Aktvierung und Betreuung

Pflegeheime, hört auf, mit Männern Mandalas zu malen!

Wäschefalten, Basteln, Kuchen backen - das ist nichts für die männliche Bewohner, meint der Chef des Evangelischen Altenheims Bethesda (Essen). Im Interview erklärt er, was Männer wirklich motiviert

Männern im Pflegeheim geht es oft wie Jungs im Kindergarten oder der Grundschule: Ihre überwiegend weiblichen Betreuerinnen bieten Beschäftigungen, die sich vor allem an das weibliche Publikum wenden. Ihre Bedürfnisse fallen häufig „durchs Raster“. In seinem neuen Buch Aktivierung und Beschäftigung für Männer präsentiert Bernd Hoffmann, Dozent für Pflegeberufe und Geschäftsfüherer des Evangelischen Altenheims Bethesda in Essen, die besten Ideen aus der Praxis, um für die steigende Zahl von Männern Erfolgserlebnisse und Zufriedenheit zu organisieren: mit Beschäftigungen, die Fertigkeiten aus ihrer Biographie zu neuem Leben erwecken.

pflegen-online: Welche Gefahr besteht, wenn man Männer nicht beschäftigt oder auch fordert?

Bernd Hoffmann: Wer rastet, der rostet. Das gilt nicht nur für den Körper, sondern auch für den Denkapparat, all unsere Fähigkeiten unsere Fertigkeiten. Die Männer, die wir jetzt in Pflegeheimen haben, stammen aus einer Generation, die es gewohnt war, in der Familie das Sagen zu haben und im Beruf anzupacken und Entscheider zu sein – mit einem sehr großen Selbstbewusstsein und Unabhängigkeitsgefühl. Pflegebedürftig zu sein und in einem Abhängigkeitsverhältnis zu stehen: Das ist wider die Natur des Mannes. Wenn es nicht gelingt, Männern im Alter positive Betätigungsfelder zu geben, schädigt das das ohnehin angegriffene Selbstbewusstsein weiter und führt zu Rückzug und Verfall.

Tun Pflegeeinrichtungen genug, um Männer aus ihren Zimmern hervorzulocken?

Pflegeheime sind von Frauen dominiert – bei den Bewohnern wie beim Personal. Das bildet sich auch im Standardprogramm für Beschäftigung ab. Aber Kochgruppen, Singkreise, Servietten falten, Duftsäckchen nähen oder Mandalas malen: Dafür interessieren sich Männer nicht, die sich jahrzehntelang übers Berufliche definiert haben. Männern muss man Beschäftigungen geben, in denen sie ihre Interessen, Neigungen und Hobbys oder einstigen beruflichen Kompetenzen wiederfinden. In vielen Häusern ist die Angebotsstruktur primär auf Frauen ausgerichtet. Wir müssen aufpassen, dass uns die Männer nicht durchs Raster fallen.

Was schlagen Sie denn aufgrund ihrer eigenen Erfahrung vor?

Das geht los mit der Terminologie. „Sitztanzgruppe“: Bei Bewohnerinnen stoßen Sie damit sehr wahrscheinlich auf Resonanz; für den Mann klingt das wenig ansprechend. Wenn man das Kind nur anders benennt – „Sitzfußball“ – dann ist schon der Begriff für den Mann viel positiver besetzt. Allein das reicht manchmal schon, um Männer aus der Lethargie in die Aktivität zu bringen.

Ähnlich ist das mit den Werkstoffen. Viele Männer haben in der Industrie oder auf dem Bau gearbeitet – echte Malochertypen. Möbel für die Einrichtung aus Holzpaletten bauen. Figuren oder Gegenstände aus Beton gießen, aus selbstgebastelten Formen, mit schöner Haptik oder auch dekorativ. Das sind altbekannte Werkstoffe mit biographischer Note, an denen sie sich auch im Alter austoben können. Skulpturen, Holzeisenbahnen, Vogelhäuschen: Die können sie am Ende auf dem Adventsbasar verkaufen und Geld einspielen, das wieder dem Beschäftigungsangebot zugutekommt.

Ein Pflegeheim ist ja eine Art Riesen-WG, in der Männer und Frauen auf engstem Raum zusammenwohnen. Aber die Geschlechter sind verschieden. Welche Strategien können Heimleitung und Pflegekräfte fahren, damit das Zusammenleben möglichst reibungslos funktioniert?

Ein Vorurteil ist, dass Männer mit Frauen nichts zu tun haben wollen. Männer genießen oft die Gemeinschaft mit Frauen und sind manchmal froh, Hahn im Korb zu sein. Doch so charmant das sein kann: Oft fühlen sich Männer in Pflegeeinrichtungen von Frauen regelrecht „umzingelt“. Männer genießen es deshalb, dieser Welt und dem Geschnatter darin (das meine ich nicht böse) hin und wieder zu entfliehen – so, wie man früher morgens die Tasche gepackt hat und zur Arbeit gegangen ist. Männer mögen Aktivitäten außerhalb, die Natur, „Ausflüge“ – und seien sie auch noch so klein: auf einer Parkbank sitzen, einen Baum angucken. Gerne auch im Garten der Einrichtung.

Eine Formulierung in Ihrem Buch ist mir aufgefallen: „männergerechte Kommunikation“, in Klammern dahinter: „schweigen“. Was meinen Sie damit?

In ihrem Berufsleben haben viele dieser Männer gehandelt, die haben nicht gequatscht. Sie genießen deshalb die spärliche Form der Kommunikation – sich ohne Worte verstehen. Ich kenne Betreuungskräfte, die haben vom Arbeitgeber den Angelschein bezahlt bekommen, damit sie mit Bewohnern an den See fahren können. Man hält die Klappe, guckt einfach nur aufs Wasser und genießt die Elemente. Das wird supergut angenommen. Und was sagt uns das? Männer brauchen keinen Animateur, sie brauchen vertrauensvolle Beziehungen. Pflegeeinrichtungen können einen Rahmen schaffen, der Kontakte unter Männern begünstigt und tiefe Freundschaften auch im hohen Alter möglich macht.

Interview: Adalbert Zehnder

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