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Julia-C. Stange arbeitet auf der Früh- und Neugeborenen-Intensivstation der Universitätsmedizin Mainz

Personalnot und Moral Injury

Pflegeprotest: Warum nicht mal den Verkehr lahm legen?

Murren und Online-Petitionen reichen nicht. Wer auf die schlechten Arbeitsbedingungen von Pflegekräften aufmerksam machen möchte, muss rausgehen, sich vernetzen – so wie das Bündnis Pflegeaufstand Rheinland-Pfalz. Interview mit Mitbegründerin Julia-C. Stange

pflegen-online: Frau Stange, Sie sind Mitgründerin des Bündnisses Pflegeaufstand Rheinland-Pfalz. Wie läuft es seit dem Start im September 2020?

Julia-C. Stange: Aktuell sind in unserem Bündnis Fachkräfte aus 81 Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern organisiert – das ist bis dato einmalig in Deutschland. 266 Kolleginnen und Kollegen aus dem Gesundheitswesen haben sich bislang über die Homepage pfausta.de registriert. 16 Gruppen und Organisationen haben zudem ihre Solidarität bekundet und unterstützen unsere Forderungen. Dazu gehören unter anderem der Hebammen-Landesverband Rheinland-Pfalz, Bündnis 90/Die Grünen, die SPD, Omas gegen Rechts, der Gesamtausschuss der Mitarbeitervertretung von Einrichtungen des Diakonischen Werks Pfalz und Die Linke aus Mainz. Auf unserer Facebook-Seite haben wir mehr als 2.330 Follower.

Sie richten sich in Rheinland-Pfalz an das gesamte Gesundheitswesen?

Ja, wir wollen berufsgruppenübergreifend eine Stimme für alle Mitarbeitenden sein und sie vernetzen. Denn wenn das Gesundheitssystem bleibt, wie es ist, explodiert es irgendwann – und das dauert auch nicht mehr lange. Es gibt so viele Bereiche, die wenigstens einen Wegweiser bräuchten, der festhält: Bis zu diesem Zeitpunkt müssen wir noch durchhalten, aber dann wird per Gesetz endlich nachgebessert. Dann würde jeder sagen: Okay, die Durststrecke bis dahin schaffen wir jetzt auch noch, aber ab da können wir wieder so arbeiten, wie wir das möchten und mit uns vereinbaren können.

Sie sprechen die moralische Verletzung von Pflegekräften an, die im Arbeitsalltag den Menschen nicht gerecht werden können und damit gegen das eigene Gewissen handeln?

Das ist ja der Punkt, der Pflegende zur Verzweiflung bringt: die absolute Unzufriedenheit, wenn man sich nach acht oder zehn Stunden Dienst fragen muss, was man denn heute eigentlich für den Menschen getan hat. War das wieder nur eine Grundversorgung und ein Zusehen, dass es hier ein Überleben gibt und man die Patienten irgendwie weiterreicht an die nächste Schicht? Oder bin ich inhaltlich zufrieden, habe ich einem Menschen wirklich Pflege angedeihen lassen, habe ich Angehörige mitgenommen? Bin ich dem Menschen gerecht geworden, tue ich etwas für seine Genesung? Oder habe ich wieder nur der Profitorientierung gedient, weil ich mit noch weniger Personal jetzt noch mehr Patienten auf dem Flur stehen habe. Das ist die große Diskrepanz, die Situation eskaliert gerade.

Was fordert Ihr Bündnis konkret für die Pflege?

  1. mehr Personal und verbindliche Personalvorgaben für alle Bereiche der professionellen Pflege
  2. tarifliche Bezahlung für alle und deutlich mehr Gehalt
  3. das DRG-Fallpauschalensystem für Krankenhäuser auf Bundesebene abzuschaffen und durch eine bedarfsgerechte Finanzierung zu ersetzen
  4. eine solidarische Pflegegarantie für die Altenpflege.

Mehr Personal hieße, dass keine Pflegekraft nachts allein im Dienst sein soll?

Gerade die Intensivstationen stehen ja derzeit sehr im Fokus. Doch vielfach sind es die Peripherstationen, die am Limit laufen, weil sie einen ganz anderen Stellenschlüssel haben und die Pflegenden dort allein für 30 oder 40 Patienten zuständig sind. Wenn man hier per Gesetz sagen würde: Niemand mehr nachts allein im Dienst, würde das allen Stationen helfen. Solche Dienste sind einfach für keine Pflegekraft mehr machbar, auch angesichts der Krankheitsbilder, die immer komplexer werden.

Ist das ein Teil Ihrer Öffentlichkeitsarbeit – klar nach außen zu tragen, wie anspruchsvoll der Pflegeberuf ist?

Leider ist es so, dass viele in der Bevölkerung noch immer denken, dass wir nur wegen des Geldes auf der Straße sind. Dabei geht es uns schon lange nicht mehr allein ums Gehalt. Sondern darum, dass der Mensch wieder in den Mittelpunkt der Pflege rückt und die Ökonomisierung, die Profitorientierung der Krankenhäuser ein Ende findet. Selbst in der Politik ist manchen aber immer noch nicht klar, was Pflege heute wirklich bedeutet und wie hochprofessionell der Beruf inzwischen ist. „Pflege kann jeder“ – bei solchen Sätzen wird mir schlecht.

Was hat Ihr Bündnis in dieser Hinsicht bislang erreichen können? Und welche Aktionen sind dieses Jahr geplant?

Auf der öffentlichkeitswirksamen Seite war unser größter Erfolg bislang die Pflege-Demo am 11. September 2021 in Mainz. Mehr als 800 Beschäftigte aus Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen haben daran teilgenommen, der Verkehr in der Stadt lag lahm. Unser Plan für dieses Jahr erstreckt sich über mehrere Aktionen zu besonderen Daten wie dem Tag der Pflegenden am 12. Mai. Auf unserer Tour de Pflege fahren wir im Sommer mit neuer Strecke zu verschiedenen Einrichtungen und Krankenhäusern.

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Rufen Sie Ihre Unterstützer auch zu einer erneuten Großdemonstration auf?

Eine große Demo wird wieder am 11. September stattfinden. Im Vorfeld dazu startet schon jetzt eine „Pflege-Rallye“. Den Auftakt hat am 8. Dezember 2021, dem Tag der Bundeskanzlerwahl, eine „Ampel-Aktion“ gemacht. Bei dieser Aktion appellierten wir an die Bundesregierung, ihre Ankündigungen aus dem Koalitionsvertrag schnellstmöglich und effektiv umzusetzen – allem voran die Einführung der aktualisierten Pflegepersonalregelung PPR 2.0. Im Verlauf der Pflege-Rallye wird nun ein Staffelstab in Form einer Ampel an verschiedene Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen in Rheinland-Pfalz weitergereicht. Jede Übergabe geht einher mit einer Veranstaltung der jeweils abgebenden Einrichtung, bei der die aktuellen politischen Entwicklungen im Bereich Pflege und Gesundheitswesen beleuchtet und bewertet werden.

Wäre es auf lange Sicht auch ein Ziel, die Bündnisse aus den einzelnen Bundesländern zu vernetzen?

Über Deutschland verteilt gibt es eine gute Anzahl verschiedener Bündnisse. Das ist auch wichtig, denn niemand soll mit seiner prekären Arbeitssituation, bedingt durch die gelebte Politik, allein dastehen. Und wenn erst einmal jedes Bündnis stabil in seinem Bundesland eine Vernetzungsstruktur aufgebaut hat, braucht es nur noch einen hellen Funken, um gemeinsam einen Flächenbrand zu entfachen.

Interview: lin

Über Julia-C. Stange

Die Fachkinderkrankenschwester arbeitet auf der Früh- und Neugeborenen-Intensivstation der Universitätsmedizin Mainz. 2001 hat sie ihre Grundausbildung absolviert, 2006 die Fachweiterbildung Intensiv- und Anästhesie-Pflege abgeschlossen. Sie engagiert sich als teilfreigestellte Personalrätin und ist im von ihr mit gegründetem Bündnis „Pflegeaufstand Rheinland-Pfalz“ aktiv.

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