Niedersachsen

Neue Impulse für Hannovers Pflegeeinrichtungen

Wie Hannovers Alten- und Pflegeheime zu wertvollen Quartierszentren für das Leben und Wohnen Älterer werden können, hat eine Impulstagung des Fachbereichs Senioren der Landeshauptstadt aufgezeigt.

Inhaltsverzeichnis

Viele der 90 Alten- und Pflegeheime in Hannover sieht Dagmar Vogt-Janssen als mögliche Quartierszentren für das Leben und Wohnen älterer Menschen in gewachsenen Wohngebieten. Das machte die stellvertretende Fachbereichsleiterin Senioren der Landeshauptstadt Hannover jetzt vor rund 100 Gästen der Tagung „Zukunft stationärer Pflegeeinrichtungen -- Aus- und Ausbau von Quartierszentren“ deutlich. Orientiert an den Bedürfnissen der Menschen vor Ort könnten sie später mit passenden Partnern auch komplette Versorgungsketten für alle Pflege-, Betreuungs-, Service- und Beratungsbedarfe ins Leben rufen.

Zunächst sollten Alten- und Pflegeheime Konzepte zu ihren Dienstleistungen als Quartierszentren erarbeiten. Dagmar Vogt-Janssen: „Parallel gilt es, die bereits vorhandenen Infrastrukturen aller relevanten Akteure und die Bedarfe und Bedürfnisse der Menschen vor Ort zu erfassen.“ Haben sich dann die nötigen und passenden Partner z. B. aus ambulanter Pflege, Wohlfahrts- und Privatunternehmen, Wohnungswirtschaft etc. gefunden, könnten Gesamtversorgungsverträge für ambulante und stationäre Pflegeleistungen mit Pflegekassen und Kooperationsvereinbarungen der Akteure geschlossen werden.

Quartierskonzepte auf dem Vormarsch

In der Altenhilfe haben Quartierskonzepte bundesweit einen steigenden Stellenwert. Denn einen bedarfsgerechten Versorgungsmix aus stationärer Pflege, Tagespflege, alternativen oder betreuten Wohnformen, ambulanter Pflege und Betreuung, guter Beratung und Anbindung von Nachbarschaftsinitiativen und Vereinen vor Ort sehen Experten als das Gebot der Stunde.

Die Pflegestärkungsgesetze (PSG) I bis II förderten vor allem ambulante Angebote wie neue Wohnformen und die teilstationäre Tagespflege. Sie folgen dem Grundsatz „Ambulant vor stationär“. Daher erweitert so mancher stationäre Pflegeanbieter sein Leistungsportfolio nun um ambulante Pflege. Die Rolle der Kommunen als Planer von Beratungsstrukturen, als Gestalter nötiger Infrastruktur und Förderer der Vernetzung verschiedenster Akteure hat das PSG III gestärkt.

Trend: Pflege aus einer Hand

Die Trends zu quartiersbezogenen Komplettangeboten für Ältere und zur Vernetzung diverser Akteure bestätigte Tim Liedmann, Seniorberater der Curacon GmbH: „Immer mehr bisherige Heimbetriebe setzen darauf, alle Formen der Pflege aus einer Hand zu bieten.“ Viele neue Tagespflegen entstanden, deren Auslastung von 60 auf über 80 Prozent stieg. Neue Kunden spülte Kurzzeitpflegeanbietern auch das Krankenhausstrukturgesetz zu: Denn seit 2016 dürfen Klinikärzte Patienten auch anschließende Kurzzeitpflege auf Kosten der Krankenkassen verordnen.

Liedmanns wichtigster Tipp an alle Pflegemanager: „Fragen Sie die Leute am Bett, was sie möchten, wenn sie neue Versorgungsketten aufbauen wollen.“ Beste Chancen verheißt der Experte guten Versorgungsangeboten der Wohnungswirtschaft für Ältere, Tagespflegen und „Houses of life“ mit stationärer Pflege, Betreutem Wohnen, Pflege für Jüngere und ambulanten Diensten.

„Heime werden zu Altenkrankenhäusern. Daher sind Träger gut beraten, sich zu Gesundheitszentren in Quartieren mit lokalen Pflegeallianzen zu entwickeln“, betonte Dr. Bodo de Vries, Vize-Vorstandschef des Evangelischen Johanneswerks in Bielefeld. Derartige Lösungen hat der Träger von 70 stationären, teilstationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen schon an einigen Standorten realisiert. Seine Analyse: „Je vielfältiger die Zugänge zur Pflege sind und je differenzierter die örtliche Infrastruktur ist, desto kürzer wird die Verweildauer von Heimbewohnern.“ Je mehr Wahlangebote Ältere und Pflegebedürftige hätten, desto zufriedener seien sie.

Praxisbeispiele

Gelungene Praxisbeispiele für Quartierszentren insbesondere aus Nordrhein-Westfalen präsentierten die Referenten zur Motivation der Akteure in Hannover:

  • Mit dem Helene-Schweitzer-Haus in Steinheim (Landkreis Höxter) hat das Evangelische Johanneswerk 2014 ein Heim modernster Form nur für Schwerstdemenzkranke, Schwer- und Schwerstpflegebedürftige sowie Sterbenskranke geschaffen und mit Betreutem Wohnen im benachbarten Johannesstift, ambulanter Pflege und einem Nachbarschaftszentrum mit angeschlossenem Koch- und Handwerksbereich kombiniert. Eine Stiftung, in die das Johanneswerk und die Stadt gemeinsam tragen, finanziert dauerhaft eine „Gemeinwesenarbeiterin“, die bereits wöchentlich 15 Veranstaltungen mit örtlichen Vereinen, Selbsthilfegruppen etc. anbahnt und koordiniert. Vollends zum Quartierstützpunkt wird das Zentrum, wenn es bald durch das neue Bürgerprojekt „Gemeinsam für Steinheim (GeiST) mit weiteren Kultur- und Freizeitangeboten unterstützt wird.
  • Das Schenkel-Schoeller-Stift in Düren ergänzte sein einstiges Pflegeheim zunächst um Betreute Wohnungen und gewann so viele rüstige, noch nicht pflegebedürftige Ältere als neue Bewohner. Aufgrund der besseren Finanzierung ambulanter Leistungen durch die Pflegestärkungsgesetze I und II entstanden auf dem Gelände auch eine Tagespflege und ein hauseigener ambulanter Pflegedienst für Kunden auf dem Campus-Gelände.
  • Im Stadtteil Kronsberg in Hannover hat der Klinik- und Heimverbund Diakovere sein erstes kleines Quartiersprojekt mit der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GBH (heute: „Hanova“) und der AWO nach vierjähriger Vorarbeit realisiert. Nun hofft der Träger am Annastift in Mittelfeld mit der Hanseatischen Immobilien Treuhand und der Norddeutschen Wohnbau das anspruchsvolle inklusive „Vitalquartier“ für Menschen jeden Alters mit und ohne Handicap u. a. mit 350 barrierefreien Wohnungen, Pflegezentrum für das Servicewohnen, Quartierstreff, Pflegestützpunkt und Conciergedienst für Alltagshilfen bis 2021 umsetzen zu können. Auch am Altenzentrum Kirchrode soll ein Quartierszentrum entstehen.

Neue Förderchance in Niedersachsen

Gerade hat sich für niedersächsische Kommunen eine neue Förderchance für neue Quartierszentren ergeben. Mit jährlich 22,5 Millionen Euro aus dem „Investitionspakt Soziale Integration im Quartier“ unterstützen Bund und Land auch solche Vorhaben und den Einsatz von Quartiersmanagern. Erstmals können Kommunen, die Städtebauförderung erhalten, und zehn Prozent der Projektkosten tragen wollen, bis 1. Juli 2017 Förderanträge beim zuständigen Amt für regionale Landesentwicklung stellen.

Autor: Uwe Lötzerich, UL Fachredaktion Gesundheit + Pflege, Hannover