Pflegeheim

Nie mehr Ärger mit den Ärzten

Ja, das gibt es noch: Ärzte, die nur widerwillig ins Heim kommen und dort selbstherrlich walten. Beenden Sie die Willkür, setzen Sie auf Kooperationen, formulieren Sie Ihre Erwartungen.

Inhaltsverzeichnis

Gut anderthalb Wochen vor seinem Tod verpasste der Hausarzt dem Bewohner einer niedersächsischen Pflegeeinrichtung noch eine Grippeschutzimpfung. Der 95-Jährige lag bereits im Sterben. Die bevollmächtige Tochter wurde weder vor- noch nachher darüber informiert. Erst als sie nach dem Tod des Vaters die privatärztliche Abschlussrechnung zu Gesicht bekommt, erfährt sie von der Impfung.

Grauzone Grippeimpfung

„Das ist so ein Klassiker “, sagt Ugur Cetinkaya, Leiter der Seniorenresidenz SenVital im bayerischen Ruhpolding. „Die Ärzte führen oft eigenständig Grippeimpfungen durch, ohne dies mit den Angehörigen abzusprechen. Das ist eine echte Grauzone.“ So wie offenbar vieles im Argen liegt beim Verhältnis Arzt–Patient–Pflegepersonal–Angehörige.

„Wie Götter in Weiß“

„Typische Konflikte zwischen Ärzten und Pflegern gründen etwa auf dem Verschwinden von Rezepten, dringend benötigten Medikamenten oder vergessenen Absprachen beim Blutdruck- oder Blutzuckermessen.“ Hinzu komme, so Pflegemanager Cetinkaya, oft „ein falsches Gleichgewicht“: Die Ärzte dominieren, kommen nicht regelmäßig, sondern unangekündigt und betrachten die Pflegekräfte meist nicht auf Augenhöhe. Cetinkaya: „Sie gebärden sich nicht selten wie Götter in Weiß.“ Vor allem in ländlichen Regionen gebe es dieses Problem.

Endlich Fachärzte im Heim

Für sein Ruhpoldinger Heim sei aber durch Kooperationsverträge sichergestellt, sagt Cetinkaya, dass Ärzte – auch Fachärzte wie Neurologe, Zahn- und Augenarzt – regelmäßig ins Haus kommen. „Toll wäre noch ein Urologe. Ich habe das Gefühl, dass die Kooperation besser funktioniert, wenn der Arzt oder die Ärztin etwas älter ist.“ Vielleicht wächst dann ja das Verständnis für die Bedürfnisse der Bewohner. Oder auch die Einsicht, dass regelmäßige Heimbesuche sich für den Arzt inzwischen durchaus lohnen?

Kooperationen jetzt ohne Budgetierung

Denn seit 2016 fällt nun auch die Budgetierung für Heimbesuche weg, falls Ärzte mit den Heimen einen Koordinations- oder Kooperationsvertrag schließen. Zuvor durften die Ärzte zwar Besuche und Behandlungen in den Heimen für jeden einzelnen Patienten abrechnen. Aber ab einer gewissen Anzahl nicht mehr vollständig, sondern nur noch reduziert oder eben „budgetiert“, wie es im Fachjargon heißt. Damit ist nun Schluss. „Die Ärzte sollen in den Heimen ja nicht noch abgestraft werden, wenn sie dort viele Patienten versorgen“, sagt ein Sprecher der Techniker Krankenkasse.

Bei 50 Heimpatienten 2500 Euro extra

Mit der Aufnahme von neuen Gebührenordnungspositionen erhält der kooperierende Hausarzt jetzt für jeden Mitbesuch dasselbe Honorar wie beim normalen Besuch. Bei 50 Heimpatienten kann der Arzt so quartalsweise ein durchschnittliches Zusatzhonorar von rund 2500 Euro erwirtschaften, hat der Deutsche Hausärzteverband berechnet.

Freie Arztwahl bleibt bestehen

Ziel des Vertrags ist eine verbesserte kooperative und koordinierte ärztliche und pflegerische Versorgung von Heimpatienten. Unnötige Krankenhauseinweisungen und Rettungsdiensteinsätze sollen dadurch ebenso vermieden werden wie unerwünschte Arzneimittelwirkungen. Das Recht auf freie Arztwahl der Patienten bleibt dabei unberührt.

Weitere Tipps: „Ärzteabende“ im Heim

Cetinkaya empfiehlt außerdem regelmäßige „Ärzteabende“. Ihm helfen diese Treffen sehr, um in seinem oberbayerischen Heim mit allen Ärzten der Region in Kontakt zu bleiben. „Da sind dann auch die Pflege- und Wohndienstleitungen dabei, und man kann auch mal Themen auf Augenhöhe ansprechen.“

Ist der Arzt übers Handy erreichbar?

Worauf der Altenpfleger und Düsseldorfer Blogger Dennis Zöphel außerdem wert legt: „Der Arzt sollte gut erreichbar sein. Mir ist wichtig, dass ich auch eine Mobilfunknummer von ihm habe. Dann kann man beim Schichtwechsel mal kurz persönlich bei ihm nachfragen, falls Unklarheiten hinsichtlich eines Patienten auftreten. Schnelle Rückmeldungen sind bei spontanen Entscheidungen sehr wichtig.“

Versteht der Arzt etwas von Palliativmedizin?

Zudem wünscht sich Zöphel vom Hausarzt im Heim eine gute palliative Versorgung. „Viele übernehmen das nicht, dann muss der Bewohner noch auf seine letzten Tage ins Krankenhaus verlegt werden und verstirbt dort statt im ihm schon vertraut gewordenen Heim.“ Unverständlich ist dem jungen Pfleger auch, warum Hausärzte sich so schwer tun mit der Verschreibung von aus seiner Sicht oft angemessenen starken Schmerzmitteln wie Morphin. „Mir scheint oft, dass Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen von den Ärzten nicht so beachtet und wertgeschätzt werden wie diejenigen, die sich noch äußern können.“ Die Pflegekräfte seien hier gefragt mit einer klaren Haltung.

Zöphel: klare Haltung zeigen, nicht alles hinnehmen

Zöphel findet es zudem schwierig, dass Angehörige und Pflegekräfte oft unkritisch das annehmen, was der Arzt sagt. Ein Paradebeispiel dafür sei die intravenöse Gabe von Flüssigkeit am Lebensende. „Er oder sie darf nicht verdursten“, so laute die Devise. Dabei sei erwiesen, dass ungewollte Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr den Sterbeprozess unnötig erschweren. „Wenn ich als Arzt aber keine Lust habe, den Angehörigen das zu erklären, verschreibe ich eben die Flüssigkeit, und alle sind beruhigt.“ Auch hier dürfe man nicht nur mit dem Finger auf andere zeigen, mahnt Zöphel: Die klare Haltung der Pflegekraft in einer solchen Situation sei unentbehrlich.

Autorin: Birgitta vom Lehn

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