmangel auch mit der Corona-Pandemie zu tun?

Nein, Corona hat jetzt nur noch einen draufgesetzt. Personalmangel hatten wir ja vorher schon. Der Bund hatte gerade aus diesem Grund 2018 die „Konzertierte Aktion Pflege“ ins Leben gerufen, die, wie ich finde, bisher wenig erfolgreich war. Jens Spahn betont zwar heute noch, dass sich seitdem mehr Menschen für den Pflegeberuf entschieden und eine Pflegeausbildung begonnen hätten. Auf der anderen Seite haben wir das gravierende Problem der zunehmenden Überalterung in der Pflege. Das heißt, am anderen Ende verlassen Pflegekräfte ihren Beruf, weil sie die Altersgrenze erreicht haben. Wir verlieren im Moment mehr Pflegekräfte in Deutschland, als wir dazugewinnen.

In den letzten Jahrzehnten wurde versäumt, den Beruf attraktiver zu gestalten. Es wurde zu wenig dafür getan, den Beruf personell, finanziell und mit mehr Kompetenzen auszustatten. Unsere Gesellschaft sollte sich dessen viel mehr bewusst werden. In den ersten drei Monaten der Pandemie wurde geklatscht, im Herbst 2020 wurde gar nicht mehr geklatscht. Da war die Situation drei-, viermal so schlimm. Die Gesellschaft muss schlussendlich erkennen: Wir rennen in allen Pflegebereichen, sowohl im ambulanten wie im stationären Sektor, in ein enormes Problem.

Kommt nicht auch noch hinzu, dass die mentale Gesundheit des medizinischen Personals auf den Intensivstationen – auf den Normalstationen und in der Altenpflege aber genauso – während der Pandemie sehr gelitten hat?

Vollkommen richtig. Wir haben zum Beispiel gefragt: Hat Ihr Team psychosoziale Unterstützung erhalten? Nur 33 Prozent gaben an, Unterstützung erhalten zu haben. Das muss man sich mal vorstellen! Das heißt 67 Prozent der Teams erhielten keine psychosoziale Unterstützung. Wir haben in Deutschland nur ganz wenige Kliniken, die Psychologinnen und Psychologen eingestellt haben, um die Teams in ihrer Arbeit zu unterstützen. Gerade die Arbeit in den Intensivstationen ist extrem belastend. Wenn ich dazu noch mitbekomme, wie wir – ich genauso – immer wieder beschimpft werden, weil man uns das abspricht. Das ist wirklich kein Vergnügen. Jetzt erst erhielt ich wieder eine lange Hass-Nachricht, weil ich gesagt habe: Ihr müsst mehr auf das Pflegepersonal schauen. Es kann nicht mehr.

67 Prozent der Teams erhielten keine psychosoziale Unterstützung. Das muss man sich mal vorstellen!

Was haben Sie gedacht, als Sie hörten, dass der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn das „Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ vom 28. März 2020 zum 25. November 2021 auslaufen lassen will?

Da bin ich sehr erstaunt gewesen. Von der Politik würde ich mir wünschen, dass sie nicht so tut, als würde demnächst der Freedom Day ausgerufen. Das ist kompletter Unsinn! Hat Herr Minister Spahn auch nicht getan, aber indirekt ist dieser Eindruck schon entstanden. Die kommende Ampel-Regierung hat sich dem Plan unseres scheidenden Gesundheitsministers angeschlossen und plant Überbrückungsregeln bis zum kommenden März.

Angesichts der augenblicklichen Situation mit den erheblich steigenden Infektionszahlen brauchen wir klare Regelungen, die bundeseinheitlich sind. Und: Wir müssen die Impfungen am Laufen halten. Mein Eindruck ist nicht, dass damit Menschen Unrecht getan wird. Ich finde, dass wir uns alle gemeinsam gegen das Virus stellen müssen.

Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft Dr. Gerald Gaß stößt seine Leute vor den Kopf, wenn er jetzt die Situation verharmlost und sich dafür ausspricht, die Maßnahmen auslaufen zu lassen. Mittlerweile ist er ja auch zurückgerudert und er betont die drohende Überlastung der deutschen Krankenhäuser und Intensivstationen. Oder der Virologe, Epidemiologe und ehemalige Experte der Weltgesundheitsorganisation Dr. Klaus Stöhr, der sagt, die Krankenhäuser könnten das problemlos stemmen. Ich glaube nicht, dass er ein genaues Bild von den tatsächlichen Belastungen auf den Intensivstationen oder Normalstationen hat.    

Das heißt, Sie sehen in der gesellschaftlichen und politischen Diskussion viel zu wenig berücksichtigt, dass die Folgen der Neuinfektionen wieder jemand auffangen muss?

Absolut. Absolut. Die Bilder von kompetentem Personal, von Hightech-Medizin und geordneten Abläufen suggerieren eine hohe Sicherheit. Die Leute wollen und können sich – was man ja verstehen kann – nicht in die Situation der betroffenen Patienten und ihrer Angehörigen hineinversetzen. Denn hinzu kommt noch, dass von den Intensivpatienten, die eine schwere Covid-19-Erkrankung überlebt haben, viele auch ein sogenanntes schweres Post-Intensiv-Syndrom davontragen.

Tatsächlich ist die schwere Covid-19- Erkrankung eine unglaubliche Belastung. Auch für die Pflegekräfte, die jeden Tag in eine solch große Unit kommen müssen. In der Charité waren im letzten Winter weit über 100 Covid-19-Patienten gleichzeitig beatmet. Das kann man sich gar nicht vorstellen. Dann gehen sie zum Teil in die 1:1-, 1:2- oder 1:3-Betreuung der Patienten. Viele der von ihnen zum Teil über Wochen betreuten Patienten überleben die schwere Erkrankung nicht: Über 50 Prozent der beatmeten Patienten versterben nach wochenlanger Therapie. Und das bei dem hohen Anspruch an sich selbst, dass jede Patientin, jeder Patient überlebt!

Sie sind als Intensivmediziner selbst Betroffener. Sie erleben, dass diese Erfahrungen auch mental ausgehalten werden müssen. Sehen Sie diesen Aspekt ausreichend widergespiegelt?

Nein, das wird überhaupt nicht berücksichtigt. Die Vorstellung von dieser Tätigkeit ist irgendwie ganz weit weg. Jeder ist froh, wenn er mit den Bildern aus den Intensivstationen so wenig wie möglich in Berührung kommt. Doch wie sieht die Realität aus? Man kann der Gesellschaft nicht vorwerfen, dass sie davor die Augen verschließt, denn es hat eine gewisse Bedrohlichkeit. Selbst die Bilder der letzten Monate aus den Intensivstationen haben an dieser Haltung nichts ändern können.

Mir ist bewusst geworden: Die Bilder von der Flutkatastrophe lassen sich nicht verdrängen. Darunter können sich die Menschen etwas vorstellen: zerstörte Häuser, weggerissene Autos, Fluten in den Städten. Da hat auch keiner am Brandenburger Tor gestanden und demonstriert, die Regierung habe uns die Flutkatastrophe nur vorgegaukelt. Nur, für diesen enormen Stress im Gesundheitswesen im Zusammenhang mit Corona gibt es kaum Kompensationsmechanismen. In der Katastrophen- und Notfallmedizin haben wir Unterstützungsmaßnahmen. Wenn ein schwerer Unfall passiert unterstützen Seelsorger und Unfallpsychologen die Teams in der Aufarbeitung von dem, was sie da erlebt haben. In den Krankenhäusern ist das oft nicht der Fall, weil das finanziell überhaupt nicht abgebildet ist.

Pflegekräfte haben in der Pandemie die sozialen Bezugspersonen ihrer Patienten weitgehend ersetzen müssen.

Es ist nicht erkannt worden. Das ist eine Komponente, warum Pflegekräfte in den Krankenhäusern keine Unterstützung erfahren. Dabei ist die Pflege unverzichtbar, sie ist mit Gold nicht aufzuwiegen. Eine Mitarbeiterin aus der Pflege, die nach 45 Dienstjahren nun berentet wurde, sagte mir, die letzten 18 Monate seien mit das Schlimmste in ihrem Berufsleben gewesen: Die soziale Isolierung der Patienten in den Zimmern, das dauernde Umkleiden vor den Zimmern, die ganze Art des Arbeitens, die völlig veränderten Arbeitsabläufe, die strengen Hygienemaßnahmen, das stundenlange Arbeiten mit Maske in den Zimmern. Das ist alles sehr anstrengend und wird viel zu wenig berücksichtigt.

Laut einer DBfK-Umfrage vom Dezember 2020 beklagen auch Pflegekräfte in der Langzeitpflege höhere Belastungen durch die Unterweisung von Bewohnern und Besuchern, durch Testungen et cetera.

Vor allem wird die Gesellschaft noch lange damit zu tun haben. Es ist noch nicht vorbei. Es wird immer so getan, als ob alle geimpft wären. Das kann man so nicht stehen lassen. Es stimmt einfach nicht! Allein bei den über 60-Jährigen in Deutschland, das sind rund 24,1 Millionen Menschen, sind 15 Prozent nicht geimpft. Das sind drei Millionen Menschen. Das muss man sich mal vorstellen! Bei den 18- bis 59-Jährigen, das sind rund 45 Millionen, sind es immerhin 27,3 Prozent, die nicht doppelt geimpft sind. Das sind Millionen, die nicht geimpft sind! Dann müssen wir berücksichtigen, dass wir eine Minderschutzwirkung haben: Wir müssen davon ausgehen, dass wir vor einer schweren Covid-19-Erkrankung ja nicht in 100 Prozent der Fälle eine Schutzwirkung haben, Stichwort Durchbruchinfektionen. Deshalb kommt jetzt die von der STIKO empfohlene Booster-Impfung bei den Älteren.

Wenn ich den Beruf eines Arztes oder einer Pflegekraft ausübe, dann habe ich eine berufsethische Verpflichtung, mich impfen zu lassen.

Warum lassen sich noch immer nicht alle Ärzte und Pflegekräfte impfen?

Dafür gibt es eine breite Palette an Motiven über die ungern offen gesprochen wird. Einer meiner Mitarbeiter, ein hervorragender Pfleger, hat sich noch nie impfen lassen. Er lässt sich auch jetzt nicht impfen. Natürlich muss er dann zwei Mal in der Woche einen Corona-Test machen, Maske tragen et cetera. 24 Prozent der Impfunwilligen werden Sie mit nichts auf der Welt umstimmen können. – In den Krankenhäusern wird es zum Teil schon so gemacht, dass diese Personen aus der Versorgung von abwehrgeschwächten Menschen oder von Tumorpatienten rausgezogen werden.

Und wie stehen Sie selbst zu einer solchen Haltung?

Wenn ich den Beruf eines Arztes oder einer Pflegekraft ausübe, dann habe ich eine berufsethische Verpflichtung, mich impfen zu lassen – wenn ich schon nicht an mich selbst denke, dann doch wenigstens an die mir anvertrauten Personen. Ich habe diesen Patienten gegenüber eine Verpflichtung, ihnen so wenig wie möglich zu schaden. Und mit der Impfung kann ich zumindest das Risiko für die Patienten minimieren.

Über Prof. Dr. Uwe Janssens

Der 61-Jährige ist Past Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St. Antonius-Hospital in Eschweiler, wo 98 Prozent des Personals gegen Corona geimpft sind.

Sehen Sie sich auch das Video an, in dem Uwe Janssens die zehn Gründe zusammenfasst, die für das Impfen sprechen:   

Autorin: Melanie Klimmer 

 

 

 

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