LGBT

Pflegekräfte durch Lesben und Schwule oft verunsichert

... und das spüren viele Lesben und Schwule: Sie fühlen sich nicht akzeptiert. Doch das lässt sich ändern, meint Pflegepädagogik-Experte Klaus Müller von der Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren im Interview

Inhaltsverzeichnis

pflegen-online: Herr Müller, inwiefern spielt Sexualität in Pflegeheimen oder Kliniken überhaupt eine Rolle?

Klaus Müller: Da sind wir schon bei der Begriffsdefinition: Es geht hier ja um das Thema der sexuellen Identität, die ein Teil der Gesamtidentität des Menschen ist und deshalb auch der Beachtung bedarf. Der Begriff Sexualität an sich wird häufig verbunden mit dem Ausüben von Sex. Darum geht es in der Diskussion über Gesundheit und LSBT-Menschen aber nicht, weil das im Bereich der privaten Handlungen und Intimität liegt. Das geht uns nichts an. Sehr wohl geht uns aber die sexuelle, geschlechtliche Identität von Patienten und Bewohnern an. (Anmerkung der Redaktion: LGBT steht für „Lesbian-Gay-Bisexual-Transgender“ deutsch LSBT: Lesbisch-Schwul-Bisexuell-Transgeschlechtlich)

Welche speziellen Bedürfnisse haben nicht-heterosexuelle Patienten? Warum bedürfen sie einer besonderen Aufmerksamkeit?

Weil dieser Aspekt häufig stigmatisiert und nicht beantwortet wird. Das sind ganz einfache Mehrheit-Minderheit-Prinzipien: unsere Gesellschaft ist auf Heterosexualität ausgerichtet. Alles was davon abweicht, ist potentiell bedrohlich. Häufig reagiert man deshalb nicht auf Menschen, die anders sind als man selbst. Man schaut weg, weil es irritiert. Auf der Straße können Sie das tun, in der Pflege haben Sie aber eine andere Verantwortung, denn man ist dort soziale Bezugsperson, Beziehungspartner für diesen Patienten oder Bewohner. Pflegekräfte schauen bei der sexuellen Identität aber oft weg. Wenn auf dem Nachttisch etwa ein Bild steht mit zwei Frauen oder zwei Männern, dann wird nicht über den Lebenspartner oder die -partnerin gesprochen. Man verfällt in unverfängliche Gesprächsmuster, redet aber im Team trotzdem darüber: „Hast Du die gesehen? Die ist echt männlich.“

Erfordert das Thema sexuelle Identität Ihrer Meinung nach besondere kommunikative Fähigkeiten von den Pflegekräften?

Als Pflegekraft muss ich die Identität des Patienten beachten. Ich muss sie notfalls auch gegenüber Mitpatienten im Krankenzimmer, deren kulturelles oder religiöses Verständnis von Misstrauen oder sogar Verachtung gegenüber Schwulen und Lesben geprägt ist, verteidigen. Das setzt eine hohe moralische und kommunikative Kompetenz voraus. Ich muss den kritischen Bettnachbarn sagen: „Sie können gern Ihre persönlichen Ansichten vertreten. Aber die Freiheit des einen hört da auf, wo die Freiheit des anderen beginnt.“

Welche Fehler passieren Pflegekräften am häufigsten im Zusammenhang mit LSBT-Patienten?

Man muss eine Diversitätssensibilität entwickeln und tatsächlich an der Unterschiedlichkeit und Einzigartigkeit des einzelnen Menschen interessiert sein. Man darf als Pflegekraft nicht in Schubladendenken verfallen. Man sollte die Bereitschaft haben, sich diesem Menschen zu öffnen und ihn beispielsweise einzuladen, über sich und sein Privatleben zu erzählen: „Mögen Sie mir erzählen, wie Sie so leben? Wer kommt Sie denn besuchen? Sind Sie verheiratet oder leben Sie in einer festen Beziehung?“

Viele Pflegekräfte haben aber gegenüber LSBT-Patienten Angst, falsche Dinge zu sagen und fragen deshalb gar nicht erst. „Ich muss eine Strategie entwickeln, um den Menschen so zu begegnen, dass ich sie nicht diskriminiere.“ Man muss diverser werden in seinen Gesprächsangeboten, damit Menschen sich wiederfinden können. Das braucht Schulung und Sensibilität im Team: Wie reden wir über Menschen? Schwule und Lesben wollen ja nicht im Vordergrund stehen, sondern schlicht das Gleiche bekommen an Aufmerksamkeit und Verständnis wie „Heteros“.

Lernen Auszubildende in der Pflege zu diesem Thema etwas?

Das ist sehr unterschiedlich. Es hängt ab von den Lehrkräften. Wenn es an der Schule Lehrkräfte gibt, die sensibel oder selbst „betroffen“ sind in irgendeiner Form, dann wird dieses Thema gelehrt, sonst nicht. Im Rahmen des neuen Pflegeberufegesetzes gibt es ein Rahmencurriculum, bei dem das Thema sexuelle Identität platziert ist. Hierbei werden ausdrücklich Menschen mit LSBTI-Identitäten thematisiert. Somit müssen sich ab 2020 alle Azubis zwingend mit diesem Thema auseinandersetzen. Das stellt dann aber immer noch nicht sicher, in welcher Qualität und Tiefe. Wünschenswert wäre, dass Lehrende Unterstützung erhalten, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und einen guten Unterricht gestalten zu können.

Interview: Birgitta vom Lehn

Über Klaus Müller

Der gelernter Krankenpfleger ist Professor für „Pädagogische Aufgaben in der Pflege“ an der Frankfurt University of Applied Sciences. Außerdem engagiert sich der 53-Jährige in der Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren (BISS).

Dieer Artikel erschien (bearbeitet) zuerst im Magazin der Pflegekammer Rheinland-Pfalz (Ausgabe 16)

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