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Pflegeskandale

„Personalmangel rechtfertigt keine Gewalt in der Pflege“

Andrea Würtz hat den Schliersee-Skandal aufgedeckt und ist kürzlich in der Wallraff-Reportage „Jetzt erst recht“ über drei Alloheim-Einrichtungen als Kommentatorin aufgetreten. – Warum sie an der Politik, aber auch an einigen Pflegekräften verzweifelt

pflegen-online: Sie haben die menschenverachtende Behandlung der Bewohner in der Seniorenresidenz in Schliersee unter Einhaltung aller erdenklicher Dienstwege aufgedeckt. Das ist eine enorme Leistung.  Dennoch hatten sie anschließend das Gefühl, es habe nicht gereicht. Warum machen Sie weiter? Warum sagen Sie: Jetzt erst recht! 

Andrea Würtz: Resigniert wegzusehen, nach all dem, was ich in der Pflege gesehen, erlebt und dokumentiert habe, und dann aufzugeben und da einfach mitzumachen, wäre für mich nicht denkbar und mir selbst gegenüber auch nicht zu entschuldigen. Ich könnte mir selbst nicht mehr in die Augen schauen, hätte ich mich einfach weggedreht und gesagt, wie es mir schon öfter geraten wurde „Na, daran kannst du wohl nichts ändern“. Wir sind doch alle – und wirklich: alle – in der Pflicht, an dieser Misere etwas zu ändern, und zwar jede und jeder auf seine Weise.

Nun haben Sie am 23. Juni 2022 für Team Wallraff in der Investigativ-Sendung „Jetzt erst recht“ das aufdeckende Filmmaterial aus drei Alloheimen in Deutschland kommentiert. Was hat Sie daran am meisten erschüttert?

Eine 50-jährige Patientin mit Multipler Sklerose mit entzündlichen Hautveränderungen und einer schmerzhaften Blaseninfektion liegt – wohlgemerkt: nackt – in ihrem Bett. Sie ist wach und bekommt alles mit, was um sie herum geschieht. Sie ist in ihrer Fähigkeit zu kommunizieren sehr eingeschränkt und daher nicht in der Lage, die benötigte Hilfe einzufordern. Ihr gesetzlicher Betreuer wurde viele Monate nicht mehr gesehen. Ihre Pflege ist in keinster Weise angemessen, und die im sogenannten Leistungskatalog beworbenen rehabilitativen Therapien, wie zum Beispiel eine aktivierende Mobilisation oder Beschäftigung, erhält sie nicht. Stattdessen läuft das Kinderfernsehen. Die komplett auf Hilfe angewiesene Frau wird von der diensthabenden Pflegefachkraft bei der morgendlichen Grundpflege gefragt: „Na, juckt die Muschi?“. Ob sich die physische und psychische Situation der Patientin durch diese Behandlung verbessert, kann jeder für sich beantworten. Löst das nicht Entsetzen aus?

Da darf man zurecht tief entsetzt sein. – Claus Fussek führt als zentrales Mittel gegen Missstände das „Frühwarnsystem“ ins Feld. Damit meint er: Aufmerksame Angehörige, Betreuer und Mitarbeiter geben ihre Beobachtungen über Patientensicherheit und Pflegequalität, aber auch über Missstände an verantwortliche Personen weiter und leiten somit Verbesserungen für die Patienten und Bewohner ein. Reicht das aus? 

Ich kann absolut nachvollziehen, dass Herr Fussek das Frühwarnsystem propagiert. Es deckt sich auch mit meinem Wunsch, die offensichtlich bestehende Not der Menschen in einigen Pflegeheimen zu stoppen und als Gesellschaft wirklich „hinzuschauen“. Das können neben den Angehörigen natürlich auch die Berufskolleginnen und -kollegen sein. Oder auch Angehörige, die nicht nur auf ihr eigenes Familienmitglied schauen, sondern auch auf  andere Bewohnerinnen und Bewohner, die sie auf dem Flur treffen, oder die sie im Nachbarzimmer mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sprechen hören.   

Aber das Frühwarnsystem funktioniert nur, wenn möglichst viele Beteiligte vor Ort mitmachen. Die notwendigen, amtlichen Kontrollen können sie nach meinem Dafürhalten nicht ersetzen. Denn – und das frage ich Sie jetzt – wo, bitte, greift jetzt im Falle der MS-Patientin das Frühwarnsystem? Welche amtliche Instanz sorgt dafür, dass die Würde dieser Frau gewahrt bleibt? Wer kümmert sich um den Ersatz ihrer gesetzlichen Betreuung, beziehungsweise: Wer kontrolliert und sanktioniert den untätigen, gesetzlichen Betreuer, der hier ganz offensichtlich seine Fürsorgepflicht verletzt? Wie und wann soll sie dafür entschädigt werden und wer, bitte, steht für ihre Grundrechte ein?

Müsste man in manchen Fällen nicht sogar von Folter sprechen?

Wenn ganz offensichtlich besonders vulnerable, schützenswerte und hilflose Bewohnerinnen und Bewohner  Isolation und Strafmaßnahmen, wie Entzug von persönlichen Gegenständen, schweren Demütigungen, unterlassener oder verwehrter, adäquater Hilfe oder ausbleibender Schmerzbehandlung ausgesetzt werden – und das über einen so langen Zeitraum:  Dann sind das Foltermethoden in Reinform. Und ich frage mich: Wo bleiben da die Konsequenzen für den erlittenen Schaden der Patientin?

In Deutschland gelten die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die Genfer Konventionen und unsere ethischen Grundprinzipien in der Pflege, die alle jedwede Form von Misshandlung und Folter verbieten. Wir hätten also alle Grundlagen für ein besseres Handeln – genau wie die dazugehörigen Regeln, diese Dinge nicht zu dulden und Konsequenzen für die Täter auszusprechen.

Wie haben die Menschenrechtsorganisationen auf Ihre Schreiben reagiert, denen Sie nach Schliersee detailliert über Missstände in der Altenpflege berichteten?

Bis heute habe ich auf Anfragen bei den angeschriebenen Menschenrechtsorganisationen, nur allgemein formulierte Rückmeldungen erhalten. Ich zitiere: „Wir haben den Fall Schliersee verfolgt – entsetzlich, was dort passiert ist! – Gut, dass Sie sich dem Thema weiter widmen. Leider können wir das derzeit nicht tun, denn es steht nicht im Themenportfolio. Es ist aber in jedem Fall schlimm.“ – Aha?! Ich wundere mich. Aber genau dort sollte das Thema aus meiner Sicht dringend aufgenommen werden! Ob sich das eines Tages ändern wird?

Ich bin gespannt. Vielleicht wird man doch endlich zeitnah erkennen, dass wir es hier, mitten in Deutschland, mit Menschenrechtsverletzungen im ganz großen Stil zu tun haben. Bis heute ist da ein großer, blinder Fleck. Die Antifolterkonvention definiert Folter 1984 als „jede Handlung, durch die einer Person vorsätzlich große körperliche oder seelische Schmerzen oder Leiden zugefügt werden“. Deutschland hat sich dieser Konvention angeschlossen. Amnesty International nennt das „absolute Folterverbot“ ein, wie es auf der Webseite heißt, „unabdingbares Menschenrecht“, das absolut und ohne Ausnahmen gelte – auch in Notsituationen oder bewaffneten Konflikten.

Vielleicht wäre es aber auch an der Zeit, dass in der Pflegebranche – ähnlich wie bei den Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche oder bei Fällen von Rechtsextremismus innerhalb der Polizei – nun genauer hingeschaut wird und Menschen mit sadistischem Charakter hier nicht mehr um jeden Preis geschützt werden, nur weil es heißt, es herrsche Pflegepersonalmangel, noch weniger Personal könne man sich nicht leisten? Wie ist Ihr Eindruck, fehlt es in der Pflegebranche an Unrechtsbewusstsein?

Ich frage mich tatsächlich, kann man, wenn man diese Fallschilderungen detailliert kennt, da noch an den Vorstellungen von einer „armen, überlasteten Pflege“ festhalten? Wer trägt denn bitte die Verantwortung für die unfassbar schlechte Pflege zum Schaden der Patientinnen und Patienten, die bei „Jetzt erst recht!“ als Fallbeispiele gezeigt wurden? In keiner anderen Dienstleistungsbranche würden solche Verhältnisse politisch und gesellschaftlich jemals toleriert werden! Das sollte uns klar werden! Und dass es so gekommen ist: Nein, daran haben nicht nur die anderen Schuld! Eine derartige Verrohung und Abstumpfung, die hier zutage tritt, hat nichts mehr mit Abgrenzung und Selbstschutz zu tun, um irgendwie noch den Berufsalltag zu bewältigen. Die Frage, wohin mit unseren Alten, ist nach wie vor nicht geklärt.

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Was denken Sie, fehlen den Pflegekräften nicht auch die Perspektiven auf tatsächliche Veränderungen?

Ich habe viele, häufig sehr grausame Beispiele dokumentiert. Außer Entrüstung und vielen Versprechungen, sich der Sache anzunehmen und den Sachverhalt zu prüfen, ist noch nicht viel passiert. Tatsächlich scheinen die Perspektiven zu fehlen, weshalb die Gesellschaft und mit ihr auch unsere Berufskolleginnen und -kollegen offenbar kapitulierend wegschaut und der Widerstand von Seiten der Pflege oft ins Leere läuft.

Aber das, was exemplarisch bei Team Wallraff gezeigt wurde, muss doch für alle Berufskolleginnen und -kollegen erkennbar der falsche Weg sein! Schlechte Arbeitsbedingungen können niemals eine Entschuldigung für derartige Missstände sein. Eine echte Veränderung kann doch nur gelingen, wenn jede Person in diesem Dilemma anstatt zu resignieren, zu verrohen oder abzustumpfen, alle Energie in konstruktive Veränderungen steckt, und das geht am besten gemeinsam! Das stille Mitmachen darf kein legitimer Weg mehr sein. Und klar, jede Pionierarbeit kann schmerzhaft sein. Sie ist aber der einzige Weg, damit sich überhaupt etwas ändern kann!

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Interview: Melanie Klimmer

Über Andrea Würtz

Die Kinderkrankenschwester, Jahrgang 1977, hat im Mai 2020 die Missstände in der Seniorenresidenz in Schliersee aufgedeckt. Damals war sie für das Gesundheitsamt tätig, wo sie Ende Juni 2020 kündigte. Seit Ihrem Examen im Jahr 2001 hat sie unter anderem in der ambulanten Kinderintensivpflege gearbeitet, auf der Frühchen-IMC, in der OP-Anästhesiepflege und als Study Nurse im Bereich Onkologie. Außerdem war sie PDL in der Tagespflege und Hygienebeauftragte. Seit Schliersee kämpft sie gegen Missstände in der Pflege an.

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