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Boostern in Heimen – ein steiniger, dunkler Weg

Corona-Impfung

Nicht mal die Hälfte aller Bewohner hat zweiten Booster

In manchen Bundesländern sind es weniger als 20 Prozent. Wie es weitergeht? Das scheint ungewiss, weil der Bund und viele Landesministerien den Überblick verloren haben, wie unsere Recherche zeigt

Die nächste Corona-Welle steht vor der Tür. Für den Herbst prophezeien die Virologen einen rasanten Wiederanstieg der Corona-Fälle. Eine Möglichkeit, der Welle die Wucht zu nehmen, ist, die zweite Booster-Impfung für alle Bewohner, denn sie sind hoch gefährdet. Aber die bekannten Zahlen und die wenigen Impfaktionen in den Ländern lassen Schlimmes erahnen.

Die ersten Ausläufer haben Deutschland schon erreicht: Starben nach Daten des RKI im Juni rund 250 Menschen pro Woche an den Folgen der Infektion, waren es Ende Juli schon „100 pro Tag“, wie Gesundheitsminister Karl Lauterbach dieser Tage sagte. Und es sind vor allem die vulnerablen Personengruppen, Menschen ab 60 mit Vorerkrankungen, die schwer erkranken oder sterben. Eine Folge: Die Krankenhäuser arbeiten zum Teil schon wieder am Limit, Operationen müssen wie in den Hochzeiten des vergangenen Jahres abgesagt werden.

Bundesländer regen sich kaum, sie warten auf die Regierung  

Doch so richtig scheint das bei den zuständigen Länder-Ministerien noch nicht angekommen zu sein. Statt selbst schon einmal Initiative zu ergreifen, warten sie auf Vorgaben von der Bundesregierung, . In der Bundesregierung verhandeln zurzeit noch Gesundheits- und Justizministerium über die weitere Ausgestaltung des Infektionsschutzgesetzes – das derzeitige läuft am 23. September aus.

Zwar hat die Gesundheitsministerkonferenz (GMK) zuletzt am 1. Juli noch mal an den Bund appelliert, noch vor der Sommerpause einen Entwurf zur Änderung des Infektionsschutzgesetzes vorzulegen. Der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek fordert „konkrete“ Schritte der Bundesregierung und spricht vom „Chaos“ in Berlin.

Impfquoten gehen an den Landesministerien vorbei ans RKI  

Doch auch ohne Vorgaben aus der Hauptstadt könnten die Länder schon einiges konkret tun. Zum Beispiel mit Impfaktionen für eine zweite Booster-Impfung in den Pflegeeinrichtungen. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt diese inzwischen ab 70 Jahren, die EU für alle über 60. Und Gesundheitsminister Karl Lauterbach möchte am liebsten alle Deutschen zum vierten Mal impfen. „Boostern, boostern, boostern“ lautet sein Appell. Denn gerade für die über 60-Jährigen sei die Booster-Impfung wichtig, „um schwere Krankheitsverläufe oder gar Todesfälle zu verhindern“, wie er dem RND sagte.

Doch in den Ländern passiert da wenig. In den meisten zuständigen Ministerien liegen nicht einmal aktuelle Zahlen zur Impfquote in den Pflegeeinrichtungen vor. Das ergibt eine Umfrage von pflegen online in der letzten Juli-Woche.

Booster-Quote von 9 bis 10 Prozent in Thüringen und Sachsen   

Der mangelnde Überblick in den Landesministerien lässt sich erklären: Seit der Änderung des Infektionsschutzgesetzes Anfang des Jahres liefern die zuständigen Gesundheitsämter die aktuellen Impfquoten direkt an das RKI, das dann die Zahlen aufbereitet. So entstehen die täglichen Impf-Bulletins. Die Impf-Situation in den Pflegeeinrichtungen wird allerdings nur monatlich aufgeführt. So veröffentlichte das RKI erst Ende Juli die Zahlen, die bis Ende April gesammelt wurden. Danach waren deutschlandweit 34 Prozent der Bewohner mindestens viermal geimpft. Mit großen Unterschieden zwischen den Ländern: Schlusslichter waren Thüringen mit neun und Sachsen mit zehn Prozent. Top dagegen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen mit 47 Prozent.

Zweiter Booster: RKI auf dem Stand von Ende April    

Doch was hat sich seitdem getan? Wie sehen die aktuellen Zahlen drei Monate später aus? Wir fragten bei den zuständigen Landes-Ministerien nach, wie der aktuelle Stand der zweiten Booster-Impfung in den Pflegeeinrichtungen ist.

Die Booster-Quoten der einzelnen Bundeländer 

Hier die Antworten der neun Bundesländer, die antworteten (in Klammern die Zahlen des RKI vom April zur 2. Booster-Impfung):

Baden-Württemberg (29 Prozent): Es liegen keine aktuelleren Zahlen vor. Gesundheitsminister Lucha sieht das als problematisch an. In einer Pressemitteilung vom 21. Juli heißt es: „Auffallend sei, dass die Mehrheit der Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen noch keine zweite Auffrischimpfung in Anspruch genommen hat. Manfred Lucha (Grüne) hat daher heute nochmals alle Pflegeheime und Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen im Land mit der Bitte angeschrieben, sowohl bei den Beschäftigten als auch den Bewohnerinnen und Bewohnern dafür zu werben, jetzt vorhandene Impflücken zu schließen.“

Bayern (24 Prozent): Keine aktuelleren Zahlen. Um die Corona-Auffrischungsimpfungen voranzutreiben, sollen „Impfbeauftragte in den Impfzentren die Alten- und Pflegeeinrichtungen zukünftig eng betreuen und sich gezielt um die erste oder zweite Auffrischungsimpfung der Bewohnerinnen und Bewohner kümmern“, wie Gesundheits- und Pflegeminister Klaus Holetschek (CSU) am 22. Juli mitteilte.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) kommentiert die derzeitige Situation auf Twitter so: „Die 4. Impfung wird in Deutschland viel zu wenig eingesetzt. Ab 60 senkt sie deutlich die COVID-Sterblichkeit.“ Und geht nun in die Offensive: „In den Pflegeeinrichtungen bereiten wir eine Kampagne für 4. Impfung vor“,

Brandenburg (22 Prozent): Hier verweist man auf die April-Zahlen des RKI. Und auf die Bundesregierung: „Um Eindämmungs-Maßnahmen auf Landesebene anordnen zu können, ist die Novellierung des Infektionsschutzgesetzes des Bundes nötig.“

Bremen (42 Prozent): „Eine abschließende Antwort können wir Ihnen leider nicht geben. Die mobilen Impfteams des Landes Bremen haben bislang insgesamt 4.930 Viertimpfungen bei Bewohner:innen von Pflegeeinrichtungen durchgeführt. Hinzu kommen Impfungen, die durch Hausärzt:innen durchgeführt wurden, die uns aber nicht bekannt sind.“ Ansonsten wird an das RKI verwiesen.

Hamburg (43 Prozent): Hier gibt man zu, dass „unsere aktuellsten Daten aus dem April stammen und derzeit nicht mehr aussagekräftig“ sind. Und: „Mit Blick auf den Herbst haben wir begonnen, wie für die bisherigen Impfungen auch erneut ein durch die Stadt organisiertes, mobiles Impfangebot für weitere Auffrischungsimpfungen zu planen.“

Hessen (37 Prozent): „Nach der Änderung des Infektionsschutzgesetzes werden alle Impfdaten direkt vom RKI ausgewertet. Uns liegen keine aktuellen Daten vor“, so eine Pressesprecherin. Aktionen, um die zweite Booster-Impfung voranzutreiben, gibt es nicht.

Nordrhein-Westfalen (47 Prozent): Hier kann das zuständige Ministerium mit aktuellen Zahlen aufwarten. Waren nach den Daten des RKI bis Ende April 60.455 Bewohner und Bewohnerinnen zum zweiten Mal geboostert, meldet das Land nun für Ende Juli über 90.000 Zweitgeboosterte. Aber auch hier der Verweis nach Berlin: „Mit dem Infektionsschutzgesetz hat der Bund im letzten Jahr die meisten Befugnisse in Sachen Coronaschutz-Regelungen an sich gezogen. Welche Maßnahmen die Länder im Herbst treffen können, hängt daher maßgeblich davon ab, inwiefern der Bund das Infektionsschutzgesetz überarbeiten wird.

Rheinland-Pfalz (37 Prozent): Hier liegen aktuellere Zahlen vor. Bis zum 1. Juli wurden „14.155 Bewohnerinnen und Bewohner von 32.716 ... bereits zweimal ‚geboostert’, d.h. 43,27%.“ Und man habe Ende Juni die „Einrichtungen erneut angeschrieben und noch einmal über die Notwendigkeit einer zweiten Boosterimpfung informiert.“

Sachsen (10 Prozent): Verweis auf das RKI. Und: „Aktuell ist eine neue Impfkampagne in Planung, die noch einmal besonders die ältere Bevölkerung ansprechen wird, um diese für die Wichtigkeit der Impfung im Herbst zu sensibilisieren. Grundsätzlich stehen bei den Corona-Maßnahmen (dazu zählt auch das Impfen) die Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen als vulnerable Personengruppe besonders im Fokus“, wie das Sozialministerium Sachsen auf unsere Anfrage mitteilt.

Sachsen-Anhalt (16 Prozent): Auch hier ist man auf dem RKI-Stand von April, verweist aber darauf, dass die RKI-Zahlen nur begrenzte Aufschlüsse geben da  „nur etwa 30 Prozent der 688 Pflegeeinrichtungen in Sachsen-Anhalt bei der Analyse berücksichtigt wurden“, wie das Sozial-Ministerium mitteilt.

Thüringen (9 Prozent): Auch diesem Bundesland liegen keine frischen Zahlen vor. Aber das Impfen wird auch hier forciert: „Mit einer gemeinsamen Pressemittelung vom 19.07.2022 haben Gesundheitsministerin Werner und Kassenärztliche Vereinigung Thüringen erneut zum Impfen aufgerufen. Unsere mobilen Impfteams der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen unterstützen weiterhin die Einrichtungen der Pflege und Eingliederungshilfe bei der Durchführung der 2. Auffrischungsimpfung.“ 

Autor: Hans-Georg Sausse

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