Pflege-Fortbildung für die „Höhle der Löwen“

Gründer Thomas Müller will mit Curassist 100.000 Pflegekräfte aus der Stillen Reserve locken. Nun konnte er „In der Höhle der Löwen“ sogar Carsten Maschmeyer für seine Idee begeistern. Ein Interview

Thomas Müllers Idee scheint naheliegend und klingt doch ungewöhnlich: Ambulante Pflegekräfte arbeiten selbstständig, können spontan, Aufträge in der Nachbarschaft annehmen, ihre Arbeitszeit selbst einteilen und die Abrechnung gegen eine pauschale Gebühr Curassist überlassen. Kein Wunder also, dass Thomas Müller in die „Höhle der Löwen“ eingeladen wurde.

pflegen-online: Herr Müller, wie haben Sie den Auftritt bei der „Höhle des Löwen“ in Erinnerung?

Thomas Müller: Ich war wahnsinnig aufgeregt. So aufgeregt war ich selten. Die Sendung wurde ja schon Ende März 2019 aufgezeichnet. Wer mich kennt und mich in Vorträgen erlebt hat, weiß, wie aktiv ich erzähle. Ich sprühe quasi vor Ideen. Und als ich mich dann am Dienstag gesehen habe, übrigens auch zum ersten Mal, war ich baff, dass ich auch stillstehen kann.

Warum waren Sie so aufgeregt?

Ich hatte die ganze Zeit, das Gefühl, ich bin doch nur eine kleine Pflegekraft, die aber das ganze System ändern will. Ob sich für mich überhaupt jemand interessiert? Und ich wusste nicht, ob ich den Löwen erklären kann, wo genau das Problem liegt. Warum es Curassist gibt. Das System Pflege ist kompliziert und für Außenstehende nicht so einfach zu verstehen.

Wie haben Sie dann die Reaktionen der Löwen erlebt?

Als sehr emotional. Die ganze Aufzeichnung war ein tragender Moment. Die Löwen waren von Anfang bis Ende komplett bei mir. Sie waren baff, wie komplex und kompliziert das ganze System ist und um wie viel Papierkram es geht, der einfach nicht digitalisiert werden kann. Und sie waren fasziniert von Fachkompetenz und dem Aufgabenspektrum von Pflegekräften. Das wird in der Öffentlichkeit kaum bemerkt. „Der ist Pfleger“ heißt es meistens, damit ist alles gesagt. Dabei reicht das Fachwissen von Wundheilung über Ernährung zur Vordiagnostik.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich bei „Höhle der Löwen“ zu bewerben?

Ich bin immer mal wieder gefragt worden, ob das nicht was für mich wäre. Ich bin in der Kölner Gründerszene recht bekannt, in der wiederum viele die Sendung kennen. Es hieß dann, versuch doch, bei den Löwen einen Investor zu bekommen. Irgendwann habe ich mich beworben und schon vier Wochen später wurde aufgezeichnet.

Mit welchen Erwartungen sind Sie in die Sendung gegangen?

Ich hatte mir schon gewünscht, dass es zu einem Investment von Frau Wöhrl oder Herrn Maschmeyer kommt. Besonders Carsten Maschmeyer fand ich interessant. Wer in der Pflege etwas bewegen will, braucht Power und Bekanntheit. Man muss wissen, wie die Politik funktioniert und welche Hebel man bedienen muss, um gehört zu werden. Das habe ich mir von beiden erhofft.

Es war für Curassist immer schon schwer, Pflegekräfte davon zu überzeugen, dass sie etwas wert sind. Dass sie mit ihren Fähigkeit Geld verdienen können. Wir kosten 8,90 Euro im Monat. Das ist weniger als ein Abo bei Netflix. Uns zu beauftragen ist kein Hexenwerk. Man geht keine Verpflichtung ein und es rechnet sich sogar, wenn man nur einen Auftrag im Monat, wie zum Beispiel ein Beratungsgespräch oder eine Schulung, hat.

Was ist Ihnen wichtiger – Anerkennung oder Investment?

Ich habe nicht mit Curassist angefangen, um das große Geld zu verdienen. Ich weiß wovon ich rede, weil ich die schlechten Rahmenbedingungen selbst erlebt habe. Erst als Patient und dann als Pflegefachkraft. Ich habe gesehen, wie die besten Kolleginnen gestrauchelt sind. Sie haben Kinder bekommen und räumen nach drei Jahren im Supermarkt Regale ein oder arbeiten als Servicekraft in der Gastronomie, weil der Schichtdienst sich nicht mit Kindern vereinbaren lässt. Dabei müssen gute Pflegekräfte auf Händen getragen werden. Keine Station wird geschlossen, weil Ärzte fehlen, sondern weil es keine Pflegekräfte gibt.

Sie hätten den Investoren statt der geplanten 15 Prozent sogar 30 Prozent Ihres Unternehmens überlassen.

Das stimmt. Ich habe mir gesagt, es ist ja mehr als nur Geld, was ich da bekomme. Und wenn ich soviel abgeben muss, um den Pflegekräften zu helfen, dann mache ich das.

Leider ist es der Deal am Ende geplatzt. Verraten Sie uns, warum?

Wir haben einige Monate verhandelt, hatten am Ende aber unterschiedliche Auffassungen vom Geschäftsmodell. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Aber wir sind im Guten auseinander gegangen und Carsten Maschmeyer ist weiterhin hellauf begeistert von curassist.

Wie haben Sie Herrn Maschmeyer als Person erlebt?

Er ist kleiner als man denkt, strahlt Wärme aus und steckt voller Energie und Ideen. Er kann unheimlich schnell Zusammenhänge bilden und kennt sofort jemanden, mit dem man zusammenarbeiten kann.

Was haben Sie aus den Verhandlungen mitgenommen?

Ich habe viel über meine interne Gesellschafterstruktur erfahren und einiges über Investmentstrukturen gelernt. Heute gehört curassist wieder zu 100 Prozent mir und wir betreuen 1.258 Pflegekräfte. Stolz bin ich auch darauf, dass wir uns während der Verhandlungen nie auf einem möglichen Deal ausgeruht haben. Wir haben immer an curassist weitergearbeitet. Als klar war, dass der Deal platzt, war das natürlich nicht schön. Aber wir lassen uns nicht unterkriegen.

Wie ist es seit der Ausstrahlung am Dienstag?

Das Telefon steht nicht still und es kommen ständig Mails. Die zu beantworten macht mir viel Freude. Die Reaktionen zeigen mir, dass mein Auftritt viele Menschen bewegt hat. Besonders die positiven Rückmeldungen von Pflegekräften bedeuten mir viel. Es gibt auch schon erste Anfragen für curassist. Und ein Anwalt, der die Sendung gesehen hat, hat mich auf einen juristischen Fehler im Impressum meiner Website aufmerksam gemacht, obwohl er mit Abmahnungen sein Geld verdient. Das ist doch toll.

Sie glauben, dass sich etwa 100.000 Pflegekräfte mit curassist aus der stillen Reserve locken lassen.

Ja, ohne Frage. Aber sie sind schwer zu bewerben und denken lange nach, bis sie es ausprobieren. Ein Zertifikat dauert von Amtswegen auch etwas. Bis man das erste Geld verdient, vergehen also etwa ein bis zwei Monate. Wenn eine Pflegekraft sich anmeldet, und ein halbes Jahr „nichts“ macht, oder vielleicht nur die ersten beiden Stufen macht, hat sie grade mal 53,40 Euro bezahlt. Führt sie dann bei einem Patienten zwei Angehörigenschulungen für 33 Euro pro Stunde durch, hat sie 12,60 Euro Gewinn. Oder sie bietet stundenweise Entlastungsleistung, dann hat sie pro Patienten im Monat schon Einnahmen von 125 Euro.

Sie sind jetzt weiterhin auf der Suche nach einem Investor?

Ja. Ich würde mich freuen, einen starken Partner zu finden, gerne auch aus der Branche oder der Gesundheitsindustrie. Das Potenzial der Pflegekräfte ist immens. Das müssen wir nutzen.

Interview: Evelyn Griep

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