Corona

Pflegeheime, legt die RKI-Regeln nicht zu streng aus!

Wie soll es im Herbst und Winter weitergehen mit Corona-Vorkehrungen in Heimen? Wissenschaftler warnen vor Abschotten und raten zu einem individuellen Umgang mit den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts (RKI)

Inhaltsverzeichnis

Pflegeheim-Bewohner und ihre Familien haben in den vergangenen Monaten aufgeatmet: Sie dürfen sich wieder sehen. Das Besuchsreglement ist noch recht kompliziert, aber sie sehen sich, reden miteinandere und umarmen sich wohl hier und da inzwischen auch. Nun werden die Tage kälter und die Infektionszahlen steigen. Viele Familien fragen sich, ob es wieder so kommen wird wie im Frühjahr. Das scheint unwahrscheinlich. Denn inzwischen sind Erkenntnisse gereift, Experten haben sich mit den negativen Folgen der langen Abschottung und alternativen Lösungen beschäftigt. Von ihnen melden sich jetzt immer mehr zu Worte.

6 Monate Erfahrung - da kann Isolation nicht mehr die einzige Lösung sein

So auch Andreas Westerfellhaus, Staatsekretär im Bundesgesundheitsministerium. Sollte es im Herbst und Winter zu ansteigenden Infektionszahlen kommen, so sagt er, dürfen Pflegeheimbewohner nicht wieder monatelang isoliert werden. Der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung appelliert an Pflegeeinrichtungen, Bewohnern nicht nur Schutz vor Ansteckung, sondern auch Nähe, soziale Kontakte und eine selbstbestimmte Lebensführung zu ermöglichen.

Westerfellhaus: Noch immer setzen einige Heime auf Isolation

„Pauschale Besuchsverbote können dabei in Pflegeeinrichtungen nur in Ausnahmefällen und vor allem nur für begrenzte Zeiträume eine Lösung sein“, betont Westerfellhaus. Sie hätten zu Situationen geführt, „die für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen kaum auszuhalten waren“. Viele Heime hätten bereits kreative Lösungen entwickelt, um Besuche, Spaziergänge und auch Einkäufe zu ermöglichen. „Aber leider höre ich auch immer noch von Einrichtungen, die primär auf die Isolation der Bewohner setzen. Das kann sechs Monate nach Beginne der Pandemie einfach nicht mehr sein!“ Schließlich sei ein Pflegeheim das Zuhause der Bewohner, in dem sie nicht nur Schutz vor Infektion, sondern auch Nähe, soziale Kontakte und die Gewissheit haben müssen, Einfluss auf ihre Lebensbedingungen nehmen zu können.

Kleine feste Gruppen tun vielen Bewohnern nicht gut

In der kürzlich unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft veröffentlichten S1-Leitlinie „Soziale Teilhabe und Lebensqualität in der stationären Altenhilfe unter den Bedingungen der Covid-19 Pandemie“ wird deshalb auch nach Wegen gesucht, die von den strikten Empfehlungen des Robert Koch-Instituts (RKI) abweichen können. So empfiehlt das RKI etwa, das Personal der einzelnen Wohnbereiche strikt voneinander zu trennen und kleinere feste Bewohnergruppen – etwa Tischgemeinschaften – zu bilden. Die Konsequenz daraus sei aber eine zusätzliche Reduktion von sozialen Kontakten der Bewohner untereinander und eine eingeschränkte Bewegungsfreiheit innerhalb der Einrichtung, geben die Leitlinien-Experten zu bedenken.

Einheitliche Besuchsregeln sind nicht gerechtfertigt!

Für den Einzelfall seien hier deshalb „alternative Lösungen“ denkbar. So könnten sich etwa Bewohner untereinander unter Einhaltung der Schutz- und Hygieneregeln besuchen und gemeinsam Zeit verbringen. Häufigkeit, Dauer und Anzahl der Besuche hätten sich zudem grundsätzlich an den Bedürfnissen der Bewohner auszurichten. Eine einheitliche Regel sei „nicht gerechtfertigt“. Wesentlich sei, dass Besucher mit Erkältungssymptomen sowie Kontaktpersonen von Covid-19-Infizierten der Einrichtung fernbleiben.

Mundschutz - mit Abstand - ruhig kurz mal absetzen

Auch bezüglich des Mund-Nasenschutzes (MNS) empfiehlt die Leitlinie ein Abrücken von den starren Regeln, da er „auch eine Barriere in der Kommunikation darstellt“ und „sowohl die verbale als auch die nonverbale Kommunikation beeinträchtigt“. Gerade für Menschen mit Demenz sei es wichtig, die Mimik des Gesprächspartners sehen zu können. Auch Menschen mit Hörproblemen müssten von den Lippen ablesen können, das sei für sie „essenziell, um kommunizieren zu können“. So könne ein kurzfristiges Absetzen des MNS unter Wahrung des 1,5-Meter-Abstands eine angemessene Lösung sein.

Berührung ohne Handschuhe ist möglich!

Körperkontakt spiele für viele Pflegebedürftige ebenfalls eine wichtige Rolle. So regt die Leitlinie an, die Berührung mit Handschuhen im Einzelfall durch eine sorgfältige Handhygiene zu ersetzen.

Zugleich ist unstrittig, dass Pflegeheime - wie alle anderen Einrichtungen im Gesundheitswesen auch - eine zentrale Rolle beim Covid-19-Geschehen spielen. Dies hat die Expertengruppe um Professor Matthias Schrappe von der Universität Köln in ihrem aktuellen Thesenpapier „Die Pandemie durch SARS-CoV-2/Covid-19 - der Übergang zur chronischen Phase“ erneut hervorgehoben. Die Experten betonten, dass bei der Entwicklung spezifischer Präventionsstrategien „besonders die Pflegeprofession, die an allen Stellen explizit an und mit Patienten arbeitet, umfassend einzubeziehen“ sei.

Mitarbeiter alle 14 Tage testen? Was die S1-Leitlinie sagt

Bei diesem Thema kommt eine zweite Leitlinie ins Spiel, die ebenfalls erst kürzlich veröffetnlicht wurde. Unter Federführung der Deutschen Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) haben nun auch 18 Gesellschaften, darunter auch die Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft, eine neue S1-Leitlinie „SARS-CoV-2 Infektion bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Gesundheitswesen – Bedeutung der RT-PCR Testung“ veröffentlicht. Hintergrund ist, dass bei Beschäftigten mit Patientenkontakt in Krankenhäusern und Praxen sowie bei Beschäftigten in der Pflege und Betreuung älterer Menschen das Ansteckungsrisiko nachweislich am höchsten liegt. Zugleich sollte man weg vom „Gießkannenprinzip“ der RKI-Empfehlungen, denen zufolge Mitarbeiter im Gesundheitswesen regelmäßig alle 14 Tage getestet werden sollen – auch ohne Symptome unter Berücksichtigung der epidemiologischen Lage.

Was bei knappen Corona-Test-Kapazitäten zu tun ist

Ein gezieltes Konzept mit wissenschaftlicher Begleitforschung sei vor allem deshalb nötig, weil die aktuellen Testkapazitäten der Labore bei rund 1,4 Millionen Untersuchungen wöchentlich liegen und für die insgesamt 2,25 Millionen Beschäftigte im Gesundheitswesen folglich nicht ausreichen. Entsprechend zeigt die Leitlinie ein Konzept zur Anwendung bei „knappen Testkapazitäten“ auf. Danach sollen vorrangig getestet werden:

  • Arbeitskräfte mit Symptomen
  • diejenigen, die als Kontaktperson ersten Grades eines laborbestätigten Falles eingestuft wurden
  • in zweiter Linie Personen, die in Risikobereichen arbeiten

Wer in einem Bereich mit „als niedriger eingeschätzten Infektionsrisiko“ arbeitet, sollte bei überlasteten Testkapazitäten nur „nachrangig“ getestet werden.

Bei echten Ausbrüchen kann sich das Infektionsrisiko für Pflegekräfte verdoppeln

In Ausbruchssituationen - vor allem zu Beginn eines Ausbruchs - sei das Ansteckungsrisiko für die Einsatzkräfte im Gesundheitsdienst besonders hoch, betonen die Leitlinienautoren, wie die Beispiele in Wuhan, der Lombardei und Großbritannien gezeigt hätten. Teilweise sei es sogar doppelt so hoch wie in der Normal-Bevölkerung. In „Nicht-Ausbruchssituationen“ sei die Ansteckungsgefahr hingegen nicht erhöht. Auch dies müsse man bei der Teststrategie bedenken.

Corona-Tests ersetzen keine Hygienemaßnahmen

Die Leitlinie betont, Testungen seien nur eine „zusätzliche Schutzmaßnahme“. Zugleich warnt sie vor einem „falschen Sicherheitsgefühl“ der getesteten Personen. Die Hygienemaßnahmen seien weiterhin „zwingend“ einzuhalten. Sie erinnert auch daran, dass die Finanzierung der zusätzlichen Testungen in Gesundheitseinrichtungen „bisher ungeklärt“ sei, sie aber keineswegs zu Lasten der medizinischen beziehungsweise pflegerischen Einrichtungen gehen dürften.

Autorin: Birgitta vom Lehn/kig

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