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Beruf und Karriere

Nichts deutete daraufhin, dass sie Karriere machen würde 

Selbstzweifel, schwierige Kindheit und ohne Vitamin-B im Dresden der Nachwendezeit – trotzdem hat die Pflegefachkraft Lissy Nitsche-Neumann es geschafft: Heute ist sie Referentin für Senioren, Pflege und Innovation bei der AWO

Die Dresdnerin könnte über Generationen zurückschauen und doch niemanden finden, der studiert hatte. Ihre Vorfahren: Bauern und Arbeiter. Ihre Mutter war gelernte Maßschneiderin und arbeitete in der VEB Herrenmode, einem angesehenen Dresdner Betrieb. „Schwierig” seien die Verhältnisse in ihrer Kindheit gewesen, lässt die 48-Jährige durchblicken, finanziell wie familiär.

Es ist Wendezeit, als sich die Schülerin langsam über ihren Berufsweg Gedanken machen muss. Ihr Land, die DDR, verschwindet, während sich die 16-Jährige überlegt, dass sie sich am liebsten um Tiere kümmern würde. „Das Fürsorgliche habe ich in mir.” Doch eine Tierpflegerin im Dresdner Zoo rät ihr ab: Sie sei doch so zart, dass sie nicht einmal einen Elefantenhaufen wegschaufeln könne.

„Dann werde doch Krankenschwester”, kommt ihre Mutter, selbst gerade als Patientin im Krankenhaus, auf die wegführende Idee. „Dann bist du alles in einem: ein bisschen Serviererin, ein bisschen Kosmetikerin, ein bisschen Köchin.” Nitsche-Neumann lacht, wenn sie das heute erzählt. Heute, da sie in ihrem Büro des Landesverbands der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in der Dresdner Altstadt sitzt. Schräg gegenüber vom Sächsischen Landtag, in Wurfnähe von Zwinger und Semperoper.

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Hier ist sie seit Sommer 2020 Referentin für Senioren, Pflege und Innovation, versteht sich als Bindeglied zwischen allen Einrichtungen der AWO mit der Politik und Kostenträgern, transferiert die Probleme, die von der Basis kommen, nach oben, und bricht Themen, die vom Bund ausgehen, auf Landes- oder Einrichtungsebene herunter. Dazwischen, zwischen erstem Berufswunsch und Verbandsarbeit also, war sie alles: angestellt und selbstständig, Gründerin und Gesellschafterin, Studentin und Leasingkraft, war tätig in Kliniken wie in ambulanten Pflegediensten, in der Wissenschaft und in der Politik.

Frau Nitsche-Neumann, was haben Sie gesucht, auf Ihrem Berufsweg, wonach haben Sie gestrebt?

Lissy Nitsche-Neumann (überlegt): Ich würde sagen: nach Eigenständigkeit. Nach der Möglichkeit, Dinge selbst zu entscheiden, Prozesse zu gestalten, oder auch einfach nur: einen Patienten so zu versorgen, wie ich es für richtig halte, kraft meiner Ausbildung und meines Know-hows. Das ist leider etwas, woran es in der Pflege stark mangelt.

Top Management Pflege: Woran machen Sie das fest?

Lissy Nitsche-Neumann: Die Pflege ist unheimlich durchhierarchisiert. Schon aus der Historie heraus. An der Uniklinik Dresden, wo ich meine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert habe, lief zu meinen Lehrzeiten noch die Mutter Oberin über die Gänge. Dass es hier Oberschwestern gab, darunter dann die Stationsschwestern, und ganz am Ende der Hierarchiekette erst die Krankenschwestern, die dann auch nicht viel zu melden hatten – das hat mich früh gestört.

Top Management Pflege: Steckt in Ihnen eine Rebellin?

Lissy Nitsche-Neumann: Oh ja, ganz bestimmt. Ich habe mich häufig vor den Karren spannen lassen, wenn es Unmut unter den jungen Kollegen gab. War dann diejenige, die stellvertretend für alle anderen den Mund aufmachte, auch wenn die sich dann plötzlich wieder wegduckten.

„Wir Ossis fragen dreimal: Traue ich mir den Posten wirklich zu?“  

Nach der Ausbildung bewirbt sie sich um einen Studienplatz an einer Fachhochschule in Berlin-Zehlendorf, einer der wenigen Schulen, die Menschen auch ohne Abitur ein Pflegestudium anboten. Auch dieser Schritt war ein Ergebnis der politischen Wende. „Abitur, Studium, das waren Optionen, die in der DDR nur per Delegation durch den Staat möglich gewesen waren”, sagt Nitsche-Neumann. „Dass ich, als Tochter einer Frau, die zwar Arbeiterin, aber aus der SED ausgeschlossen worden war, einmal studieren würde, das war für mich kaum zu glauben.” Den Zusagebrief aus Zehlendorf in den Händen zu halten – ein Glücksmoment für die junge Pflegerin, ein „Höhepunkt“ in ihrem Leben.

Doch durch das Studium muss sie sich hindurch quälen. Mathe und Statistik bereiten ihr Probleme – es sind die Kommilitonen, die flugs eine Arbeitsgruppe gründen und ihr geduldig Wahrscheinlichkeitsrechnung erklären. „Ohne die hätte ich es nicht geschafft.” Daneben geht sie arbeiten; das elternunabhängige Bafög, das sie erhält, reicht kaum zum Leben, also heuert sie als Leasingkraft an, arbeitet in der Pflege in Berliner Kliniken und Pflegediensten. Eine harte Zeit – aber am Ende eine erfolgreiche. Nach ihrem Abschluss, Notenschnitt: 1,7, geht sie zurück nach Dresden. Ihre Wurzeln, ihre Freunde ziehen sie hierher; für die Karriere, so resümiert sie heute, wäre ein beruflicher Abstecher in den Westen der Republik besser gewesen. „Der Osten ist einfach ein schwierigerer Ort für Karrieren.“

Top Management Pflege: Der Osten ein schwieriger Ort für Karrieren – wie meinen Sie das?

Lissy Nitsche-Neumann: Es ist wahnsinnig schwer, hier an die richtigen Stellen zu kommen, in Spitzenpositionen also, wo man wirklich etwas gestalten kann. Zumindest, wenn man sich nicht anbiedern möchte. Und dann haben wir ja auch alle diese Ost-Mentalität…

Top Management Pflege: Was verstehen Sie darunter?

Lissy Nitsche-Neumann: Wir Ossis ticken einfach anders. Wir fragen eher dreimal, und zwar unabhängig vom Geschlecht: Oh, traue ich mir den Posten wirklich zu? Was hängt an der Entscheidung alles dran, habe ich dann am Ende weniger Zeit für Privates? Brauche ich das wirklich, muss ich mir das antun? Als Ossi, als Frau, und vor allem als Mitarbeitende in der Pflege stellen wir uns nicht unmittelbar in die erste Reihe.

Wieder in Dresden angekommen, bleibt kaum Zeit zum Ausruhen. Eine bundesweite Pflegekette sucht jemanden, der in der sächsischen Landeshauptstadt einen gerontopsychiatrischen Pflegedienst aufbaut. Nitsche-Neumann wittert ihre Chance. „Hier konnte ich alles anbringen: meine Praxiserfahrung, aber auch mein Management-Know-how.” Und endlich auch: eigenständig arbeiten.

Lissy Nitsche-Neumann: Doch so spannend ich die Position auch fand, rückblickend muss ich sagen, dass ich hier richtig verheizt worden bin.

Top Management Pflege: Wodurch?

Lissy Nitsche-Neumann: Als Pflegedienstleitung bei einem ambulanten Pflegedienst sind Sie die sprichwörtliche eierlegende Wollmilchsau. Sie sind verantwortlich für alles: für die Patientenplanungen, die Touren, Sie müssen in der Pflege selbst mit anpacken, aber auch die Qualität sicherstellen, die Angehörigen ins Boot nehmen und beraten, den Dienstplan schreiben. Und gerade im Aufbau, wenn man noch kaum Aufgaben delegieren kann, lastet das schwer. Dann wollte die Berliner Zentrale natürlich, dass die Zahlen stimmen, hat Druck aufgebaut. Das war hart. Den Pflegedienst gibt es auch heute noch, ich habe also irgendetwas richtig gemacht (lacht). Doch nach drei Jahren dort war ich am Ende, nichts ging mehr. Ich war ausgebrannt.  

Top Management Pflege: Haben Sie Konsequenzen gezogen? Gekündigt?

Lissy Nitsche-Neumann: Ich habe erst einmal weitergemacht, aber meine Antennen ausgefahren. Denn wenn mir das Leben etwas beigebracht hat, dann das: Hab' Geduld und halte die Augen offen, das Leben hat für dich eine Lösung, du musst nur erkennen, wenn es soweit ist.

Top Management Pflege: Und welche Lösung hatte es für Sie parat, das Leben?

Lissy Nitsche-Neumann: Den Gang in die Wissenschaft. Unglaublich, aber doch: Das Deutsche Institut für Gesundheitsforschung suchte eine wissenschaftliche Mitarbeiterin, die dabei helfen sollte, die Gesundheitsziele in Sachsen mit zu entwickeln. Das habe ich dann bis 2012 gemacht: Themen recherchiert, viel gelesen, vor allem über die Situation von pflegenden Angehörigen, Studienergebnisse zusammengestellt. Das war herrlich. Und so ruhig nach all dem Pflegestress! Einmal, in meiner Anfangszeit, habe ich den Telefonhörer abgenommen, um zu prüfen, ob der Apparat überhaupt funktioniert. Es hat einfach so selten geklingelt. Nach drei Jahren PDL eine surrealistische Erfahrung.

Vielleicht wäre sie hier geblieben, in der Wissenschaft, wenn nicht die Finanzkrise dazu geführt hätte, dass Fördergelder gestrichen wurden, das Forschungsprojekt „abgewickelt” wurde, wie sie sagt. Nitsche-Neumann musste sich wieder neu erfinden, probiert sich in der Freiberuflichkeit. „Mein Blick ging immer rüber zu den Westkollegen, die sich alle selbständig machten, die plötzlich Coach wurden oder Lebensberater und damit ihr Geld verdienten.” Sie versucht es, arbeitet freiberuflich als Dozentin, bietet sich als Qualitätsauditorin an. „Doch mehr als 25 Euro Honorar pro Stunde waren hier in Sachsen nicht auszuhandeln – und davon kann man nun einfach nicht leben.” Sie riskiert es dennoch, gibt höhere Honorarwünsche an, nur um festzustellen, dass sie prompt nicht mehr gebucht wurde. Drei, vier Jahre hält sie auch das durch, denn die Lehrarbeit, etwa an einer Altenpflegeschule, macht ihr Freude. Insgeheim geht sie aber auch hier wieder in ihre erprobte Wartehaltung, hält die Augen und Ohren offen – und da ist sie wieder: die nächste Gelegenheit. Der Prokurist der Altenpflegeschule erwägt, einen Pflegedienst zu gründen und holt Nitsche-Neumann dazu. Gemeinsam mit zwei anderen Pflegeexpertinnen heben sie einen eigenen Pflegedienst aus der Taufe: Lebensdank.

Top Management Pflege: Gründen! Das muss man sich auch erst einmal trauen.

Lissy Nitsche-Neumann: Ja, aber es ist so spannend! Die Eigenverantwortung, die Möglichkeit, selber zu gestalten – für mich als Strategin und Visionärin war das genau der Weg. Und für mich war von Anfang an klar: Ich will den Dienst nur aufbauen, nie wieder wollte ich operativ als PDL tätig werden. Ich will Dinge voranbringen, aber wenn sie etabliert sind, sind sie für mich schon wieder langweilig. Und der Pflegedienst ist auch noch mehr: Er ist meine Altersvorsorge. Ich habe ja immer wenig Geld verdient in einem prekären Frauenberuf, meine Rente wird entsprechend gering ausfallen. Und wie bei vielen Menschen mit DDR-Hintergrund gibt es auch in meiner Familie kein Vermögen, keine Erbwerte; ich muss also schauen, wie ich mein Alter absichere. Ich dachte mir: Dafür lohnt es sich doch, als Gesellschafterin einen Pflegedienst mit aufzubauen. Deshalb habe ich mich da nochmal ordentlich reingekniet.

Top Management Pflege: Wie sah das aus?

Lissy Nitsche-Neumann: In der Anfangszeit habe ich zum Beispiel noch selber Patienten betreut, auf einen Teil des Gehalts verzichtet, damit wir Leute einstellen konnten, die wir wiederum anständig bezahlen konnten. Daneben habe ich für einige Zeit noch eine halbe Stelle angenommen als Pflegeexpertin bei der SPD-Landtagsfraktion, genauer: in der Enquete-Kommission Pflege. So konnte ich mir meine Gründerstartjahre querfinanzieren.

Auch das war wieder hart. Auch das wieder eine Zeit, in der ihre Freunde ihr zuraunten: Mensch, Lissy, pass auf dich auf, übernimm dich nicht schon wieder.

Top Management Pflege: Sind Sie vielleicht nicht nur eine Rebellin, sondern auch eine mit ordentlich Kampfgeist?

Lissy Nitsche-Neumann: Ohne Kampfgeist geht es in der Pflege doch gar nicht. Und ohne Kampfgeist wäre ich nicht so weit gekommen. Klar, es gibt Niederlagen, klar heult man mal, weil es anstrengend ist. Aber dann: Tränen wegwischen, Krönchen richten, weitermachen.

Heute hat sich Nitsche-Neumann aus dem operativen Geschäft von Lebensdank zurückgezogen, ist reine Gesellschafterin. Und das Leben schickte ihr sowieso schon wieder den nächsten Posten. Die Pflegeexpertin hatte sich längst einen Namen gemacht in der sächsischen Pflegewelt. Als das Sozialministerium Ende 2019 an die SPD fällt, versucht die Partei, sie für die Behörde zu gewinnen. „Als Sachbearbeiterin!”, sagt sie, fast ein wenig entrüstet. Nitsche-Neumann hat keinen regulären Universitätsabschluss, der Zugang zu einer Referentenstelle, wie sie sie anstrebt, bleibt ihr verwehrt. Sie lehnt ab. Wer Nitsche-Neumann aber stattdessen bekommt, ist der Geschäftsführer der AWO. Er bietet ihr den Posten an, der ihr, ihrem Wesen und ihrer Erfahrung entspricht: Sie wird Referentin für Pflegeangelegenheiten.

Lissy Nitsche-Neumann: Das ging so schnell: Am Mittwoch rief er an, Donnerstag bin ich fürs Gespräch hingefahren, Freitag sind wir uns einig geworden – und Montag habe ich angefangen.

Top Management Pflege: Verbandsarbeit ist ja nun wieder ein ganz neues Tätigkeitsfeld…

Lissy Nitsche-Neumann: Und es war auch ein ganzes Stück Arbeit, mich da hineinzufinden. Da ist die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege, da sind die ganzen Verbandsstrukturen, da ist die Facharbeit gegenüber den Einrichtungen...

Top Management Pflege: Was gefällt Ihnen an Ihrer Position?

Lissy Nitsche-Neumann: Die Abwechslung, die Vielfalt. Es ist ein sehr dynamisches Geschäft, ich weiß morgens selten, was heute wieder Neues hereinkommt. Manches ist aber auch die Arbeit von Monaten. Gerade habe ich über Wochen hinweg gemeinsam mit anderen Verbänden der Wohlfahrt für die ambulanten Pflegedienste verhandelt. Durch die bundesgesetzlichen Beschlüsse zum Beispiel zu den Tarifen hat sich das Verhandlungsgeschehen in den Länderebenen ja stark verändert.

Top Management Pflege: Gibt es etwas, das Ihnen weniger gefällt?

Lissy Nitsche-Neumann (überlegt): Ja, dass es manchmal länger dauert, bis Dinge endlich abgestimmt sind. Bis alle Befindlichkeiten berücksichtigt sind, alle ihren Senf abgegeben haben, bis ein Statement rausgegeben werden darf, so Dinge. Aber das gehört eben auch zum demokratischen Verständnis und ist deshalb auch wieder gut so.

Top Management Pflege: Sie haben Ihr ganzes Berufsleben lang gekämpft, haben sich auch Ihre Karriere hart erarbeitet. Was gibt Ihnen Kraft?

Lissy Nitsche-Neumann: Neben meinen Freunden, die mir sehr wichtig und eine echte Stütze sind, würde ich sagen: Humor. Arbeit muss Spaß machen, hat mein ehemaliger Chef immer gesagt. Ich lache gern und am liebsten über mich selbst. Das hält mich aufrecht. Das ist doch überhaupt das Wichtigste: Wir sollten wirklich nie aufhören zu lachen.

Text: Romy König

[Sie möchten Lissy Nitsche-Neumann persönlich kennenlernen? Vielleicht treffen Sie sie ja bei einem unserer digitalen Netzwerk-Talks oder sogar “live” beim Deutschen Pflegetag in Berlin? Werfen Sie einfach einen Blick auf die Veranstaltungs-Übersicht.]

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