Pflegerobotik-Studie

Pepper & Co. – reizend sind diese Roboter ja ...

Die Beratungsfirma Roland Berger, das dip und die PTHV haben die Potenziale von Robotik und IT in der Pflege untersucht. Ihre Studie ePflege dämpft allzu große Erwartungen.

Inhaltsverzeichnis

Im Getümmel der Fachausstellung beim Deutschen Pflegetag war Pepper einer der erklärten Besucherlieblinge. Der humanoide Roboter mit dem niedlichen Gesicht, der Mimik und Gestik analysiert, auf Emotionen seines Gegenübers reagieren kann und für Kommunikations-Aufgaben eingesetzt wird, lockte Besucher in Scharen an. Dass Pepper & Co. zu Rettern der Pflege werden, hält Frank Weidner allerdings für ziemlich unwahrscheinlich: „Die Robotik bietet Chancen, steht aber auch für sehr viele Phantasmen“, sagt der Direktor des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung (dip) in Köln: „Für die Pflegeproblematik sind Roboter keine Lösung.“

Weidner (dip): Ein schier unüberblickbares Feld

Für die Studie „ePflege“ haben Weidner und sein dip-Team zusammen mit Roland Berger und der Pflegewissenschaftlichen Fakultät der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Vallendar (PTHV) den aktuellen Stand digitaler Pflegelösungen und -dienstleistungen in Deutschland analysiert – vom elektronisch verstellbaren Bett über Dienstplansoftware und Sensormatten bis hin zu elektronischen Systemen zur Ortung von Bewohnern. Dabei eröffnete sich ihnen ein „schier unüberblickbares Feld von Ansätzen, hauptsächlich im häuslichen Bereich“, sagt Weidner. „Doch im Pflegealltag kommt bislang nicht viel davon an.“

Reicht die Hardware der Pflegedienste?

Die Gründe: fehlende Informationen über Initiativen, offene Finanzierungsfragen und die mangelnde Vernetzbarkeit vorhandener IT- und Computersysteme. Auch fehlende Technikkompetenz und -akzeptanz sowie die ungeklärte Frage, ob die Ansätze auch wirksam seien, bremsten die Entwicklung aus. „Zudem weiß niemand, was den Pflegediensten und im häuslichen Bereich an technischer Grundausstattung überhaupt zur Verfügung steht, zum Beispiel bei der Hardware“, erklärt Weidner. Trotzdem sei die Erwartungshaltung hoch, „und es ist auch eine große Bereitschaft spürbar, sich auf die Möglichkeiten einzulassen“. Dahinter stehe die verbreitete Hoffnung, dass Technik die Pflegenden entlasten werde.

Lichtdecken, die Tageslicht simulieren

Für Melissa Henne, die bei den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel die Stabsstelle Unternehmensentwicklung leitet, ist Technikeinsatz alltäglich. Ihr Unternehmen probt ihn in diversen Einrichtungen. In einem Seniorenzentrum in Bielefeld etwa wurde getestet, welche Technologien in Gebäuden sinnvoll sein können. Dafür wurden Zimmer unter anderem mit Sensoren ausgestattet, durch die Pflegekräfte informiert werden, wenn Bewohner ihr Bett verlassen haben, aber nach einer bestimmten Zeit nicht zurückgekehrt sind. Zudem simulieren Lichtdecken Tageslicht, und über Smart-TV erhalten die Bewohner auch Zugang zum Internet.

Eine Uhr, die fragt, ob die Haltestelle stimmt

Im Projekt „Kompass“ hilft ein virtueller Assistent den Nutzern etwa, ihren Tagesablauf zu planen. „Wenn heute Putztag ist, erinnert er daran, auch den Staubsauger herauszuholen“, erzählt Henne. Zudem könne das System Sprache und Reaktionen wahrnehmen. „Wenn es etwa um einen Termin am Freitag geht, mein Blick auf dem Display aber immer zum Mittwoch wandert, wird der Assistent nachfragen.“ Eine ähnliche Absicherung bietet eine Smart-Watch, die für die barrierearme Navigation im öffentlichen Personennahverkehr zum Einsatz kommt. Sie schlägt zum Beispiel Alarm, wenn ihr Träger eine andere als die geplante Bushaltestelle ansteuert.

Smart-Home-Tools helfen bei leichter Demenz

In einem weiteren Projekt testen die Stiftungen intelligente Brillen, die zum Beispiel Senioren mit leichter Demenz bei bestimmten Abläufen helfen und sie dabei an einzelne Arbeitsschritte erinnern. „Beim Kaffeekochen etwa wird angezeigt, dass zuerst der Filter und dann das Pulver genommen werden muss“, erzählt Henne, die sich im Kogni-Home in Bielefeld zudem mit Smart-Home-Anwendungen beschäftigt.

Der Spiegel erinnert an den Regenschirm

Dabei geht es um digital unterstütztes Wohnen. Zum Beispiel erkennt die Eingangstür die Bewohner, öffnet sich aber nicht, wenn noch eine weitere unbekannte Person im Hintergrund steht. In der Küche hat der mit allen Schränken und Geräten vernetzte Herd nicht nur einen Überkochschutz, sondern hilft auch Schritt für Schritt beim Kochen, und der Garderobenspiegel schlägt zum Wetter passende Kleidung vor, die dann automatisch bereitgestellt wird. „An Regentagen erinnert er auch an den Schirm“, sagt Henne.

Recht, Ethik, Haftung, Datenschutz – alles noch ungeklärt

Solche technischen Angebote werden zwar „nicht der beste Kumpel“, doch könnten sie bestimmten Zielgruppen helfen, den Alltag zumindest ansatzweise selbst zu organisieren und am Leben mehr teilzuhaben, ist Henne überzeugt. Grundsätzlich allerdings sei mit Blick auf den Technikeinsatz vieles noch ungeklärt – rechtliche Fragen etwa, ethische Aspekte, die Haftung oder der Datenschutz.

Mehr Autonomie und Fürsorge durch Technik?

Hinzu komme vielfach Angst vor technischer Abhängigkeit, Vereinsamung und fehlender Selbstbestimmung. Und es sei auch noch offen, ob die Nutzung Kosten eher senken oder steigern werde. „Wir müssen uns immer fragen, ob wir dem Ziel von mehr Fürsorge und Autonomie durch Technik wirklich näherkommen“, sagt Henne und fordert: „Patienten und Bewohner sollten dauerhaft die Wahl haben, ob sie von Menschen oder Technik unterstützt werden wollen.“

Autor: Jens Kohrs

Illustration: Götz Wiedenroth

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