Verdi-Aktion

Personalbedarf: Jetzt rechnen die Pflegekräfte selbst

Während Politiker über Personalbemessung und Untergrenzen diskutieren, handelt die Pflege: Mit dem „Soll-ist-voll-Rechner“ von Verdi ermitteln Teams ihren eigenen Bedarf. Die Aktion läuft jetzt bundesweit.

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Es geht um belastbare Zahlen. Zahlen, die den dramatischen Personalmangel in der Pflege konkretisieren. Zahlen, die zeigen, wie ernst die Lage auf den einzelnen Stationen ist. Liefern kann sie der „Soll-ist-voll-Rechner“, ist Gisela Neunhöffer von der Verdi-Bundesverwaltung überzeugt. Die Gewerkschaft Verdi hat den Rechner im vorigen Jahr vor allem in Baden-Württemberg getestet. Mithilfe einer Excel-Datei können Stations-Teams berechnen, wie lange das vorhandene Personal reichen würde, um alle Aufgaben gut erledigen zu können.

Pflegeteams definieren die Mindestbesetzung

Die bisherigen Ergebnisse bestätigen alle Befürchtungen. „In der Regel ist das Soll zwischen dem 23. und 27. Tag eines Monats voll“, sagt Neunhöffer. „Das heißt, dann wären eigentlich keine Kollegen mehr da, um die Station oder den Bereich zu besetzen.“ Auf einigen Stationen sei das in extremen Monaten sogar schon am 21. Tag der Fall gewesen. Abgefangen werde der Mangel, weil Teammitglieder auf Pausen verzichteten, Überstunden machten, immer wieder kurzfristig einsprängen oder einfach schneller arbeiteten. Grundlage für die Berechnung sind Mindestbesetzungen pro Schicht oder Tag, die die Kollegen zunächst gemeinsam definieren.

Weil die Verdi-Verantwortlichen in Berlin nach den Testläufen eine wachsende Akzeptanz des Rechners feststellten, bewerben sie die Aktion jetzt verstärkt bundesweit. Die Excel-Datei, um die sich alles dreht, wurde noch einmal überarbeitet und etwas vereinfacht. Die neue Version ist vor kurzem online gegangen.

Keine Gefahr der Übertreibung

„In der aktuellen Debatte vermissen wir oft, dass die Pflegekräfte selbst zu Wort kommen“, sagt Neunhöffer: „Dabei können sie den Bedarf am besten einschätzen.“ Erfahrungsgemäß werde dabei auch nicht zu viel Personal gefordert, „eher setzen die Teams die Zahlen zu gering an, weil sie sich an die Mangelsituation bereits gewöhnt haben“. Eine detaillierte Checkliste soll helfen, dass in der Team-Diskussion wirklich alle zu erledigenden Aufgaben berücksichtigt werden.

So funktioniert der Soll-ist-voll-Rechner

Vor dem Einsatz wird der Rechner zunächst mit der durchschnittlichen Patientenzahl, den tatsächlichen Schichtzeiten, der tariflichen Wochenarbeitszeit und der Zahl der wirklich vorhandenen examinierten Pflegefachkräfte in Vollkräften gefüttert. Anschließend folgt pro Wochentag die Besetzung, die aus Sicht der Mitarbeiter nötig wäre, um alle Arbeitsschutzgesetze einzuhalten und alle Pflege- und Hygienemaßnahmen umzusetzen. Die Excel-Tabelle errechnet dann, wie viele Vollkräfte dafür notwendig sind und wie viele aktuell fehlen. Dabei sind Ausfallzeiten für Urlaub, Weiterbildung und Krankheit mit 20 Prozent berücksichtigt.

Die Ergebnisse werden innerhalb der Teams rege diskutiert, sagt Neunhöffer, und häufig resultierten öffentlichkeitswirksame Aktionen daraus. Zahlreiche Beschäftigte beispielsweise zeigten auf Karten, die sie mit bunten Klammern an ihrem Kittel befestigen (siehe Foto oben), wenn das Personal des Monats eigentlich schon „verbraucht“ ist, oder starteten entsprechende Plakataktionen. So sollen auch Ärzte, Patienten und Besucher auf den dauerhaften Mangel aufmerksam gemacht werden.

So klappt die Umsetzung

Im Städtischen Klinikum Brandenburg, an dem zurzeit Verhandlungen über einen Tarifvertrag Entlastung laufen, habe der Rechner für manch Aha-Effekt gesorgt, sagt Andreas Kutsche. Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende ist auch Mitglied der Verdi-Betriebsgruppe in dem kommunalen 466-Betten-Haus und hat sich gemeinsam mit seinen Kollegen um den Soll-ist-voll-Rechner gekümmert. „Es war wichtig zu wissen, was sich die Belegschaft wünscht, nicht, was jemand von außen bestimmt“, sagt Kutsche. Ideal sei es, wenn sich für die Rechner-Betreuung im Haus ein Verantwortlicher mit Excel-Affinität finde.

Ergebnis im Klinikum Brandenburg: 100 Stellen fehlen

In Brandenburg haben sich mehr als die Hälfte der Stationen beteiligt, und auch die Intensiv- und Schwerpunktstationen wurden einbezogen. „Wir haben die Kollegen gefragt, wie sie arbeiten können müssten, um anschließend zufrieden nach Hause zu gehen – ohne das Gefühl, etwas nicht geschafft zu haben“, erklärt Kutsche, der selbst Krankenpfleger ist. Dazu habe auch eine ehrliche Auflistung aller geforderten und möglicherweise weggelassenen Tätigkeiten gehört. Ergebnis: Klinikweit fehlen im Pflege- und Funktionsdienst, der aktuell rund 800 Beschäftigte zählt, aus Sicht der Kollegen mehr als 100 Stellen.

Pflege konfrontiert Geschäftsführung mit Ergebnissen

Die konkreten Zahlen helfen Kutsche auch in den laufenden Tarifverhandlungen. Das aktuelle Angebot der Geschäftsführung sehe vor, 24 Stellen für Pflege-Servicekräfte umzuwandeln sowie 18 neue Stellen zu schaffen und so insgesamt 42 zusätzliche Fachkräftestellen aufzubauen. Da das allerdings bis mindestens bis Oktober 2019 dauern soll, fordert der Betriebsrat ein Konsequenzen-Management für den Fall einer Unterbesetzung. „Der Arbeitgeber muss den Kollegen sagen, was sie dann weglassen sollen“, mahnt Kutsche: „Zurzeit müssen sie das selber entscheiden.“ Für März und April sind in Brandenburg die nächsten Verhandlungstermine angesetzt.

Ergebnis im ZfP: In der Akut-Aufnahme fehlen 8 Vollkräfte

Auch im Zentrum für Psychiatrie (ZfP) im baden-württembergischen Emmendingen habe der Rechner für großes Staunen gesorgt, erinnert sich der Personalratsvorsitzende Horst Burkhart. In dem Fachkrankenhaus, das rund 1.400 Mitarbeiter beschäftigt, davon etwa 700 in der Pflege, haben drei von 30 Stationen nachgerechnet. Auf einer Akut-Aufnahmestation sei das Ergebnis besonders extrem, sagt Burkhart: „Dort fehlen acht Vollkräfte.“ Eine solche Besetzung wäre nicht einmal erreicht, wenn die in die Jahre gekommene Psychiatrie-Personalverordnung (PsychPV) zu 100 Prozent erfüllt würde, klagt Burkhart. Der Rechner führe das drastisch vor Augen und sei ein gutes Mittel, um die Forderungen des Personalrats auch gegenüber der Geschäftsleitung zu untermauern.

Betriebsrat Mörbe in Stuttgart: Regierung muss Bedarf anerkennen

Volker Mörbe, der für die Entwicklung des Verdi-Rechners mitverantwortlich ist, sieht die Aktion allerdings nicht nur als Weg, um Klinikleitungen die Unterbesetzung spüren zu lassen. Für den Personalratsvorsitzenden im Klinikum Stuttgart ist sie auch ein deutliches Zeichen an die Politik: „Die Mittel der Krankenhäuser reichen nicht aus, um den Personalbedarf zu decken“, sagt Mörbe, „die Regierung muss den notwendigen Bedarf anerkennen beziehungsweise erheben und dann auch finanzieren.“

Autor: Jens Kohrs

Foto: Verdi

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