Niedersachsen

Pflegekammer: Raus aus der „Ist-doch-nur-Pflege-Falle“

Besonders gut wirkt die Kammer mit Pflichtbeiträgen, meint Georg Hellmann, Präsident der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften. Man sollte sie deshalb in Niedersachsen und Schleswig-Holstein nicht abschaffen. Ein Kommentar

Inhaltsverzeichnis

Der Start der Pflegekammer Niedersachsen ist holprig. Jetzt hat es auch noch Manipulationsversuche bei der Online-Befragung der Mitglieder gegeben. Die Befragung ist erst einmal gestoppt. In der Umfrage der Landesregierung werden die Mitglieder um ihre Meinung zu einer beitragsfinanzierten (und damit weitgehend unabhängigen) Pflegekammer befragt. Es gibt viele Proteste von Mitgliedern gegen die Kammer.

Es gibt 90.000 Mitglieder in Niedersachsen - darunter sicherlich viele Besonnene

Aber das muss noch nichts heißen: Immerhin gibt es über 90.000 Mitglieder in Niedersachsen. Und es ist durchaus denkbar, das viele von ihnen, wenn sie sich sachlich und besonnen mit den Vor- und Nachteilen der Pflegekammer auseinandersetzen, sich für das Fortbestehen Pflegekammer in ihrer jetzigen Form aussprechen.

Nur Kammern können die Interessen der Pflegekräfte bei der Politik durchsetzen

Denn die Pflegekammern sind eine riesige Chance, die Interessen der Pflege zu bündeln und geschlossen bei der Politik auf Landes- und Bundesebene zu platzieren. Nur so lässt sich die gesellschaftliche Anerkennung der Pflegekräfte – die ja vorhanden ist – in berufspolitische Wirkungen umsetzen. Weder Gewerkschaften noch Berufsverbände sind qua Auftrag in der Lage, die Interessen der Pflegekräfte, so wie berufsständische Vertretungen als Körperschaften des öffentlichen Rechts es können, bei der Regierung und im Parlament durchzusetzen.

Schluss mit dem Zwist zwischen Gewerkschaft und Kammer!

Das haben uns zum Beispiel Ärzte-, Rechtsanwalts- und Architektenkammern sehr gut vorgemacht, sie zeigen uns zugleich, wie Kammern erfolgreich mit Gewerkschaften zusammenarbeiten können. Gewerkschaften sorgen für die Entwicklung der Löhne – und werden dabei direkt oder auch indirekt unterstützt durch eine wirkungsvolle Arbeit in den Pflegekammern.

Es geht also nicht um das eine oder das andere (Pflegekammer oder Gewerkschaft) , sondern um die Einführung einer (pflege-)berufsständigen Organisation mit Selbstverwaltungsrecht durch die Pflegekräfte, mit staatlich zugewiesenen Aufgaben und mit direkter Mitwirkung bei Regierung und Parlament. Besser geht es nicht. Und ohne Pflegekammer würden die Pflegekräfte auf diese Möglichkeiten verzichten.

Warum die Pflichtmitgliedschaft so wichtig ist

Effektiv arbeiten und ihre Ziele für die Pflegekräfte erreichen, kann die Pflegekammer aber nur, wenn alle Pflegekräfte daran mitwirken. Deshalb ist eine Pflichtmitgliedschaft wichtig. Es werden alle davon profitieren – jeder Einzelne und der Berufsstand als Ganzes. Dieses solidarische System ist im deutschen Gesundheitssystem weit verbreitet. Ohne eine Pflichtmitgliedschaft wie bei der Gesetzlichen Krankenkasse funktioniert aber auch eine Pflegekammer nicht.

Pflegeexperten werden immer dringender gebraucht

Immer mehr Pflegekräfte lehnen sich gegen das Vorurteil auf, nur Assistenz der Ärzte zu sein. Eine Pflegekammer kann ihre Unzufriedenheit beenden. Professionen verändern sich, der Pflegeberuf hat an Bedeutung gewonnen. Jedoch liegt die Verantwortung für Patientinnen und Patienten immer noch bei den Ärztinnen und Ärzten. Pflegekammern sind in der Lage, diese Verantwortung neu zu definieren.

Entscheidend ist, dass sich Experten in Medizin und Pflege gegenseitig mit viel Anerkennung und Respekt vor ihrem jeweiligen Expertenwissen begegnen. Diese Begegnung muss auf Augenhöhe stattfinden und darf nicht von der Gunst der Ärzteschaft abhängen. Ärztinnen und Ärzte sind Experten – aber Pflegekräfte sind es auch. Der Bedarf der Pflegeexperten, der sich horizontal und vertikal ausrichtet, ist hoch und wird in Zukunft noch steigen. Für die Arbeit auf Augenhöhe ist es nicht nur Aufgabe, sondern auch Verantwortung, die „Schlagkraft der Pflege“ im hier und jetzt sowie die Weiterentwicklung der eigenen Profession wirksam und nachhaltig zu gestalten.

Pflegekammern wissen, wie viele Pflegekräfte mit Intensiv-Weiterbildung es gibt

Mit Landespflegekammern oder einer Bundespflegekammer würden für konkrete personelle Herausforderungen – etwa die Corona-Krise, und die nächste Herausforderung kommt bestimmt – endlich auch statische Daten vorliegen. Man wüsste, über welche Ressourcen an examinierten und besonders intensivmedizinisch qualifizierten Pflegerinnen und Pflegern Deutschland verfügt. Zusätzlich notwendige personelle Ressourcen könnten entwickelt und neue Verantwortlichkeiten definiert werden. Das würde nicht nur ganzen Gesundheitsregionen nützen, sondern auch der einzelnen Pflegekraft: Sie könnte ihre professionelle Zukunft noch viel besser planen.

Zur Person

Prof. Dr. rer. pol. Georg Hellmann ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Management im Gesundheitswesen und Präsident der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin. Schwerpunktmäßig lehrt und forscht er in den Bereichen Krankenhausmanagement, Pflegemanagement, Pflegewirtschaft und Führung.

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