Patientensicherheit

Nachts Medikamente stellen? Besser nicht!

Der Umgang mit Medikamenten in den meisten deutschen Kliniken und Pflegeheimen lax organisiert. Wie Pflegekräfte Patienten und sich selbst besser schützen können, erklärt Medizinrechtler Tobias Weimer im Interview

Inhaltsverzeichnis

Luftfahrtexperten würden den Kopf schütteln, wenn sie von Fällen wie dem in Göppingen hören würden, wo zwei Patienten starben, weil eine Pflegefachkraft ihnen statt Kochsalzlösung mit dem Schmerzmittel Metamizol das Lokalanästhetikum Ropivacain verabreicht hat. Sie wären erstaunt, dass es beim Verabreichen von Medikamenten kein Vier-Augen-Prinzip gibt. Wie sehen Sie das?

Tobias Weimer: Das Vier-Augen-Prinzip ist absolut sinnvoll, aber es ist in deutschen Krankenhäusern nicht gesetzlich verankert. Letztlich geht es um die sorgfältige Organisation des Unternehmens – auch im Bereich der Arzneimittelversorgung – zum Wohle des Patienten und zum Schutz der Mitarbeiter als auch des Unternehmens selbst.

Heute (17. September 2019) ist der erste Welttag der Patientensicherheit - was es mit diesem Tag auf sich hat, erfahren Sie hier

In vielen deutschen Kliniken und Altenpflegeeinrichtungen stellt noch immer die Nachtschicht Medikamente. Oft sind sie allein auf Station oder im Wohnbereich. So ist die Möglichkeit eines Vier-Augen-Prinzips doch von vornherein ausgeschlossen.

Nachts Medikamente zu stellen, halte ich für schwierig. Die Konzentrationsfähigkeit lässt nach. Außerdem muss die Pflegefachperson oft ihre Arbeit unterbrechen, wenn Patienten klingeln, denn sie ist meistens allein. Auch das fördert Fehler. Das müsste man anders organisieren. Ob an dieser Stelle die neuen Pflegemindestpersonalanforderungen helfen, darf mit Spannung abgewartet werden. Pflegefachpersonen sollten darauf aufmerksam machen und an die Stationsleitung und Pflegedienstleitung herantreten, wenn sich nichts ändert an die Mitarbeitervertretung beziehungsweise an den Betriebsrat.

Gemeinsam sollte man sich dann ganz genau vor Augen führen, wie der Prozess im Detail aussieht: Wer stellt, wer verabreicht, wie garantiert man, dass Änderungen der Verordnung umgesetzt werden? Die zentrale Frage lautet: Ist der Prozess sicher organisiert? Eine solche Analyse ist auch im Interesse des Arbeitgebers, denn es schützt ihn vor Organisationsverschulden.

Grundsätzlich können Organisationsmängel des Unternehmens die subjektive Schuld des einzelnen Pflegemitarbeiters reduzieren. Aber das ist wenig tröstend für eine Pflegefachperson, der eine folgenreiche Verwechslung passiert ist. Jeder sollte sich jedoch fragen: Kann ich es verantworten, unter den gegebenen Bedingungen Medikamente zu richten und zu verabreichen?

Das Interview erschien zuerst im digitalen Magazin der Pflegekammer Rheinland-Pfalz

Wie sollte man reagieren, wenn man merkt, dass man das falsche Medikament, die falsche Dosis oder das Medikament zur falschen Zeit verabreicht hat?

Bei Fehlern gilt die Berichtspflicht gegenüber dem Vorgesetzten. Es ist natürlich auch wichtig, damit Gegenmaßnahmen eingeleitet werden können. Verfügt das Haus über ein Fehlermeldesystem, ist es sinnvoll, das Ereignis auch dort zu dokumentieren. Das hilft insgesamt der Fehlervermeidung, denn die Einträge sollten ausgewertet werden, um daraus Veränderungen abzuleiten.

Ganz wichtig auch: Richtet der Patient oder seine Familie Schadenersatz- oder Schmerzensgeldansprüche an einen persönlich, dann muss ich darüber unbedingt die Geschäftsführung informieren. Dann kann der Arbeitgeber die Haftpflichtversicherung des Hauses einschalten.

Was passiert, wenn der Patient tatsächlich Schaden genommen hat?

Im günstigen Fall hat der Arbeitgeber für die strafrechtliche Interessenvertretung eine erweiterte Strafrechts-Rechtsschutzversicherung. Dann zahlt er für den Mitarbeiter den Anwalt. Dennoch hat der Mitarbeiter das Recht, sich den Anwalt selbst auszusuchen. Wenn es um Schadensersatzforderungen des Patienten geht, dann ist die Haftpflichtversicherung des Trägers zu informieren.

In jedem Fall rate ich jeder Pflegefachperson, sich bei ihrem Arbeitgeber ganz genau zu erkundigen, wie umfangreich sie haftpflichtversichert ist und gegebenenfalls noch eine Zusatzversicherung abzuschließen. Noch wichtiger aber: Wann immer einem auffällt, dass Abläufe fehleranfällig sind: melden, Finger in die Wunde legen, auf Veränderung drängen und dies auch dokumentieren.

Letztlich gilt es, eine ordnungsgemäße Compliance im Krankenhaus herzustellen. Compliance ist die Regel von der Einhaltung von Regeln, und davon gibt es im Krankenhaus zuhauf. Kritische Prozesse sind zu analysieren und einer Verfahrensanweisung im Sinne eines medizinischen wie auch pflegerischen Risikoatlasses zuzuführen. Im Rahmen von Schulungen kann so die Verwirklichung des Risikos zumindest minimiert werden.

Zur Person

Dr. Tobias Weimer (M.A., Foto unten) ist Fachanwalt für Medizinrecht (Kanzlei Weimer I Bork)

Interview: Kirsten Gaede

Foto (Porträt): Kanzlei Weimer I Bork

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