DPT (Deutscher Pflegetag) 2020

Pflegekrise: Arbeitgeber reagieren träge

Der aktuelle Care Klima-Index von DPT und Deutschem Pflegerat stellt „erschreckend wenig Aktivitäten“ der Arbeitgeber fest

Inhaltsverzeichnis

Obwohl Fachkräfte umworben werden müssten wie Schönheitsköniginnen: Fast 40 Prozent der Pflegekräfte stellen eine Null-Aktivität bei ihrem Arbeitgeber fest, was attraktive Arbeitsbedingungen und Personalbindung betrifft.

37 Prozent sagen: Arbeitgeber unternimmt nichts für Arbeitsattraktivität

Vereinbarkeit von Familie und Beruf, verlässliche Dienstplanung, Prämien, Fortbildungen, moderner Führungsstil: Arbeitgeber in der Pflegebranche könnten und müssten so viel tun, um Personal finden – und zu binden. Fehlanzeige! 37 Prozent der in Deutschland tätigen Pflegefachpersonen bescheinigen ihrem Arbeitgeber, „überhaupt keine Maßnahmen“ zu ergreifen, um die Arbeitsplatzattraktivität im eigenen Haus zu erhöhen, damit wenigstens das knappe Personal, das schon da ist, auch da bleibt. Dies ist ein zentrales Ergebnis des jetzt zum dritten Mal veröffentlichten „Care Klima-Index“. Konzipiert und realisiert wurde der Care Klima-Index vom Deutschen Pflegerat und dem Deutschen Pflegetag (DPT) in Kooperation mit dem unabhängigen Befragungsinstitut Psyma in Nürnberg.

Care Klima-Index hat sich insgesamt verbessert

Wir alle kennen den GfK-Konsumklima-Index für die Verbraucher und den ifo-Geschäftsklima-Index für die Unternehmen. Der erstmals 2017 publizierte Care Klima-Index ist das Pendant dazu für die Pflege: Jährlich zeichnet er ein Lage- und Stimmungsbild für die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen. Er erfasst die Erfahrungen, Erwartungen und Anforderungen der Profession Pflege und verdichtet sie zu repräsentativen und belastbaren Trendaussagen.

Laut der jetzt in Berlin vorgestellten Studie für 2019 zeigt bei der Stimmung insgesamt der Pfeil nach oben: Im abgelaufenen Kalenderjahr lag der Care Klima-Index lag bei einem Wert von 97,3. Das sind zwei Punkte mehr als im Jahr zuvor. Damals war der Klimawert gegenüber dem Vorjahr noch um fast fünf Prozentpunkte abgestürzt.

Mehrere Reformen sind in Kraft getreten – Wirken sie auch?

Ein Grund für die Aufhellung des Branchenklimas: Es sieht aus, als hätte die Politik erkannt, dass sie in der Pflegebranche anpacken muss. Zahlreiche Gesetzesänderungen und Reformen hat die Gesundheitspolitik in den vergangenen drei Jahren auf den Weg gebracht: ein „Gesetz für bessere Löhne in der Pflege", ein Sofortprogramm zur unbürokratischen Finanzierung von neuen Stellen in Altenpflege und Krankenhäusern, eine „Konzertierte Aktion Pflege“ für bessere Arbeits- und Ausbildungsbedingungen – und schließlich die Professionalisierung und Aufwertung der Berufsausbildung.

Pflegekräfte fühlen sich jetzt stärker ernstgenommen

„Rekordverdächtig“, nennt das Andreas Westerfellhaus, der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung. Von der Politik fühlen sich deshalb viele Vertreter und Mitarbeiter der wachsenden Pflegebranche stärker wahr- und ernstgenommen als bisher. „Innerhalb der Profession Pflege ist die Botschaft offensichtlich angekommen, dass die Politik für die Pflege aktiv geworden ist“, sagte Stephanie Hollaus, Projektverantwortliche beim Befragungsinstitut Psyma.

Reformen sind noch nicht zu spüren

Das Problem dabei: Der Segen, den die Projekte der Gesundheitspolitik verheißen, können die allermeisten Pflegepersonen im Alltag (noch) nicht spüren. Dies liegt vielleicht auch daran, dass viele der in den vergangenen drei Jahren angeschobenen Gesetzesänderungen und Reformen erst jetzt, 2020, in Kraft treten. „Die Verbesserung der Stimmung im Care Klima-Index steht für den Deutschen Pflegerat in gewissem Widerspruch zur von uns wahrgenommenen Lage der Pflege“, sagt Franz Wagner, Präsident des Deutschen Pflegerats (DPR).

37 Prozent sagen: Arbeitsalltag hat sich verschlechtert

Wie die aktuelle Studie zeigt, hat sich der Arbeitsalltag in der Wahrnehmung von 37 Prozent der befragten professionell Pflegenden trotz bisheriger Reformen sogar verschlechtert. Das sind 11 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr und 18 Prozentpunkte über dem Ausgangswert von 2017. Noch deutlicher ist der Anstieg nach Ansicht von Pflegemanagement und akademischer Pflege. Hier hat sich der Wert von 2017 bis 2019 von 21 auf 43 Prozent mehr als verdoppelt.

Jeder zweite sagt: „Arbeitsbelastung zu hoch“

Eine Entspannung ist auch in Bezug auf die wirtschaftliche Situation nicht in Sicht: In allen drei Pflegesektoren (ambulante Pflegedienste, stationäre Pflegeeinrichtungen, Krankenhäuser) hat sich der Anteil derer, die die wirtschaftliche Lage als schlecht einschätzen, seit 2017 um 8 Prozentpunkte auf 43 Prozent erhöht.

Situation in ambulanter Pflege besonders schlecht

Besonders schlecht wird die Lage der ambulanten Pflege eingeschätzt. Hier erhöhte sich der negative Wert um 12 Prozentpunkte. Ihre Arbeitsbedingungen bewertet mit 56 Prozent noch immer die Mehrheit der Befragten als schlecht. Dies stellt zwar einen Rückgang um 4 Prozentpunkte dar, liegt aber noch immer über dem Vergleichswert von 51 Prozent aus dem Jahr 2017. „Zentrales Problem ist weiterhin die chronisch zu hohe Arbeitsbelastung, die durch die Schwierigkeiten bei der Besetzung freier Stellen noch verschärft wird“, sagte DPR-Präsident Wagner.

Fast 70 Prozent sagen: Fachkräftemangel wird sich verschlimmern

Mehr als zwei Drittel der Befragten (68 Prozent) rechnen mit einer Verschärfung des Fachkräftemangels in den kommenden zehn Jahren. Unter professionell Pflegenden gehen sogar 86 Prozent davon aus, dass nicht alle nötigen Stellen besetzt werden können. DPR-Präsident Wagner spricht in diesem Zusammenhang von einer „demografischen Zeitbombe“, denn „in den nächsten zehn 10 bis 15 Jahren werden etwa 40 Prozent der Pflegefachpersonen in Rente gehen“.

Pflegekräfte wünschen sich mehr Fortbildungen

Während es schon schwierig genug ist, Personal zu akquirieren, um offene Stellen zu besetzen, erleben viele Mitarbeiter ihre Arbeitgeber paradoxerweise als wenig aktiv darin, die Arbeitsplatzattraktivität zu verbessern. Ernüchternd fällt das Urteil der Befragten über die ergriffenen Maßnahmen von Arbeitgebern aus, um Personal zu binden“, resümieren die Autoren der Care Klima-Indizes. Ganz vorne auf der Wunschliste von Maßnahmen zur Personalbindung liegen Fortbildungsmöglichkeiten (48 Prozent der Befragten), gefolgt von „Arbeitszeitmodellen“ und Entlastungsangeboten zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Pflegequalität in Gefahr?

Unter den professionell Pflegenden herrscht in Bezug auf die zukünftige Qualität der Pflegeversorgung noch immer Skepsis vor. Während 39 Prozent aller Befragten nicht daran glauben, dass die pflegerische Versorgung künftig sichergestellt werden kann, sind es unter den professionell Pflegenden sogar 59 Prozent.

Care Klima-Index 2019: Sechs interessante Zahlen

  • 86 Prozent der professionell Pflegenden glauben nicht, dass der Bedarf an Pflegefachpersonen in zehn Jahren gedeckt werden kann.
  • 68 Prozent aller Befragten aus der Pflegebranche wünschen sich als „Innovation“ eine „Erweiterung pflegerischer Kompetenz“. Für Robotik votieren nur 14 Prozent.
  • 59 Prozent der Pflegepersonen sagen: „Ich glaube nicht, dass die pflegerische Versorgung künftig sichergestellt werden kann.“
  • 56 Prozent bewerten ihre Arbeitsbedingungen als „schlecht“ (Vergleich zu 2018: minus 4 Prozent)
  • 43 Prozent aller Befragten sagen: „In allen drei Sektoren der Pflege verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage.“ (plus 3 Prozent)
  • 37 Prozent der befragten professionell Pflegenden sagen: „Der Pflegealltag durch hat sich durch gesetzliche Reformen sogar verschlechtert.“

Über den CARE Klima-Index

Wir alle kennen den GfK-Konsumklima-Index für die Verbraucher und den ifo-Geschäftsklima-Index für die Unternehmen. Der 2017 erstmals publizierte CARE Klima-Index ist das Pendant dazu für die Pflege: Jährlich zeichnet er seither ein Lage- und Stimmungsbild für die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen. Er erfasst die Erfahrungen, Erwartungen und Anforderungen der Profession Pflege und verdichtet sie zu repräsentativen und belastbaren Trendaussagen. Konzipiert und realisiert wurde er vom Deutschen Pflegerat e.V. und dem Deutschen Pflegetag in Kooperation mit dem unabhängigen Befragungsinstitut Psyma in Nürnberg. Für den aktuelle Studie wurden 1.536 Personen befragt – darunter vor allem Pflegefachpersonen, Pflegebedürftige und ihre Angehörigen, aber auch Ärzte und Apothekerschaft, Industrie und Kostenträger sowie Verbände und Kommunen.

Autor: Adalbert Zehnder

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